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Krimis des Monats: Verbrechen klärt man nicht auf, man begräbt sie unter Fakten

William McIlvanney: Noch so etwas wie Working-Class-Ethos Zur Großansicht
Ian Atkinson

William McIlvanney: Noch so etwas wie Working-Class-Ethos

Orkun Erteners "Lebt" ist der erste Kriminalroman eines Grimme-gekrönten Autors. William McIlvanneys "Laidlaw" zeigt die schmutzige Seite Glasgows. Maxim Leos "Waidmannstod" bietet maximale Lakonie.

Das Glasgow der einfachen Leute: William McIlvanneys "Laidlaw"

William McIlvanney wurde 1936 geboren, sieht aus wie Clark Gable und gehört zu den letzten Autoren, die noch so etwas wie Working-Class-Ethos besitzen. Als jüngst das Referendum über die schottische Unabhängigkeit anstand, unterstützte McIlvanney die Yes-Fraktion. Nicht wegen Öl oder nationalistischer Gefühle, sondern weil er die Hoffnung hatte, aus Schottland einen sozial gerechteren Staat zu machen.

Diese Einstellung spürt man bereits in den drei Kriminalromanen, die McIlvanney zwischen 1977 und 1991 geschrieben hat. Die in Glasgow angesiedelte "Laidlaw"-Trilogie gilt als Initialzündung für den Tartan Noir, also die moderne schottische Variante des Krimis. Dennoch war sie lange Jahre fast vergessen, was sich erst mit der Neuauflage änderte, die 2013 in Großbritannien auf den Markt kam. Auch in Deutschland gilt es, McIlvanney wiederzuentdecken, Kunstmann wird alle drei Bände herausbringen. Den Anfang macht "Laidlaw", das jetzt in einer blitzsauberen Neuübersetzung von Conny Lösch vorliegt.

Jack Laidlaw, McIlvanneys Detective Inspector, ein T.S. Eliot zitierender Eigenbrötler, zweifelt an sich, verzweifelt an der Gesellschaft - und flüchtet sich in Sarkasmus: "In den Städten wuchert der Krebs. Wer hat da schon Zeit, sich die Fingernägel sauber zu machen?" Seine Art, die Dinge zu hinterfragen, befremdet seine Kollegen, die mit Gedanken wie "Was ist ein Mord anderes als ein bewusst herbeigeführtes Unbedingtes, eine künstlich geschaffene Gewissheit? (…) Angesichts der Ungeheuerlichkeit verlieren viele die Nerven und erschaffen ein Monster, anstatt einen Menschen zu sehen" nichts anfangen können. Man werfe Laidlaw eine Frage beiläufig wie einen Schneeball zu und bekäme eine Lawine zurück, heißt es über den verhassten Detective.

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Laidlaws berühmtester Nachfahre ist Ian Rankins John Rebus, der sich zwar weniger als Philosoph geriert, seinem Vorbild aber in Sachen Starrköpfigkeit und anarchischem Verhalten in nichts nachsteht. Ohne McIlvanney hätte er wohl nie begonnen, Krimis zu schreiben, hat Rankin einmal gesagt, und das ist mehr als ein artiges Kompliment; viele andere britische Krimiautoren erzählen Ähnliches.

Der Mörder in "Laidlaw" gehört definitiv nicht in die Kategorie Monster, sondern ist im Grunde "Ein ganz armer Hund" - so der treffende Titel einer früheren deutschen Ausgabe des Romans. Ein verwirrter junger Mann, der seine Freundin umgebracht hat, weil er sich seiner Sexualität unsicher ist. Untergekrochen in einem leeren Apartment, geplagt von Schuld und Angst, muss er eigentlich darauf hoffen, dass Laidlaw ihn zuerst findet, denn auch die Glasgower Unterwelt macht Jagd auf ihn.

Es ist das Glasgow der einfachen Leute, das McIlvanney beschreibt: die viel zu kleinen Wohnungen in betongrauen Siedlungen, die Pubs, die nach Bier und Rauch und Verzweiflung riechen, die Straßen, die allesamt ins Nirgendwo zu führen scheinen. Diese Welt, das weiß Laidlaw, wird niemals in Ordnung kommen, ob er den Mörder findet oder nicht, denn Tat, Täter und Opfer sind nur Symptome einer kaputten Gesellschaft: "Verbrechen klärt man nicht auf. Man begräbt sie unter Fakten." Marcus Müntefering

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Wenn man gern eine Katze hätte: Maxim Leos "Waidmannstod"

Es gilt einen neuen Kommissar zu begrüßen in der Riege der Lieblings-Krimi-Ermittler. Name: Voss. Alleinstellungsmerkmal: wohnt in seinem Kinderzimmer. Erster Fall: ein ermordeter Jäger. Gefunden wird die Leiche, nur kurze Zeit nachdem Voss aus Stuttgart zurück in seine Heimatdorf Sternekorp gezogen ist, um sich nach dem Tod des Vaters um seine alte Mutter zu kümmern. Erschossen liegt der Jäger im Wald, auf Tannenzweige gebettet, mit zusammengeknoteten Händen und einem Ast im Mund. Nicht einfach ein Toter, eine Inszenierung wie aus einem dieser brutalen Filme, die so gute Einschaltquoten haben. Zu gute, wenn es nach Voss geht: "Voss findet, dass die Leute zu viele skandinavische Krimis gucken. Wie sonst sollte jemand auf die Idee kommen, so etwas zu veranstalten? Die Krimis verändern die Verbrecher, nicht umgekehrt, davon ist er überzeugt."

Dabei liegt das Dorf Sternekorp nicht einmal in der Nähe von Skandinavien. Sondern mitten auf dem flachen Land in Brandenburg, wo es als das Ideal einer Freundschaft gilt, wenn man sich ohne zu Reden einen Sack Kartoffeln vor die Tür stellt und nur die zugezogenen Berliner in altmodischen Bauernhäusern leben wollen. Es wird dort nicht viel geredet. Und eigentlich nicht viel gemordet. Höchstens ein Fall im Jahr sei hier zu erwarten, war Voss gewarnt worden. Denn wie der Polizeidirektor sagt: "Wo wenige Menschen leben, wird wenig getötet." Aber nun bleibt es doch nicht bei dem einen Toten. Eine zweite Leiche wird nur wenige Tage später gefunden. Wieder liegt sie im Wald. Wieder erschossen. Wieder ist sie auf Tannenzweige gebettet. Wieder sind ihre Hände gefesselt. Sehr wahrscheinlich der gleiche Täter, so viel ist klar.

Und alles deutet darauf hin, dass die Männer wegen Windrädern sterben mussten. Beide steckten tief im Geschäft mit den Waldflächen und haben dabei viel Geld gemacht. Und beide haben dabei eine Menge Leute gegen sich aufgebracht: Anwohner, deren Ferienwohnungen plötzlich wertlos waren, Naturschützer, Förster, Jäger und Konservative, die den ursprünglichen Charakter der Landschaft erhalten wollen und der verrückte Fledermausmann, der abgeschieden wohnt und fest davon überzeugt ist, dass ihn die Schwingungen krank machen. Und wenn es keiner von denen war, dann bleiben auch noch eifersüchtige Frauen und Geliebte.

Es können gar nicht genug sein. Seitenlang möchte man Voss dabei folgen, wie er mit seinem unwürdigen, hellblauen Frauenauto von Verdächtigem zu Zeugen und zu Informanten fährt, nach Hinweisen und Motiven sucht und sich zwischendurch nicht nur Gedanken, sondern auch mal einen Mittagsschlaf auf einem Feldweg machen. Das liegt allein an Voss, diesem sozial ungelenken, rührenden Sonderling, dessen größte Leidenschaft die Ornithologie ist, der niemals versucht, jemandem sympathisch zu sein, und doch jedem nach wenigen Seiten ans Herz gewachsen sein dürfte.

Und das wiederum liegt an seinem Erfinder - dem Journalisten und Autor Maxim Leo, schon Drehbücher für den "Tatort" und nun "Waidmannstod" geschrieben hat und es dabei wie die Sternekorper hält: nur kein Wort zu viel. Stattdessen maximale Lakonie. Als Voss' alte Mutter ins Krankenhaus muss und dieser erwachsene Mann nachts in seinem Elternhaus liegt, in dem nun keine Eltern mehr sind, reicht Leo für all die Angst und die Sorgen und die Einsamkeit ein einziger Satz. Es ist dieser: "Voss hätte jetzt gern eine Katze."

"Waidmannstod" ist genau die Art von warmen, unterhaltsamen Buch, die man an solchen Abenden im Bett lesen sollte, wenn man gern eine Katze hätte. Maren Keller

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Den Gegner in den Staub treten: Orkun Erteners " Lebt"

Orkun Ertener hat schon mal den Grimme-Preis gewonnen. Für die Erfindung der Polizeiserie "Kriminaldauerdienst". Einer der wenigen lichten Momente der öffentlich-rechtlichen Serienproduktion, konnte "KDD" es mit US-Vorbildern wie "The Shield" aufnehmen, was Härte, Realismus, Tempo anging. Ein großes Publikum fand die Krimireihe dennoch nicht, die mutlosen Entscheider beim ZDF zogen nach nur drei Staffeln den Stecker.

Jetzt hat Ertener mit "Lebt" seinen ersten Roman vorgelegt. Doch während andere etablierte TV-Autoren wie Sascha Arango mit "Die Wahrheit und andere Lügen" und André Georgi mit "Tribunal" in diesem Jahr großartige Thrillerdebüts ablieferten, scheitert Ertener an dem Format Roman, das ihm im Vergleich zur genormten Fernseharbeit alle Freiheiten lässt. Wer alle Möglichkeiten hat, muss lernen zu sortieren, vor allem auszusortieren, auch und gerade wenn es wehtut. Genau hier liegt Erteners Problem: Er hat unendlich recherchiert und präsentiert stolz die ganze Bandbreite seines Wissens, verzettelt sich kapitellang in wikipediaesken Geschichtslektionen.

Dabei hat Ertener wirklich etwas zu erzählen und besitzt das schriftstellerische Talent, das auch zu tun. "Lebt" beschreibt die Menschwerdung eines Mannes fast ohne Eigenschaften, der sich seiner eigenen verdrängten Vergangenheit stellen muss, um seine Familie und sich zu retten. Can Evinman ist Schriftsteller, ein Ghostwriter. Jemand, der sich in die Leben anderer Menschen vergräbt und dabei gar nicht merkt, wie er sein eigenes verpasst. Sein neuer Auftrag: die Biografie der Starschauspielerin Anna Roth.

Schnell stellen die beiden fest, dass es kein Zufall ist, dass ausgerechnet Can ein Buch über Annas Leben schreibt. Seine Eltern, die verschwanden, als er noch ein Kind war, waren mit Annas Eltern bekannt. Die gemeinsame Erforschung ihrer Wurzeln führt die beiden nach Thessaloniki und nach Istanbul, nach London und Marseille. Und in die Abgründe europäischer Geschichte, bis zu einem Pakt, der während der Terrorherrschaft der Nationalsozialisten geschlossen (und gebrochen) wurde. Ein dunkles Geheimnis, das jemand bis heute schützen will - und jeden umbringt, der zu viel weiß. Fast jeden: Can und Anna bleiben unbehelligt, als hätten sie einen Schutzengel, der über sie wacht.

Je näher der Roman seinem Zentrum, den Verschwörern und ihren Nachfahren, kommt, desto besser wird er. Selten hat ein Autor so eindringlich die Kälte der Macht geschildert wie Ertener: Menschen, die nicht zufrieden sind, Geld und Einfluss zu besitzen, sondern ihre Gegner demütigen, in den Staub treten, vernichten müssen.

Am Ende wird im Roman aus der Story von Can und Anna wiederum ein Roman: "spannend wie ein Thriller vom ersten bis zum letzten Satz, anrührend und aufwühlend, in der Recherche schockierend präzise, von einer schmerzhaften historischen Klarheit, unterhaltsam und verstörend zugleich". "Lebt" ist nicht dieses Buch. Aber Orkun Ertener wird es schreiben, eines Tages. Marcus Müntefering

Die Krimis des Monats finden Sie an dieser Stelle das nächste Mal am 31. Oktober

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1. Lebt
alexandermangoldt 28.09.2014
Orkun Erteners LEBT ist spannend und gut geschrieben. Vom Stil her hat es mich ein bisschen an HERRESBURG von C. Heynk erinnert. Ähnlich vielschichtig und komplex und man merkt erst ganz zum Schluss worum es eigentlich geht.
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