Krimis des Monats Brutale Blaupause für "True Detective"

In Mark Billinghams "Die Lügen der Anderen" suchen Touristen einen Kindesmörder. Carlo Lucarellis "Bestie" strotzt vor Brutalität. Und "True Detective"-Schöpfer Nic Pizzolatto erzählt in "Galveston" die Geschichte eines Todgeweihten.

Szene aus "True Detective": Kurzer, trügerischer Moment
HBO

Szene aus "True Detective": Kurzer, trügerischer Moment


Mördersuche unter Unverdächtigen: Mark Billinghams "Die Lügen der Anderen"

Es gibt Krimis, die machen ihre Leser zu Mitwissern, es gibt Krimis, die machen ihre Leser zu Anwälten der Opfer. "Die Lügen der Anderen" von Mark Billingham macht seine Leser zu den obligatorischen Fassungslosen, die nach der Verhaftung in irgendeine Kamera sagen, was für ein unauffälliger Mensch der Mörder doch gewesen sei. Der hat doch immer so freundlich gegrüßt. Der war doch ganz normal.

So normal wie die sechs britischen Touristen, die sich in einer Hotelanlage in Florida kennenlernen und auch danach in Kontakt bleiben. Aus ebenjenem Hotel verschwindet an ihrem letzten Urlaubstag ein lernbehindertes Mädchen. Und einer der sechs - das ist die Prämisse dieses Buchs - ist ihr Mörder. Keiner von ihnen ist wirklich sympathisch: Dafür ist Angie zu tratschig, Barry zu jähzornig, Ed zu selbstverliebt, Sue zu unterwürfig, Marina zu gefallsüchtig und Dave zu borniert. Andererseits ist auch keiner von ihnen so unsympathisch, dass man sich diese Tat leicht vorstellen könnte.

Auf diesem Widerspruch gründet die gesamte Spannung dieses Romans. Wenn nichts eindeutig verdächtig ist, wird plötzlich alles verdächtig. Warum will sie dauernd über das tote Mädchen reden? Ist er nicht vom Typ jemand, der lügen würde? Was sollte dieser seltsame Halbsatz über Opfer und Kinder? Warum starrt er auf dem Urlaubsschnappschuß an der Kamera vorbei?

Billingham braucht keine Gewalt und keine zerstückelten Leichen, um Spannung zu erzeugen. Er streut den Argwohn so wohldosiert in die Szenen wie die Pärchen die Gewürze über das Essen, das sie sich gegenseitig in ihren stilbewusst eingerichteten Wohnzimmern servieren, mit denen sie sich zu beeindrucken hoffen. Sie gehen einkaufen und ihrem Leben nach, sie streiten sich, ertappen sich beim Lügen, sie lernen immer mehr über ihre neuen Urlaubsbekanntschaften - und werden sich gleichzeitig immer fremder. So geht Subtilität.

Billingham, ehemaliger Comedian und Schauspieler, ist vor allem mit seiner Reihe um den Ermittler Tom Thorne bekannt geworden. Der bekommt in diesem Roman allerdings nur einen kurzen Cameo-Auftritt und muss die Ermittlungen einer übereifrigen Nachwuchs-Polizistin und einem sensiblen Amerikaner überlassen. "Die Lügen der Anderen" ist Billinghams zweites Buch außerhalb dieser Reihe und dasjenige, in dem er am effektivsten formale Möglichkeiten nutzt.

Er erzählt reihum aus der Perspektive jeder der Figuren, dann lässt er den Mörder sprechen: natürlich ohne sich zu erkennen zu geben. Jedenfalls nicht bis zum Schluss. Der überrascht die Ermittler, die anderen Urlauber und auch den Leser so sehr, dass sie vermutlich in jede Kamera sagen würden, wie unvorstellbar das sei. Der Mörder habe doch schließlich immer so normal gewirkt. Und immer so freundlich gegrüßt. Maren Keller

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Im Eiltempo durch die marode Gesellschaft: Carlo Lucarellis "Bestie"

"ich komme ihr Arschlöcher ICH HOLE EUCH DER REIHE NACH EUCH ALLE UND REISSE EUCH DAS HERZ RAUS!", tippt er seinen Blog. Angetrieben von unbändiger Wut über das bis ins Innerste marode Italien, von Hass auf all jene, die seine Stadt, sein Land, die ganze Welt vernichten, ihm und allen anderen das "Morgen" wegnehmen, vergiften, begraben und auffressen. Aber am Ende fügt er dazu: "Gibt es da draußen jemanden, der mir helfen kann?"

Nein, es gibt niemanden, der dem Serienkiller in Carlo Lucarellis Krimi "Bestie" helfen kann. Es gibt eine Polizeikommissarin, jung und attraktiv natürlich, die ihn jagt, unter Einsatz ihres Lebens und am Ende... Halt, nein, nicht weiter: "Ich bitte euch, offenbart nicht die zwei oder drei überraschenden Wendungen, die ich eingebaut habe", bittet der Autor seine Leser in einem Nachwort. Also gut, abgemacht.

Das Buch ist spannend, ein echter Krimi. Die dafür erforderlichen Morde sind bestialisch - wie der deutsche Titel schon offenbart, das italienische Original heißt, hintergründiger, "Der Traum vom Fliegen" -, aber es geht dem Autor um mehr.

Wie im Zug, der durch eine abwechslungsreiche Landschaft fährt, durchquert der Leser von Mord zu Mord trübe Bereiche der politisch-sozial-ökonomischen Realität Italiens: hemmungsloser Mietwucher, gnadenlose Ausbeutung illegaler Einwanderer auf nicht selten tödlichen Baustellen, Geschäfte mit menschenverachtender Giftmüllentsorgung. Nicht die großen Verbrechen stacheln "die Bestie" an, sondern die scheinbar kleineren Grenzüberschreitungen menschlichen Sozialverhaltens, über die sich die Mehrheit der Gesellschaft schon lange nicht mehr aufregt.

Aber keine Angst: Nicht als dröge soziologische Ausarbeitung, sondern im D-Zug-Tempo fliegen die Trümmer der kaputten Gesellschaft vorbei. Ein Blick darauf - und weiter. Manches hätte, insbesondere für deutsche Leser, womöglich ein paar Absätze mehr gebrauchen können.

Auch einige emotionalen Höhenflüge der Protagonisten werden einem nicht-mediterranen Leser womöglich etwas übertrieben vorkommen.

Und überhaupt, die Emotionen! Wie bei vielen Krimis (für deutsche TV-Tatort-Abenteuer etwa ist das inzwischen unabdingbar) scheint auch hier der Autor seiner Geschichte nicht immer zuzutrauen, dass sie den Leser konsequent gefangen hält. So kommen dann und wann Ausflüge ins Privatleben der Hauptfigur dazu - Sex und/oder verkorkster Sex, Kinderwünsche, Partnerschaftszweifel -, die gelegentlich überspannt, manchmal auch absurd sind. Aber schnell kriegt Lucarelli wieder die Kurve und erzählt weiter die aufregende Geschichte einer furchtbaren Kreatur.

Er schreibt nicht aufgeregt, nicht schluderig, nicht bemüht originell, seine Sprache ist wohltuend, angenehm. Carlo Lucarelli, 1960 in Parma geboren, ist nicht nur Schriftsteller, sondern, wie in Italien üblich, weil man von Büchern dort kaum leben kann, auch Drehbuchautor, Journalist, Regisseur, Fernsehmoderator. In seiner Heimat gehört er, neben Andrea Camilleri, zu den Großen des Krimigenres, in Deutschland ist er noch weitgehend unbekannt.

Das kann sich ändern. Denn auch das Ende seines Buches ist überraschend. Als die Kommissarin nämlich merkt... Halt, nein, nicht weiter. Wer mehr verrät, dem droht die Bestie: "Sonst hole ich euch der Reihe nach und reiße euch das Herz raus." Also gut, Schluss hier. Basta. Hans-Jürgen Schlamp

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Von kaputten Typen und verwüsteten Seelen: Nic Pizzolattos "Galveston"

Die HBO-Serie "True Detective" machte aus dem unbekannten Schriftsteller und Drehbuchautor Nic Pizzolatto innerhalb weniger Wochen einen Superstar. Mit allen irrationalen Übertreibungen, die dazu gehören in Zeiten von Blogs und Social Media. Kaum ein Internethype war größer in diesem Jahr als der um den Achtteiler, in dem zwei Cops in Louisiana eine jahrzehntealte Mordermittlung wieder aufnehmen. Und kaum jemand musste mehr Kritik einstecken als Pizzolatto, dem vorgeworfen wurde, ein Plagiator und Frauenfeind zu sein und mit den ersten Folgen von "True Detective" Erwartungen geweckt zu haben, die er dann nicht erfüllen konnte.

Hätten seine Kritiker "Galveston" gekannt, Pizzolattos literarisches Debüt aus dem Jahr 2010, sie hätten wohl besser verstanden, was der Autor mit "True Detective" wollte: eingebettet in eine packende Geschichte von der Conditio humana erzählen, so wie die klassischen Vorbilder des Noir. "Galveston" kann (muss aber keinesfalls) als Blaupause für die Serie gelesen werden. Hier finden sich bereits die zeitliche Doppelstruktur, die ambivalente Figurenzeichnung, der Nihilismus, aber auch der Humanismus, der "True Detective" so sehr dominiert. Und vor allem entdeckt man auch hier schon die zerstörten Landschaften der US-amerikanischen Golfküste. Unwirtliche, unwirkliche Gegenden von bizarrer Schönheit, die von der grenzenlosen Gier der Ölkonzerne zeugen.

Die Landschaft "teilte sich wie ein zersplittertes Lehmtableau in grasgrüne Inseln und die dunklen, schlammigen Wasser, die sich nach Süden hin bis zum Golf ausbreiteten", schreibt Pizzolatto. "Wir fuhren durch Sulphur an den Raffinerien vorbei, ein Königreich aus Beton, Röhren und giftigen Dämpfen."

Dass eine solch gottverlassene Gegend von kaputten Typen mit verwüsteten Seelen bevölkert ist - nur logisch. Einer der Schlimmsten von ihnen ist Roy Cady, Schläger und Killer, ein Mann ohne Perspektive und Moral, dessen Leben sich um billigen Fusel und herzlose Frauen dreht und um Gewalt und das dumpfe Gefühl, dass die Welt ihn längst abgehängt hat: "Du bist hier, weil der Ort existiert. Auf den Straßen japsen Hunde. Das Bier bleibt nicht kalt. Der letzte neue Song, der dir gefallen hat, kam vor langer, langer Zeit heraus, und im Radio wird er nicht mehr gespielt."

Eine abgenudelte Existenz, mit der es plötzlich vorbei ist: Am letzten Morgen seines alten Lebens erfährt er, dass er an Lungenkrebs sterben wird. Am Abend desselben Tages wird er drei Killer umgebracht haben, die sein Boss ihm auf den Hals gehetzt hatte. Cady muss aus New Orleans fliehen, im Schlepptau die blutjunge Prostituierte Rocky, Zeugin der Schießerei. Nachdem er sich zunächst nicht entscheiden kann, ob er sie beseitigen oder einfach nur aussetzen soll, lässt er sich von Rocky überzeugen, gemeinsam unterzutauchen - und unterwegs noch ihre vierjährige Schwester einzusammeln.

In einem schäbigen Motel auf der Insel Galveston finden die drei Zuflucht. Und für einen kurzen, trügerischen Moment so etwas wie Frieden. Auch wenn die Geschichte, wie es der Noir-Tradition entspricht, auf eine Katastrophe hinauslaufen muss, entlässt uns Nic Pizzolatto zwar unendlich traurig aus "Galveston", aber nicht völlig ohne Hoffnung. Es gibt ein Leben vor dem Tod. Auch wenn es meistens verdammt wehtut. Marcus Müntefering

Die Krimis des Monats finden Sie an dieser Stelle das nächste Mal am 26. September

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