Die besten neuen Krimis Ein Serienkiller, wie es noch keinen gab

In Thomas Raabs "Still" wird ein Massaker an Mönchen verübt. In K. A. Harringtons "Bis aufs Haar" gerät die Welt amerikanischer Teenager aus den Fugen. Und Ray Banks "Dead Money" erzählt von der Tragödie des einfachen Mannes.

Den Schrecken spüren lassen, mit vielen Verweisen auf die Kulturgeschichte (im Bild: "Shining"): Thomas Raabs "Still"
Corbis

Den Schrecken spüren lassen, mit vielen Verweisen auf die Kulturgeschichte (im Bild: "Shining"): Thomas Raabs "Still"


Sanfter Todesengel: Thomas Raabs "Still"

In der lichtlosen Schwerelosigkeit eines nächtlichen Weihers findet Karl Heidemann sein wahres Ich: Hier hat sich erst vor Kurzem seine Mutter ertränkt. Jetzt taucht der Zehnjährige ab, Nacht für Nacht: "Immer selbstverständlicher Karls Bewegungen, immer vertrauter die Tiefe, die Dunkelheit. Eine Dunkelheit, die ihm nichts anhaben konnte, in der er sich zu Hause fühlte, gut zurechtfand." Hier spürt der grotesk übergewichtige Junge die Last seines Körpers nicht mehr, vor allem aber ist es still. Für Karl, von Geburt an mit einem hypersensiblen Gehör geschlagen, eine Offenbarung. Der Tod der Mutter, er schien ihm so ruhig und friedlich, dass er mehr wissen will über den Finalpunkt des Lebens. "Für Frieden sorgen? Ruhe einkehren lassen? Den Tod bringen? Alles eins?", fragt sich das Kind und findet eine eindeutige Antwort.

Von Geburt und Metamorphose eines Monsters, eines Serienkillers erzählt der Österreicher Thomas Raab in seinem ersten Roman außerhalb der vergnüglichen Krimi-Reihe um den Hobbydetektiv Willibald Adrian Metzger, die ihn neben Wolf Haas zum bekanntesten Genre-Autor Österreichs werden ließ. Karl ist ein Serienkiller, wie es noch keinen gab in der Literaturgeschichte. Kein soziopathischer Schöngeist wie Thomas Harris' Schöpfung Hannibal Lecter und schon gar kein sadistischer Schlächter wie in den unappetitlichen Metzeleien eines Sebastian Fitzek.

Dutzende Menschen wird Karl töten, ein Massaker an Mönchen darunter. Ein sanfter Todesengel ist er zunächst, der den Tod denjenigen bringt, von denen er glaubt, dass sie ihn willkommen heißen werden, weil ihr Dasein ihnen eine Qual zu sein scheint; ein kühler Rächer später, der diejenigen richtet, die anderen das Leben zur Qual werden lassen.

Von den größten Ungeheuerlichkeiten erzählt Raab, aber nie stellt er die Gewalt aus, stets lässt er das Grauen spürbar werden, ohne sich an blutigen Details zu weiden. Nicht grobschlächtig ist Raabs Prosa, sondern fein. Eine verlustreiche Nacht auf einem Campingplatz etwa klingt bei ihm so: "Und Karl Heidemann erhob sich, schlich lautlos durch die Reihen der Schlafenden, nahm, was er benötigte, gab, was er konnte, in bester Absicht. Güte." Raab bedient sich Aufzählungen, Alliterationen, atrophierter Sätze. Konsequent setzt er auf Verbenschwund, lustvoll verdreht er die Syntax.

Viel Literaturgeschichte geistert durch "Still": Motive aus dem klassischen Schauerroman, vor allem Shelleys "Frankenstein", und aus der deutschen Romantik, dazu der Kaspar-Hauser-Mythos ebenso wie Friedrich Dürrenmatts Kriminalroman "Das Versprechen". Raab stellt seinem monströsen Helden einen Gegenspieler zur Seite, den Polizisten Horst Schubert, der in der Radikalität, mit der er Karl ein halbes Leben lang verfolgt und dabei sein eigenes fast verliert, Dürrenmatts Kommissär Matthäi mehr als ähnelt.

Dass die Geschichte mit dem Tod Karls enden wird, verrät uns Raab bereits auf der ersten Seite. Dass er trotzdem den Weg zu einem versöhnlichen, einem tröstlichen Finale findet, gehört zu den vielen wunderbaren Ideen, die in diesem fantastischen Roman versammelt sind. Marcus Müntefering

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Wäre Morgans Ex-Freund nicht drei Monate vorher gestorben: K. A. Harringtons "Bis aufs Haar"

In schönster amerikanischer Teenager-Normalität treffen sich vier Jugendliche zu einem Doppel-Date bei Happy-Time-Minigolf. Erstens Reece, der wie eine Leihgabe aus einer Neunzigerjahre-Highschool-Komödie wirkt mit seiner Gelfrisur und der Sonnenbrille, die er auch bei wolkenverhangenem Himmel trägt, und den Partys, die er in verlassenen Gebäuden organisiert.

Zweitens Toni, die obligatorische beste Freundin, die mit Witz und ungestümer Art den perfekten Sidekick abgibt. Drittens Morgan, die mit ihrer Faszination für verlassene Orte und Fotografie genau das richtige Bisschen tiefsinnig genug ist für die Hauptrolle als Erzählerin eines Buches. Und viertens - in schönster Jugendthriller-Anormalität - ein Junge aus dem Nachbarort, der gleich groß ist wie Morgans Ex-Freund, die gleichen Augen hat wie Morgans Ex-Freund, die gleichen Wangen hat wie Morgans Ex-Freund, den gleichen Rücken hat wie Morgans Ex-Freund. Der auf den ersten Blick Morgans Ex-Freund sein könnte.

Hätte er nicht einen völlig anderen Namen, eine völlig andere Adresse. Und - nun ja - wäre Morgans Ex-Freund nicht drei Monate vorher vor ihren eigenen Augen von einem schwarzen Auto angefahren und auf der Straße liegen gelassen worden. Und kurz darauf im Krankenhaus gestorben. Oder etwa nicht?

Das ist die erste von vielen rätselhaften Fragen, mit denen die amerikanische Autorin K. A. Harrington ihre Figuren und Leser in ihrem ersten Psychothriller "Bis aufs Haar" konfrontiert. Zu dieser einen Frage kommen mit fast jeder Seite neue dazu: Wie hieß Morgans Ex-Freund wirklich? Warum hat er sie angelogen? Wo kam er her? Was wollte er in dieser heruntergekommenen Kleinstadt? Was haben die Aufzeichnungen in seinem Notizbuch zu bedeuten? Warum hat er in der Nacht seines Unfalls mit ihr Schluss gemacht?

Und während Morgan zu Beginn noch glaubt, ihr geheimnisvoller Ex-Freund sei in Wahrheit der fremde Junge aus dem Nachbarort, der nur für eine Weile eine andere Identität habe ausprobieren wollen, lässt Harrington ihr und den Lesern mit jeder Seite klarer werden, dass diese Geschichte nicht nur sie betrifft. Dass auch ihre beste Freundin in Gefahr ist. Dass ihre Eltern eine Rolle in dieser Geschichte spielen, von der sie noch nichts weiß.

Und dass das Schicksal dieser ganzen heruntergekommenen Kleinstadt - dieser Miniatur-Version von Detroit - mit dem Vielleicht-Tod ihres Ex-Freundes zusammenhängt. Harrington weitet die Kreise, die diese Geschichte zieht, dabei so geschickt aus, dass man ihr gern die vollkommen zweckmäßige Sprache verzeiht. Und sogar das Happy-End, das wirkt wie eine Leihgabe aus irgend so einer Neunzigerjahre-Highschool-Komödie. Maren Keller

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Eigentlich ist dieser Alan Slater ein ganz gewöhnlicher Typ: Ray Banks' "Dead Money"

Der Noir ist die Tragödie des einfachen Mannes; die Fallhöhe mag nicht so hoch sein wie im klassischen Drama, der Aufprall aber ist genauso schmerzhaft. Und niemand fällt so hart wie ein Spieler.

"Das Palace war ein Paradies für kleine Zocker, die sich groß was vormachten." So beginnt "Dead Money", der erste Roman des schottischen Krimi-Schriftstellers Ray Banks, der es zu einer deutschen Übersetzung gebracht hat. Einer dieser gernegroßen Zocker ist Alan Slater, und dass er sich im Sturzflug befindet, bemerkt er lange Zeit gar nicht. Slater gehört zu den tragischen Figuren, die sich und allen anderen versichern, dass sie alles im Griff haben, noch lange, nachdem sich ihr Leben in ein Schlachtfeld verwandelt hat.

Eigentlich ist dieser Alan Slater ein gewöhnlicher Typ - Vertreter für Doppelglasfenster, verheiratet, Eigentumswohnung in einem besseren Teil von Manchester, statt eines Kindes ein Rassehund. Doch weil er die Vorhersehbarkeit eines solchen Lebens nicht aushält, treibt er sich rum, sucht sein Glück in fremden Betten, am Tresen und am Spieltisch.

Beim Zocken und Saufen stets an seiner Seite: sein Kumpel und Kollege Les Beale, der Slater zu immer noch einem Drink, immer noch einem Spiel überredet. Und ihn mit ins Verderben reißt: Denn Beale hat sich einmal zu oft verzockt, ist über beide Ohren verschuldet - und außer Kontrolle.

Nach einem besonders verlustreichen Pokergefecht erschlägt Beale einen seiner Mitspieler, bittet Slater um Hilfe. Der assistiert nicht nur bei der Entsorgung der vermeintlichen Leiche, sondern tötet den Schwerverletzten, der sich überraschend wieder erholen konnte. In der Folge verliert Slater komplett den Kontakt zur Realität, was ein echtes Problem wird, als er sich mit einer Bande asiatischer Krimineller anlegt.

Der Schotte Ray Banks weiß, worüber er schreibt: Bevor er Schriftsteller wurde, arbeitete er unter anderem als Vertreter und Croupier. Und er weiß, wie man schreibt: Seine Sprache ist auf das Nötigste verknappt, äußerst präzise, konsequent pointiert. In seinem kurzen, schmutzigen Noir verzichtet er auf alles, was große Teile der zeitgenössischen Krimiproduktion so unerträglich macht: Küchenpsychologie, endlose Beschreibungen der Gefühligkeiten papierner Helden und Heldinnen, lächerlich komplexe Plots, die nicht verschleiern können, dass der Autor nichts zu sagen hat.

Banks hingegen zeigt uns, wie es um die conditio humana bestellt ist. Seine Figuren sind nicht gut oder schlecht, sie sind gut und schlecht. Das macht sie zu echten Menschen. Und wenn sie fallen, fühlen wir mit ihnen. Weil wir spüren, dass der Abgrund, in den Alan Slater und Les Beale blicken, auch in uns hineinblickt. Marcus Müntefering

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