Krimis des Monats Beton, so kalt wie die Herzen der Sozialisten

Don Winslows "Manhattan" ist ein stilvoller Spionageroman. Warren Ellis liefert mit "Gun Machine" ein finsteres Panorama New Yorks. Und Dominique Manotti schildert in "Zügellos" die Abgründe der französischen Oberschicht.

Paris in den Achtzigern: In der Mitterand-Ära zu schnellem Geld gekommen
Corbis

Paris in den Achtzigern: In der Mitterand-Ära zu schnellem Geld gekommen


Der bösartige kleine Bruder von "Fegefeuer der Eitelkeiten": Warren Ellis' "Gun Machine"

New York City. Wer es hier schafft, der schafft es überall. Hat Frank Sinatra einst versprochen. Man könnte seine Hymne auch anders verstehen: Derart hart ist es, sich hier durchsetzen, dass die meisten daran zerbrechen. Davon handelt "Gun Machine", der zweite Roman des Graphic-Novel-Autors Warren Ellis.

Sein Cop John Tallow ist einer dieser Gebrochenen. Ein Einzelgänger, für den New York längst keine Verheißungen mehr bereithält. Er hat sich arrangiert mit einem Leben, das aus "mörderischen Schichten, endlosen Phasen der Langeweile, plötzlichen Adrenalinschüben, überall Blut" besteht. Für ihn ist es "nur vernünftig, sich aus dem Leben anderer Leute herauszuhalten". Einzige Ausnahme ist sein Partner James Rosato. Doch der stirbt gleich zu Beginn des Romans. Sein Tod bringt Tallow auf die Spur eines Serienkillers. Und damit ein Stück weit zurück ins Leben.

Tallow macht sich auf die Jagd nach dem "Jäger", der seit zwei Jahrzehnten unerkannt in New York mordet. Mit Waffen, die aus der Asservatenkammer der Polizei zu stammen scheinen. Historische Waffen, mit denen schon früher gemordet wurde. Der Killer hat offensichtlich beste Beziehungen in die höchsten Kreise der Stadt. Und so geraten ein Immobilienhai, ein Karrierepolizist und ein Börsenspekulant in Tallows Visier.

Die Geschichte, die Ellis erzählt, ist relativ konventionell. Sie dient ihm als Aufhänger, um ein düsteres New-York-Porträt zu entwerfen. Seltsam zeitlos wirkt die Stadt; Gegenwart und Vergangenheit scheinen sich zu überschneiden. Das gilt vor allem für den "Jäger", der von einem "existentiellen Ekel" getrieben wird, "der aus Abscheu vor der modernen Welt in ihm hochkochte".

Es ist eine Welt, wie sie die wahren Verbrecher des Romans geschaffen haben. Männer, die maßlos hungrig nach Macht und Geld sind. Männer wie Andrew Machen, der in einem futuristischen Gebäude residiert, das "nur abzuwarten schien, bis es sich das gesamte Kapital der Erde einverleibt hatte, um sogleich zu neuen Territorien aufzubrechen". Machen ist ein master of the universe, der auf seinem Arbeitsweg "keine Gebäude mehr sieht, sondern nur noch Netzwerke, den Fluss des Kapitals und der Kommandos und Ideen, riesige unsichtbare Formen und Zonen und Linien".

Letztlich erzählt "Gun Machine" weniger von einer Mörderjagd, sondern vom verzweifelten Kampf um eine Stadt, die dabei ist, ihre Geschichte und ihre Identität endgültig zu verlieren. Eine Stadt, deren Versprechungen längst schal geworden sind, deren Glanz kaum noch das Elend zu überstrahlen vermag, das überall neue Wunden schlägt. "Gun Machine" ist der bösartige kleine Bruder von Tom Wolfes "Fegefeuer der Eitelkeiten": Man kann es schaffen in New York. Aber warum sollte das noch jemand wollen? Marcus Müntefering

Buchtipp
Ein Buch wie ein Sprengsatz im Baguette: Dominique Manottis "Zügellos"

Mit Frankreich ist es wie mit der Liebe: Man weiß nicht so recht, ob das, was man damit verbindet, wirklich existiert oder Einbildung ist. Dominique Manottis "Zügellos" bietet alles, was ein Paris-Krimi braucht, der in den Achtzigern spielt: Eine elegante Managerin, die auf der Tischplatte kokst; einen schwulen Kommissar, der die deutsch-französische Freundschaft pflegt - mit einem preußischen Lover. Ermittlungen auf der Pferderennbahn von Chantily, in Vorstandsetagen und in Tiefgaragen, deren Beton so kalt ist wie die Herzen der in der Mitterand-Ära zu schnellem Geld gekommenen Sozialisten. Aus den Boxen kommt Jazz des Saxophonisten Sonny Rollins oder man geht in die Oper - ein Soundtrack wie in den Filmen von Jean-Jacques Beineix.

Nichts dürfte echt sein, alles Erfindung, was Dominique Manotti in ihrem auf den 9. November 1989, den Tag des Mauerfalls, hinauslaufenden Buch schildert - und doch spiegelt sich die Realität der Gegenwart in diesem geradlinig erzählten, im französischen Original bereits 1997 erschienenen Gesellschaftsroman mit Krimihandlung: Die Nuttengeschichten, mit denen man in Frankreich Strauss-Kahn in Verbindung brachte, die Schwarzgeldaffäre von Hollandes mittlerweile zurückgetretenem Haushaltsminister Cahuzac. Dazu Geheimdienstverwicklungen, heimliche Totalüberwachung, Intrigen. Mord. Mord. Noch ein Mord. Und dann läuft wieder Sonny Rollins.

"Zügellos" ist ein Buch wie ein Sprengsatz im Baguette. Es lässt nur eine Frage offen: Wo bleibt die Autorin, die derartige Kriminalromane über Deutschland schreibt? Sebastian Hammelehle

Buchtipp
Spionageroman der alten Schule: Don Winslows "Manhattan"

Walter Withers, der letzte Gentleman: hinreißend altmodisch, unwiderstehlich charmant und von einer durch nichts zu erschütternden Liebe zu seiner Stadt getragen. Don Winslows 17 Jahre alter, nun wieder aufgelegter Roman spielt 1958 in Manhattan.

"Nicht weil ich die Firma weniger liebe, sondern weil ich Manhattan mehr liebe", paraphrasiert Walter Withers Shakespeare, um zu erklären, warum er seinen Job als CIA-Agent in Europa aufgibt, um eine eher langweilige Tätigkeit bei einer New Yorker Detektei anzunehmen. Und so wird aus dem "Großen Skandinavischen Luden", der für die Firma "einen Rennstall ernster Schwedinnen, einfallsreicher Däninnen und hingebungsvoller Norwegerinnen" führte, ein Schreibtischarbeiter, der seinen Job gewissenhaft, aber unbeteiligt erledigt, um am Abend mit seiner Freundin, einer Sängerin, durch die Jazzclubs der Stadt zu ziehen - vom The Five Spot ins The Vanguard und weiter ins Blue Note.

Fast wünscht man sich als Leser, dass diese schwärmerischen Streifzüge durch ein New York, das vielleicht schon damals nur noch in der Phantasie von Walter Withers existierte, niemals aufhören. Doch "Manhattan" ist nicht nur nostalgieselige Verbeugung vor einer stilvolleren Vergangenheit, sondern auch ein Thriller. Und so entpuppt sich ein scheinbar harmloser Auftrag als Auftakt zu einer Intrige, die droht, Walters gefestigtes Weltbild (er ist davon überzeugt, "dass sein Stil der westliche Stil sei") nachhaltig zu erschüttern. Ausgerechnet am Heiligen Abend wird er genötigt, den Bodyguard für Madeleine Keneally zu spielen, die Frau von Senator Joseph Keneally, dem Kronprinzen der Demokratischen Partei. Weil Walter bei seinem Job eine so gute Figur macht, spannen die Keneallys ihn für ihre Zwecke ein. Bald holt Walter seine CIA-Vergangenheit ein: konkurrierende Geheimdienste, sexuelle Erpressung, Drogen und Mord.

"Manhattan", dieses frühe Meisterwerk Winslows, ist ein Spionageroman der alten Schule, präzise konstruiert, sauber erzählt und voller Sätze, die man beglückt ein zweites und drittes Mal liest, bis man sie endlich auswendig kennt. Noch ist keine Spur zu entdecken von dem atemlosen Stakkato-Stil, den Winslow in "Zeit des Zorns" und "Kings Of Cool" perfektioniert hat - und trotzdem ist "Manhattan" ein Wunderbuch, eine Liebeserklärung an den Cool Jazz und die Beat-Generation, ein Schlüsselroman über einen späteren Präsidenten der USA, eine Erzählung davon, wie eine Haltung, wie Stil über jede Ideologie triumphieren kann.

Melancholisch wie eine Ballade von Chet Baker, elegant wie ein Film mit Cary Grant, spannend wie ein früher John Le Carré - man muss ihn einfach lieben, diesen Roman, der so sehr aus der Zeit gefallen zu sein scheint wie sein Held. Marcus Müntefering

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insgesamt 4 Beiträge
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Das Grauen 05.07.2013
1. "Beton, so kalt wie die Herzen der Sozialisten"
Handelt es sich bei dieser Aussage um ein Zitat aus dem Buch von Dominique Manotti? Dann sollte es auch als Zitat gekenzeichnet werden! Oder hat sich der Rezensent dies selbst ausgedacht? In diesem Falle finde ich es völlig daneben, daß Sie eine Buchbesprechung derart politisieren, Herr Hammelehle!
1969heiner 05.07.2013
2. www.readgeek.de
ist eine Amazon-Werbeseite. Also für Leute die öde Innenstädte, Steuerverweigerer und Arbeitslosigkeit mögen. Schade, die Idee ist gut.
ChristaS 06.07.2013
3. Finde die Idee sogar Super
Zitat von 1969heinerist eine Amazon-Werbeseite. Also für Leute die öde Innenstädte, Steuerverweigerer und Arbeitslosigkeit mögen. Schade, die Idee ist gut.
Und niemand hindert dich, die vorgeschlagenen Bücher im Laden zu kaufen. Immerhin ist es ja völlig kostenlos und ohne nervige Werbung. Die Leute wollen wohl lediglich was für ihre Arbeit bekommen. Ich kenne auch keine andere Seite die Bücher in der Form nach Geschmack vorschlägt.
knutka 07.08.2013
4. Warum nicht!
Ich finde die Idee solcher Internetseiten gut. Auf einer ganz ähnlichen Website wurde mir einmal der spannend zu lesende Kriminalroman "Sonne am Westufer" von Fabian Holting empfohlen und ich habe es nicht bereut. Niemand wird gezwungen solche Seite zu besuchen, ob nun eindeutig Werbung oder echte, ehrliche Empfehlung.
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