Literatur über alternde Männer und Erotik Ist der Greis noch heiß?

Unverbesserlich oder unentwegt? Zwei Romane schildern, wie ältere Männer mit der Liebe ringen - der eine erschöpft sich im ironischen Spiel mit Klischees, dem anderen gelingt jedoch eine facettenreiche Analyse.

Filmszene aus dem generationsübergreifenden Liebesfilm "Whatever Works" (2009)
ddp images/ Capital Pictures

Filmszene aus dem generationsübergreifenden Liebesfilm "Whatever Works" (2009)

Von Stephan Lohr


Der eine hat eine Frau, die als Model der Generation 50 plus erst Karriere, dann die Biege macht. Dem anderen versagen beim Akt mit der wunderschönen, 30 Jahre jüngeren Leyla im entscheidenden Moment die Lendenkräfte: Probleme alternder Männer sind das Thema zweier höchst unterschiedlicher Bücher, geschrieben von namenhaften Silver Agern der deutschsprachigen Literatur.

Peter Schneider, ein literarischer und essayistischer Repräsentant der westdeutschen 68er-Generation, siedelt seinen "Club der Unentwegten" im feinen Berlin Charlottenburg, in New York und formidablen Adressen in den Bergen und am Meer an.

Das Buch "Die Unverbesserlichen" des Schweizer Autors Silvio Blatter nennt die Rezensentin der "Neuen Zürcher Zeitung" einen "längst überfälligen Agglo-Roman". Spielen seine Szenen doch in der lärmgeplagten Flughafenregion Zürichs, einer Agglomeration eben, die weder Stadt noch Dorf ist, eine Gegend, in der auch Blatter eine Weile gelebt hat.

Peter Schneider: geschickt arrangierter Reigen erotischer Stories
DPA

Peter Schneider: geschickt arrangierter Reigen erotischer Stories

Schneider kommt rasant zur Sache. Der Berliner Kunsthistoriker Roland und die um Jahrzehnte jüngere Leyla lieben sich im King Size Bett in Leylas Manhattan-Apartment, erst vor zwei, vielleicht drei Stunden sind sie sich begegnet.

Der Autor eröffnet damit einen geschickt arrangierten Reigen erotischer Stories, die vom "Schicksal der Liebe jenseits der Ehe" berichten, genauer von den erotischen Abenteuern älterer Männer zwischen über 60 bis knapp 80 mit deutlich jüngeren Frauen. Lauter Beziehungskatastrophen, die sich da die Mitglieder des informellen Clubs der Unentwegten neben kritischen Blutzuckerwerten gegenseitig anvertrauen.

Den weltgewandten Privatdozenten Roland, nach eigener Einschätzung "halbprominent" durch gelegentliche Talkshowauftritte, erwischt es bei einem seiner Stipendienaufenthalte in New York.

Sein Tennispartner Sam, in den USA lehrende deutsche Professoren und Leopoldo, der Betreiber einer Opernbar in Manhattan, bewundern Ronald für die Eroberung jenes Wesens der "Unschuld plus Intelligenz plus Perversion", einer Charakterisierung, der Leyla sogar zustimmt.

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Peter Schneider:
Club der Unentwegten

Roman

Verlag Kiepenheuer & Witsch; Mai 2017; 288 Seiten; 19 Euro

Endet mit dem Stipendium und Rolands Rückkehr nach Berlin die Leidenschaft? Eine Erfahrung, die er mit Clemente, dem Scheidungsanwalt aus Rom, mit Alexander, dem Architekten mit Aufträgen in London und Dubai oder dem vermögenden Zahnarzt Herbert teilt und in italienischen Restaurants in Charlottenburg erörtert. Sie alle sind dem Wahn der späten Liebe verfallen, sei es auf Sardinien, wo der verehelichte Herbert der von ihm seit langem beobachteten Schwimmerin Serena einen spontan verrückten Heiratsantrag macht, oder Alexander, der, von der schönen Andrea zu einem alpinen Tiefschnee-Skiabenteuer verführt, kläglich sein altersbedingtes Formtief eingestehen muss.

Es mangelt nicht an mahnenden und warnenden Erfahrungen der Freunde. Roland und Leyla kommen voneinander nicht los, sie besucht ihn in Europa zu einem gemeinsamen Italienausflug. Seit ihrer stürmischen Begegnung in New York wünscht sich Leyla von Roland ein Kind. Nach einem Ausflug ins morbide Pompeji schreitet die empfängnisbereite Leyla in der formidablen Mittelmeerhotelsuite zur Tat, befreit sich vom kaum verhüllenden Negligé, allein, Roland misslingt die Erektion.

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Silvio Blatter:
Die Unverbesserlichen

Roman

Piper Verlag; April 2017; 352 Seiten; 22 Euro

Silvio Blatters Romantopografie und -personal kommen weniger glamourös daher, leben und arbeiten die Leute doch als Polizist, Autohändler, Bauunternehmer oder Journalist in Glow M, der von Logistik- und Dienstleistungsunternehmen geprägten Flughafenregion von Zürich. Jonas Alberding, Wirt der Bar und Fußballkneipe "Tangente", erzählt die Geschichten derer, die nun alle die Fünfzig überschritten haben und regelmäßig, gelegentlich auch begleitet von ihren Frauen, bei ihm einkehren. Manchmal, um große Fußballpartien am Bildschirm zu verfolgen; manchmal, um einfach zu quatschen. Als Altherrenmannschaft spielen sie auch aktiv, trainiert vom über 80-jährigen Marcel, Jonas' Vater.

Silvio Blatter: lebensnäher und facettenreicher
Petra Amerell

Silvio Blatter: lebensnäher und facettenreicher

Zipperlein und verletzungsbedingte Ausfälle nehmen dramatisch zu. Torwart Rocchinotti, der Polizist, bricht sich bei der Faustabwehr die Hand, dem Journalisten Fredy Wimmer hat der Urologe von der Bolzerei abgeraten, ihm steht eine Prostata-OP bevor, bei den anderen reicht die Puste auch nur noch für die 15 Minuten, die bei ihnen das Spiel dauert.

Selbst der sportliche Jonas hadert mit seinem Zitterknie und schluckt Naxopren gegen die Gelenkschmerzen. Dabei ist er der gelassenste in der Clique, souverän führt er seinen Laden, kundig und pfiffig unterstützt von der Nigerianerin Yola. Seine Zufriedenheit speist sich auch aus der der Partnerschaft mit Ellis, die ihm vor zwanzig Jahren zugeflogen ist und mit der er inzwischen eine Eigentumswohnung teilt. Doch nun kriselt es. Ellis gibt ihren Job bei einer Agentur auf und macht als attraktive Schönheit "in den besten Jahren" erfolgreich Karriere als Model für 50-plus-Kampagnen eines Kosmetikkonzerns. Dabei lernt sie den kennen, für den sie Jonas verlässt. Trennungen, Seitensprünge, neue Paarkonstellationen, damit war Jonas als zuhörender Wirt und Kumpel vertraut. Die eigene Erfahrung der Beziehungsaufkündigung katapultiert ihn ins Alter.

Blatter konterkariert den ruhigen Erzählfluss, der dem Charakter seines Helden entspricht, im letzten Drittel des Romans durch die spannend-temporeiche Schilderung spektakulärer Ereignisse: eine Flüchtlingsgeschichte und den wohl gewaltsamen Tod des geliebten Vaters bei einer fremdenfeindlichen Attacke; dieser hatte zuvor Verwandte Yolas bei sich aufgenommen. Die verwobenen individuellen Dramen führen hier zu überraschenden Pointen.

Peter Schneiders Erotikreigen wird sich der zornigen Ablehnung etlicher Leserinnen - und wohl auch etlicher Leser - allein durch die Ironie seines Romans entziehen können. So deutlich bedient er Klischees bei der Schilderung seines Clubs der Unentwegten, dass man das üppige Dekor der hedonistischen Lebensweisen nur schmunzelnd ertragen kann.

Bei Silvio Blatter leiden Männer lebensnäher, so gerät seine literarische Soziologie des Lebens in der Agglomeration auch freundlicher und facettenreicher. Auch Frauen wie Ellis wagen hier eben späte erotische Aufbrüche - mögen diese auch schmerzlich für die Männer verlaufen.

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