Neue Tolkien-Übersetzung: Dalli Dalli in Mittelerde

Von Rüdiger Sturm

Hobbits haben eine starke Lobby: Die neue, moderne Übersetzung des Tolkien-Klassikers "Der Herr der Ringe" vergrätzt die Fans. Dabei hatte es der Verlag doch nur gut gemeint.

Opulente Aufmachung: Die umstrittene Neu-Übersetzung

Opulente Aufmachung: Die umstrittene Neu-Übersetzung

Es hätte ein Glücksmoment für deutsche Fantasy-Leser werden sollen. Kurz vor der Frankfurter Buchmesse veröffentlichte der Klett-Cotta Verlag eine neue Übersetzung von J.R.R. Tolkiens Kultepos "Der Herr der Ringe". Die Buch-Macher zeigten sich enthusiastisch: "Wolfgang Kreges deutsche Fassung wird dem Original besser gerecht als die über 30 Jahre alte Übertragung von Margaret Carroux", rühmte Ulrike Killer, die fürs Tolkien-OEuvre zuständige Lektorin. "Stern" und "Focus" sekundierten mit lobenden Notizen.

Doch nachdem nun die 50.000 Stück starke Erstauflage in Hardcover und Paperback verkauft ist, gibt es Ärger. Viele der Tolkien-Fans, die sich bislang noch jedes Buch über die Helden von Mittelerde holten, gehen wegen der Krege-Version auf die Barrikaden. "Brutal verstümmelt", "lieblos", "die märchenhafte Atmosphäre der alten Fassung wird mit allen Mitteln zerstört" - so und ähnlich protestiert die Gemeinde auf den einschlägigen Websites. Ulrike Killer kann diese Kritik nicht nachvollziehen: "Die Fans sind die alte Übersetzung gewohnt, deshalb reagieren sie mit dem Bauch." Schließlich, so fährt sie fort, habe Krege es verstanden, die verschiedenen Sprachebenen des Tolkien-Romans wiederzugeben, während Carroux einen "Einheits-Jargon" über den Text gelegt habe.

In ihren Antworten auf zahlreiche E-Mail-Beschwerden versucht die Lektorin, die Sicht des Verlags zu kommunizieren. Aber offenbar bewegen sich Klett-Cottas Fantasy-Abteilung und ihr Stammpublikum auf verschiedenen Ebenen: "Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Fans nicht so viel literarische Erfahrung haben", sagt Killer. Allerdings: der Vergleich ausgewählter Kapitel und Passagen zeigt, dass die neue Version der Carroux-Fassung keinesfalls überlegen ist. Krege, Klett-Cottas Hausübersetzer für Tolkien, gelingt in manchen Partien eine exaktere und sprachlich feinfühligere Wiedergabe. Doch teilweise ist auch die vermeintlich veraltete Fassung als geglückter zu betrachten. Der "Herr der Ringe 2000" ist zudem nicht ganz frei von unfreiwilliger Komik. Da werden beispielsweise "ever-moving leaves" zu "unermüdlich wedelndem Laubwerk". Und wenn Krege "evil tidings" altertümelnd mit "schlimme Post" übersetzt, scheint er gegen die Aktie Gelb polemisieren zu wollen.

Mittelerde-Bewohner Hobbit: Gerade "schlimme Post" bekommen?

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Sein Ziel, bestimmten Figuren ein zeitgemäßes Deutsch in den Mund zu legen, ist legitim. Doch anstatt manche Dialoge behutsam zu modernisieren, peppt er sie mit Trendausdrücken auf, die in wenigen Jahren Patina angesetzt haben werden, sofern das nicht jetzt schon der Fall ist. Charaktere werden mit "Chef", einmal sogar mit "Chefchen", angeredet, als "Penner" beschimpft oder mit "Dalli Dalli" angefeuert. Der Verzicht auf die "Ihr"-Form in der Anrede hat die irritierende Wirkung, dass sich die Personen der tolkienschen Sagenwelt plötzlich siezen.

Der Vergleich von alter und neuer Fassung wird jedoch schon bald schwierig, denn Klett-Cotta nahm den Carroux-Tolkien mittlerweile vom Markt. In den meisten Fällen bietet Krege weder bessere noch schlechtere Formulierungen, sondern schlicht andere. Es entsteht der Eindruck, als habe er sich krampfhaft um eine komplette Übersetzung bemüht, wo eine Neubearbeitung ausgereicht hätte. "Abschreiben müssen tut weh", gesteht er selbst auf der Klett-Cotta-Website ein. Aber ein komplett überholter "Herr der Ringe" lässt sich eben besser vermarkten. Zumal im Vorfeld der Film-Trilogie.

Ulrike Killer indes weist solche Vermutungen zurück. Schließlich gebe es die Pläne für eine Neu-Übersetzung schon seit Jahren. Trotzdem sind die Fronten zwischen Verlag und Fans zurzeit verhärtet. Klett-Cotta hat laut Killer jedoch nicht nur die alten Anhänger, sondern auch neue Leser im Visier. Gleichwohl beteuert sie: "Herr Krege und ich würden gerne mit den Fans konstruktiv diskutieren. Doch bis jetzt haben wir keine differenzierten Argumente zu hören bekommen."

Das will die Deutsche Tolkiengesellschaft nun ändern. Sie erarbeitete bereits eine erste Fehlerliste, die Klett-Cotta präsentiert werden soll. Nach einem Workshop im Juli dieses Jahres ist für den Januar 2001 eine weitere, dreitägige Arbeits-Session angesetzt. Die Mitglieder wollen jetzt nicht nur Kreges "Herr der Ringe", sondern auch seine Übersetzungen anderer Tolkien-Werke genauer unter die Lupe nehmen. Der Vorsitzende Marcel Bülles hofft, dass der Verlag bei künftigen Auflagen die gravierendsten Mängel behebt: "Wir haben das Recht, eine gute Übersetzung zu verlangen." Im schlimmsten Fall, sagt er, bleibe nur ein Ausweg: "Dann halten wir uns an das englische Original."

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