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Neue Familienmodelle: Der große Vater-Kater

Von Thomas Andre

Hausmann: Kind schläft, Papa auch Zur Großansicht
Corbis

Hausmann: Kind schläft, Papa auch

Ein moderner Papa, der kocht, wäscht - und daran leidet: In "Sie nennen es Nichtstun" erzählt Alexander Posch mit viel schwarzem Humor davon, wie es ist, kein Leben mehr, aber eine Familie zu haben.

Wann ist eigentlich der Tiefpunkt erreicht? Vielleicht dann, als die Sprache auf die Bohemistik kommt. In Prag könne man ein Fach namens Bohemistik studieren, das wäre doch was, sagt die Ehefrau: "Im Kaffeehaus sitzen und lesen und schreiben. Alles, was du immer gewollt hast."

Derlei Spott schlägt dem Helden in Alexander Poschs famosem Debüt "Sie nennen es Nichtstun" ständig entgegen. Das ist gleich doppelt unfair: Denn einerseits ist der Mann - ein frustrierter Mittvierziger - keineswegs faul. Er ist Familienvater und Hausmann, also ein auf den ersten Blick erfrischend moderner Typus des Maskulinen. Einer, der mithilft bei der Modernisierung einer Gesellschaft, die Geschlechterstereotypen nicht mehr kennen will. Und er ist eine Künstlerseele, die Dreckwäsche, Essensversorgung, Chauffierdienste und grundsätzliche Kinderbespaßung von den eigentlichen Wünschen abhalten. Die Lebenslüge "Künstler" ist längst als solche entlarvt, das Porträt des Schriftstellers als Mann im besten Alter eine reichlich unschöne Sache. Man kommt so wenig zum Schreiben, wenn die Quälgeister nerven, und es kratzt am Selbstwertgefühl, wenn sie das Geld verdient.

Und dann lebt man auch noch in einem Randbezirk namens Rahlstedt, was die Permanentkrise verschärft. Der Autor Posch, 1968 in Hamburg geboren, zufällig Vater von drei Kindern und Haushaltsmanager wie seine Romanfigur, trägt in dieser so vergnüglichen wie bitteren Episodensammlung Alltagsschnipsel eines In-die-ewige-Papa-Rolle-Geratenen zusammen. Er tut es nicht auf die vorgeblich amüsante und auf stereotype Pointen zielende Weise des Humoristen, sondern im Gestus des vom Leben Beleidigten, der seine Vaterdepression überzeichnet und zunächst wenig sympathische Klagelieder nicht scheut: "Irgendetwas Besseres als Hausmann wäre dringewesen für mich".

"Würdest du mich noch einmal heiraten?"

"Sie nennen es Nichtstun" ist kein Werkstattbericht einer vatergeprägten Kindererziehung, es ist kein reiner Künstlerroman und auch kein Beziehungsroman, obwohl das Buch durchaus auch die Geschichte einer Ehe erzählt. Herrlich auf den Punkt sind diese Szenen, in denen sich die Abnutzungserscheinungen einer langjährigen, entromantisierten Verbindung zeigen: "'Wenn du dich jetzt entscheiden könntest', fragte ich meine Frau, 'würdest du mich noch einmal heiraten?' Meine Frau sieht mich an, sie sieht die Kinder an. Die Pause, in der sie überlegt, ist viel zu lang."

Posch schreibt in verdichteter Form von den Sinnfragen unter den Erschwernissen moderner Alltagsbewältigung. Der Witz seiner makaberen und schwarzhumorigen Miniaturen erhält durch die vielen surrealen Einfälle und hintersinnigen Dialoge eine angenehm bizarre Note. Ernst nehmen darf man die Konfessionen des Vorort-Neurotikers keinesfalls, aber eine mit unsentimentalerem Blick sezierte Familienhölle kann man sich dennoch kaum vorstellen. "Sie schlafen, die Lieben", schreibt der Erzähler einmal, und dass er dabei das "endlich" vergisst, ist genauso Absicht wie die ironische Betonung, die man sich bei den "Lieben" unweigerlich dazudenkt.

Posch zeichnet das Idealbild eines Tagträumers, dessen verpasste Chancen immer auch etwas mit mangelnder Ambition in den entscheidenden Momenten zu tun haben. Der Leser begleitet den von den respektlosen Kindern ("Manchmal bist du einfältig wie Homer Simpson") niedergedrückten Krisenmensch auf seiner streng subjektiven Odyssee durch den Alltag, in dem sich das Drama des modernen Menschen entfaltet. Poschs Alter Ego weiß um das Selbstverwirklichungsdiktat der Gegenwart.

Die bohrende Frage, ob es das jetzt schon war, ob sich mit der Entscheidung für die Kinder und die Rolle des Hausmanns das Fenster für andere Erfahrungen als das Basteln von Kastanientieren schließt, verhält sich spiegelbildlich zu den Möglichkeitsformen, über die jeder manchmal nachdenkt. Es geht in "Sie nennen es Nichtstun" um die Sehnsucht nach dem ganz anderen Leben.

Ein kleines Buch der großen Desillusionierung, eine matt schimmernde Ästhetik des Scheiterns: Posch gelingt mit seinem Roman das literarisch anspruchsvolle Vorhaben, in vielschichtigen und metaphorischen Beschreibungen vom Vater- und Mannsein an der Schwelle zum Nervenzusammenbruch zu erzählen.

Die 20 wichtigsten Romane des Frühjahrs 2014
Hanser/ Pascal Victor/ ArtComArt

Er kauft immer den falschen Käse. Sie weigert sich, nachts das Licht auszumachen. Yasmina Reza hat in ihrem neuen Roman "Glücklich die Glücklichen" die Kunst der Eskalation perfektioniert. Und das Glück ziemlich gut versteckt.

Dominique Nabokov

Rassismus, Klassensystem und Coolness: In "London NW" fügt Literaturstar Zadie Smith ein faszinierendes Mosaik urbaner Biografien zusammen. Ihr bestes Buch.

Kay Itting

Korrektur: Thomas Bernhard ist nicht tot. In Alexander Schimmelbuschs "Murau Identität" lebt er inkognito auf Mallorca. Ein äußerst unterhaltsames Buch, das in seiner gemeingefährlichen Smartness an den jungen Christian Kracht erinnert.

Getty Images/ Toronto Star

Was vor Lampedusa geschah: Ryad Assani-Razakis "Iman" erzählt von jungen Afrikanern, die unter Lebensgefahr nach Europa fliehen - obwohl das, was sie erwartet, nicht besser ist als ihr altes Leben.

Alexa Geisthövel

Psychogramm eines Nazis, das ohne Nazi-Klischees auskommt: In "Flut und Boden" erzählt Per Leo die Geschichte seines Großvaters, eines überzeugten SS-Führers - ihm gelingt, woran kaum einer noch geglaubt hätte: eine Wiederbelebung des Familienromans.

Markus Tedeskino

Ein weltweit konkurrenzloser Schriftsteller liefert den verdichteten Beweis seiner Kunst: In "Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki" erzählt Haruki Murakami die Geschichte einer Selbstfindung - und von einer Frau, die alles entscheidet.

DPA

Martin Mosebach, Vorzeige-Großbürger der deutschen Literatur, begibt sich in seinem neuen Roman "Das Blutbuchenfest" ins selbstzufriedene Milieu Frankfurter Geldmenschen - und konfrontiert es mit einer bosnischen Putzfrau.

Keke Keukelaar

Kommunisten, Hippies, Occupy-Bewegung: Jonathan Lethem porträtiert in seinem neuen Roman "Der Garten der Dissidenten" mehrere Generationen linker Gegenkultur. Was die Aktivisten verbindet? Dass sie am Ende allein dastehen.

Jochen Quast

Als Bummelstudenten noch "Futschikato" sagten: Gerhard Henschels "Bildungsroman" ist das heiter genervte Porträt eines Twentysomethings in den frühen Achtzigern - und zeigt die Ereignislosigkeit der Bundesrepublik, ohne dabei je zu langweilen.

DPA

Konzentriert, konsequent, knallhart - und hochpolitisch. Don Winslow ist derzeit der wichtigste US-amerikanische Thriller-Autor. In "Vergeltung" jagt ein Söldner die Mörder seiner Familie und muss erkennen, dass die Zukunft Kriegsrobotern gehört.

Catherine Hélie/ Editions Gallimard

Ein Tod, so individuell wie sein Leben: Nach einem schweren Schlaganfall bittet der Pariser Kunstsammler André Bernheim seine Tochter Emmanuèle Bernheim, ihm beim Sterben zu helfen. Das Buch "Alles ist gutgegangen" ist ihr ungewöhnlicher, diskreter Bericht.

DPA

Inszenierung von Glück und Genuss, Abkehr von der schnöden Realität: Anna Katharina Fröhlich ist eine eigenwillige Virtuosin - in "Der schöne Gast" erzählt sie eine sinnenfrohe Liebesgeschichte vor mediterraner Kulisse.

DPA

Die Schönste der Schule und ihr vier Jahre jüngerer Verehrer: Navid Kermani erzählt in "Große Liebe" von einer Teenagerliebe in den Zeiten der Friedensbewegung - und dreht dann ab in die islamische Mystik.

DPA/ Rabea Edel/ Berlin Verlag

Bye-bye Jugend: Fabian Hischmanns "Am Ende schmeißen wir mit Gold" beginnt wie ein schwuler Erweckungsroman - und entwickelt sich dann zur Geschichte einer Identitätsfindung, die an Benjamin Lebert erinnert.

Alex Reuter

Die Sprache ist schlicht und schnörkellos, der Inhalt aufwühlend: Angelika Klüssendorf hat mit "April" eine Fortsetzung ihres Erfolgsromans "Das Mädchen" geschrieben. Es ist das Porträt einer Heldin, die mit sich selbst kämpft - und dank Kunst und Literatur den Kampf gewinnt.

Gaby Gerster

Die Agenda des Einschleichers: In "Die Lüge" erzählt Uwe Kolbe von einem Stasi-Mann, der die Kunstszene überwacht - und, angelehnt an die eigene Biografie, eine Geschichte von Vater und Sohn, die sich der Enge der Diktatur durch erotische Eskapaden entziehen.

AFP

Was verloren geht, wenn ein Mensch stirbt: In "Alles ist wahr" erzählt Emmanuel Carrère mit unironischer Aufrichtigkeit von existenziellen Verunsicherungen - und hatte damit in Frankreich großen Erfolg.

Katja Sämann

Anderthalb Nazis, Säufer und ein Fährmann, der mal Angela Merkel befördert hat: In Sasa Stanisics "Vor dem Fest" ist das fiktive Uckermarkdorf Fürstenfelde Idealtyp der wendeversehrten Ex-DDR - und Kulisse für eine ironisch abgefederte Tragikomödie.

DPA

Krieg, Vertreibung, Neurosen - und Affenforschung: In "Sieben Sprünge vom Rand der Welt" schildert Ulrike Draesner die deutsche Geschichte anhand von vier Generationen einer Familie. Ein kolossaler Roman mit skurrilen Figuren.

DPA

Von Berlin aus in Richtung der Schrecken des 20. Jahrhunderts: In "Vielleicht Esther" erzählt Katja Petrowskaja von einer Recherche in der eigenen Familiengeschichte - und schafft ein großartiges, ungewöhnlich erzähltes Panorama des 20. Jahrhunderts.

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insgesamt 22 Beiträge
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1. Kopfschütteln....
fatherted98 15.04.2014
...so was kommt dabei heraus wenn man sich von seinen Kindern auf der Nase rumtanzen lässt, sie als gleichwertige Partner und nicht als zu erziehende Kinder ansieht. Bringt man seinen Kindern ein Mindestmaß an Disziplin und Eigenverantwortung bei, kann man sich das aufräumen, putzen, Betten machen, lüften, Müll raustragen, abwaschen usw. sparen (natürlich je nach Alter...aber früh übt sich) bzw. gut aufteilen...da aber die lieben Kleinen nie was machen müssen und immer nur nach Mami und Papi schreien wenn mal was daneben geht...brauchen die sich nicht zu wundern wenn sie sich zu den Sklaven ihrer Kinder machen.
2.
spon-facebook-1459922526 15.04.2014
Zitat von fatherted98...so was kommt dabei heraus wenn man sich von seinen Kindern auf der Nase rumtanzen lässt, sie als gleichwertige Partner und nicht als zu erziehende Kinder ansieht. Bringt man seinen Kindern ein Mindestmaß an Disziplin und Eigenverantwortung bei, kann man sich das aufräumen, putzen, Betten machen, lüften, Müll raustragen, abwaschen usw. sparen (natürlich je nach Alter...aber früh übt sich) bzw. gut aufteilen...da aber die lieben Kleinen nie was machen müssen und immer nur nach Mami und Papi schreien wenn mal was daneben geht...brauchen die sich nicht zu wundern wenn sie sich zu den Sklaven ihrer Kinder machen.
Das kann ich nur unterschreiben. Mein Sohn (gerade 2 Jahre alt geworden), räumt nach dem Spielen bereits seit dem er 1 geworden ist auf. Hilft am Wochenende den Frühstückstisch zu decken. Wischt mit einem Lappen auf, was er hin und wieder kleckert. Er hat auch weiterhin seinen eigenen Sturkopf, aber das meiste ist einfach Erziehungssache.
3. Ich
forumgehts? 15.04.2014
Zitat von sysopCorbisEin moderner Vater, der kocht, wäscht - und daran leidet: In "Sie nennen es Nichtstun" erzählt Alexander Posch mit viel schwarzen Humor davon, wie es ist, kein Leben mehr, aber eine Familie zu haben. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/neue-vaeter-in-elternzeit-alexander-poschs-sie-nennen-es-nichtstun-a-964449.html
Wette, seine Frau ist die Erste, die ihn fertig macht und kein gutes Haar an ihm lässt. Er wird es jedoch niemals wagen, dieses zuzugeben.
4. wer das liest...
walu 15.04.2014
...muss sich schon (vorher) schwer langweilen
5. optional
mart.n 15.04.2014
Mein großes persönliches Highlight war während der 1-jährigen Elternzeit - beim Schieben meine Tochter - von einem Rentner angepöbelt zu werden, dass ich Asozialer mir doch endlich mal einen Job suchen soll. Das sagt denke ich das meiste aus über die Gesellschaft, wenn man als Mann vom traditionellen Weg abweicht.
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