Schotten-Abenteuer von "Asterix" Abgesoffen in Loch Ness

Kalauer in Kaledonien: Statt auf subtilen Humor setzen die neuen Autoren beim Schotten-Abenteuer "Asterix bei den Pikten" auf platte Pointen. Den Segen von Altmeister Uderzo haben sie trotzdem.

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Nicht allein Obelix, nein, jeder Comic-Leser ist als Kind in einen Kessel mit Zaubertrank gefallen. Die Wirkung setzt ein, sobald man irgendwo ein altes Heft entdeckt: Man vergisst die Gegenwart, taucht ein in Erinnerungen - ein herrlicher, entspannender und dabei völlig ungefährlicher Effekt, der sonst nur bei Platten der Lieblingsband auftritt oder dann, wenn man etwas isst, das man schon als Junge geliebt hat. Marcel Proust hat über ein ähnliches Phänomen ein vielbändiges Werk geschrieben, es zählt ebenso zur französischen Kulturgeschichte wie die "Asterix"-Comics von Albert Uderzo und René Goscinny.

Goscinny ist seit 1977 tot. Seitdem leiden "Asterix"-Leser an einem Phänomen, das jeder kennt, der sich nur einmal im Leben für etwas begeistert hat: Mag die Erinnerung auch ein Paradies sein, aus dem man nicht vertrieben werden kann - noch nie war es einem Sterblichen vergönnt, das Paradies zu rekonstruieren. Keine einzige Soloplatte konnte es je mit den zuvor erschienen Alben der Lieblingsband aufnehmen. Niemand kocht genau so, wie die eigene Mutter gekocht hat. Und seit Goscinnys Tod sind alle "Asterix"-Bände Mist.

Es wäre deshalb ein Fehler zu hoffen, ausgerechnet der 35. Band, "Asterix bei den Pikten", würde Erwartungen erfüllen, die von den alten Comics der Serie geschürt wurden, nur weil Albert Uderzo die Reihe an Jean-Yves Ferri und Didier Conrad übergeben hat. Doch nach der mehr als 50 Jahre dauernden Ära des mittlerweile 86-jährigen Uderzo ist allein die Tatsache des Wechsels ein fast historischer Akt.

Zweifelhaftes Kompliment

Für Didier Conrad habe gesprochen, sagte Uderzo kürzlich in einem Interview, dass es ihm gelungen sei, sich in der Serie "Marsu Kids" dem Zeichenstil einer anderen Größe des französischen Comics anzupassen. Dem des Marsupilami-Erfinders André Franquin. Ein zweifelhaftes Kompliment, reduziert es den Zeichner doch auf die Rolle des Kopisten seines Vorgängers. Vor Conrad hatte bereits Uderzos Assistent Frédéric Mébarki versucht, "Asterix" weiterzuführen. Er musste aufgeben, wohl auch, weil sein Chef mit seiner Arbeit nicht zufrieden war.

Conrad ist ein Routinier, der erst gar nicht versucht hat, "Asterix bei den Pikten" einen besonderen, persönlichen Stil aufzudrücken. Mag die Mimik der Gallier, besonders die des Hauptdarstellers, auch deutlich schematischer sein als in alten Heften und manche Figur, so die Frau von Methusalix, bei Conrad zur Karikatur verkommen - die grafischen Vorgaben Uderzos, der den Zeichenprozess überwachte, hat Conrad, zumindest so lange die Geschichte im gallischen Dorf spielt, umgesetzt. Dabei hat er einen Großteil der "Asterix"-Traditionen bewahrt, doch fehlt ihm Uderzos liebevoller Blick für Details. Wenn überhaupt erinnert dieses Heft optisch an den holzschnittartigeren Stil der frühen Hefte und weniger an die "Asterix"-Hochphase der frühen und mittleren siebziger Jahre.

Anders als damals spielen Frauen eine wichtige Rolle in "Asterix bei den Pikten": Gutemine, die Frau des Häuptlings Majestix, oder Jellosubmarine, die Frau des Fischhändlers Verleihnix treten selbstbewusst auf. Und dann ist da Camilla, welch vielsagender Name, die Braut des Schotten Mac Aphon.

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Neuer "Asterix"-Band: Wer waren noch gleich die Pikten?
Den hat es nach Gallien verschlagen, eingefroren in eine mannsgroße Eiskugel. Schließlich eskortieren ihn Asterix und Obelix in seine Heimat Kaledonien zurück, dorthin, wo die Pikten, wie die Schotten in römischer Zeit genannt wurden, wohnen. Romanzen hat es bei Asterix, besonders in der Spätphase, immer wieder gegeben, funktioniert haben sie eigentlich nie - oder höchstens dann, wenn in ihrem Mittelpunkt der unglücklich verliebte Obelix stand. Mancher Leser dürfte sich mit Schaudern an die Liebesgeschichte in "Der große Graben" erinnern. Es erscheint gewagt, dass der neue Texter Jean-Yves Ferri sich ausgerechnet dieser Tradition besinnt.

Popkulturelles Tourette-Syndrom

Dafür lässt er das Potential der in der zweiten Hälfte des Heftes komplett in Schottland spielenden Geschichte zum Großteil ungenutzt. Mögen sie auch Malzwasser trinken (also: Whisky), Röcke tragen und Baumstämme werfen - die Schotten von Conrad und Ferri sind nicht viel mehr als kriegerische Hinterwäldler.

Der subtile Witz von "Asterix in Spanien", "Asterix bei den Schweizern" oder "Asterix auf Korsika" ist "Asterix bei den Pikten" fremd, trotz Scherzen über Asylrecht und "kulturelle Unterschiede", trotz eines an das Ungeheuer von Loch Ness erinnernden Fabelwesens, das fast so heißt wie Fafnir, der Drache aus der "Edda". Goscinny erzählte Asterix' Reiseabenteuer, indem er sich, bei allem Spiel mit Nationalklischees, hineindachte in die fremdartig wirkenden Gesellen, denen die Gallier da einen Besuch abstatteten - bei Ferri bleiben die Pikten blass, ja fast so zweidimensional wie die Piktogramme, deren Erfindung den Schotten in einer Szene des Heftes zugeschrieben wird.

Dazu kommt eine überflüssige Nebenfigur - ein Römer, der eine Volkszählung durchführt - und der dämliche Running Gag, dass der Pikte Mac Aphon an einer Art popkulturellem Tourette-Syndrom leidet. Immer wieder verfällt er in Songzeilen aus dem 20. Jahrhundert: "Be-bop-a-lula, she's my baby", "Obladii, obladaa" oder gar "Jingle Bells".

Es soll einmal einen "Asterix"-Zeichner gegeben haben, der es für eine gute Idee Idee hielt, in der Antike moderne Superhelden auftreten zu lassen - längst gilt der entsprechende Band "Gallien in Gefahr" als Tiefpunkt im Werk Uderzos. Es ist Ferri und Conrad zu wünschen, dass es ihnen im nächsten Heft gelingt, sich von derartig verunglückten Gegenwartsbezügen vollends freizumachen.

Haben sie doch jetzt schon mit einer ganz entscheidenden Tradition der Serie gebrochen - als Asterix sich über die Pikten wundert, sagt er: "Die haben eine Macke." Die klassische Formulierung dieses Sachverhalts haben treue "Asterix"-Leser wohl ganz anders in Erinnerung. Dass die aber sowieso nicht zufriedenzustellen sind, dürften Ferri und Conrad geahnt haben.

Ihr Heft zielt in seinem unkomplizierten Humor ganz offensichtlich auf Kinder. Sind sie es doch, die sich später einmal begeistert erinnern werden - vielleicht ja sogar an "Asterix bei den Pikten".

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insgesamt 66 Beiträge
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soano 24.10.2013
1. Und im französischen Original?
Wie viele der verunglückten Kalauer sind auch im Original so kindisch? Wie heißt dort jetzt der berühmte Satz "Ils sont fous, ces romains"? Und wer macht jetzt die deutsche Übersetzung, die in den Siebzigern mit zum hiesigen riesigen Erfolg von Asterix beigetragen hatte?
DocSpine 24.10.2013
2. Alt geworden
Wir sind halt jetzt die "Alten" und sehnen uns nach der besseren Zeit von damals. Dennoch bleiben auch die neueren Asterix-Werke überdurchschnittlich gut im Vergleich zu den anderen Comicserien...
chuckal 24.10.2013
3. Korrektur
Den Segen Uderzos haben sie nicht trotz, sondern wegen des platten Humors.
krassmann 24.10.2013
4. Die spinnen
Die spinnen die Kritiker vom Speculum. Sieht doch ganz gut aus. Ich freue mich jedenfalls schon auf den Band.
c.PAF 24.10.2013
5.
Zitat von sysop2013 Les Éditions Albert RenéKalauer in Kaledonien: Statt auf subtilen Humor setzen die neuen Autoren beim Schotten-Abenteuer "Asterix bei den Pikten" auf platte Pointen. Den Segen von Altmeister Uderzo haben sie trotzdem. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/neuer-asterix-bei-den-pikten-von-jean-yves-ferri-und-didier-conrad-a-929507.html
Kinder dürften an Asterix kein Interesse haben, da "uncool". Ich habe alle Asterix-Bände, aber dieser Band wird der erste sein, den ich mir nicht mehr kaufe. Den Kauf der letzten Bände bereue ich, in der Erinnerung an die ersten Bände schwelge ich. Schade, man hat leider verpaßt, einen Schlußstich zu ziehen, als die Geschichten noch gut waren... Trotzdem bleibe ich ein Fan von Asterix. Vom "alten" Asterix.
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