Neuer Roman von Benny Barbasch Stell dir vor, es ist Olivenkrieg

Diät mit außergewöhnlichen Nebenwirkungen: In Benny Barbaschs neuem Roman wächst einem Mann ein Olivenbäumchen aus dem Ohr. Zwar kommt das Buch leicht daher, behandelt aber schweren Stoff, nämlich den Konflikt zwischen Israel und Palästina.

Autor Barbasch: Vorurteile von Israelis und Palästinensern ins Lächerliche ziehen
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Autor Barbasch: Vorurteile von Israelis und Palästinensern ins Lächerliche ziehen

Von Sonja Hartwig


Nach dem ersten Satz kennt man die Ursache der Geschichte: Der Vater ist dick. Und nach dem ersten Kapitel das ganze Unheil der Geschichte: Aus dem Ohr des Vaters wächst ein Olivenbaum. Damit ist das Grobe des Plots schnell erzählt, längst aber nicht das Feine; nicht das, was dieses Buch witzig und ernst zugleich macht. Wenn ein Buch schweren Stoff in eine leichte Lektüre verpackt, ist es entweder furchtbar schlecht oder furchtbar gut: "Der Mann, dem ein Olivenbäumchen aus dem Ohr wuchs" ist furchtbar gut.

Der israelische Autor Benny Barbasch macht auf 140 Seiten etwas, wofür politisch Korrekte einen diplomatischen Duktus und viele nebulöse Nebensätze brauchen: Er lässt seinen Helden, einen zwölf Jahre alten Israeli, eine Geschichte erzählen, die von seiner komischen Familie handelt und von seinem komplexen Land. Es ist eine Parabel auf das heutige Israel in all seinen widersprüchlichen Einzelheiten: Es geht um Holocaust-Erinnerung, um Generationenclash, um Siedlungsbau, um Annäherung und um Akzeptanz, ums Wurzeln schlagen und ums Wachsen lassen.

Assaf, der Junge, erzählt wie ein Kind: naiv, unbedacht und tabulos; aber auch gewitzt, schlau und assoziativ. Er beginnt mit seinem Vater, der dick ist, und der Mutter, die sagt, er sei "vielleicht eher vollschlank". Und dann ist da noch die Großmutter mütterlicherseits, die jahrelang auf ihrem Recht beharrte, über ihre Konzentrationslager-Erfahrungen zu schweigen, und der Großvater väterlicherseits, der ihr Schweigen brach, indem er sagte, dass eine einzige Wasserstoffbombe von Ahmadinedschad genügen würde, "um den ganzen Staat in ein gigantisches Krematorium zu verwandeln, mit Temperaturen, wie sie sich die Firma Topf & Söhne, die die Krematorien in Auschwitz gebaut hat, in ihren kühnsten Träumen nicht hätte vorstellen können".

Aus Diätgründen nur noch Oliven

Eigentlich aber geht es um den Vater, der wegen seiner körperlichen Fülle verdächtig aussieht - so als hätte er einen Sprengstoffgürtel unter der Jacke. Er beschließt abzunehmen, versucht es mit einer Apfel-Diät, mit einer Gurken-Diät, einer Kohl-Diät, einer Popcorn-Diät, einer Brokkoli-Spinat-Diät und nach dem Rat einer Spezialistin schließlich mit einer Oliven-Diät.

Der Vater isst nur noch Oliven, "violette, braune und grüne, syrische, marokkanische und balkanische, mit und ohne Kern, mit Paprika oder Mandeln gefüllt"; beim Sabbatessen verschluckt er sich an einem Olivenkern und neun Tage nachdem er fast erstickt wäre, beginnt in ihm etwas zu wachsen: "ein winziges Olivenbäumchen mit klitzekleinen Blättchen und fadendünnen Zweigen". Das Bäumchen sprießt und gedeiht und ist schon bald ein knorriger Olivenbaum. Er lässt sich nicht abschneiden, nicht operieren; der Vater muss lernen mit ihm zu leben, er ist untrennbar mit ihm verbunden, "ähnlich wie ein binationaler Staat, dessen Teilung vollkommen undenkbar ist, weil das bedeuten würde, ihm die Glieder vom Leib zu reißen."

Es steckt ein bisschen Kafka in diesem Roman: Es geht um eine Verwandlung von der Alltagswirklichkeit ins Surreale. Ein bisschen Loriot: Es ist eine Ein-Wort-gibt-das-andere-Kommunikation mit gnadenlosem Aneinander-vorbei-Reden. Und viel aktueller Nachrichtenstoff: Seit Jahren gibt es im Westjordanland einen Olivenkrieg zwischen jüdischen Siedlern und palästinensischen Bauern. Sie pflanzen Bäume, um die Erde als die ihre zu deklarieren, und fällen die Bäume der anderen, um ihnen das Land wegzunehmen.

Spiegel der Widersprüchlichkeiten des Landes

Der Autor stellt sich auf keine Seite, er macht das Groteske auf beiden Seiten deutlich, zieht Vorurteile von Israelis und Palästinensern ins Lächerliche und die Besessenheit, das versprochene Land zu bewohnen, ins Irrwitzige. Als der zwölfjährige Assaf von seinem Großvater erfährt, dass in hundert Jahren ein riesiger Komet auf die Erde schlagen und sie mit einer Wucht von zehntausend Erdbeben zerstören wird, fragt er sich: "Warum streiten wir dann mit den Palästinensern um jedes Stück Land, als gebe es nur die Alternative 'Wir oder sie', während den Wissenschaftlern schon klar ist, dass weder wir noch sie es behalten können?"

Schon einmal hat Benny Barbasch, 61 Jahre alt, die Chronik seines Landes anhand einer Familiengeschichte skizziert. In seinem Bestseller-Roman "Mein erster Sony", der 1997 auf Deutsch erschien, zeichnet ein Junge mit seinem Kassettenrekorder heimlich die Gespräche seiner Familie auf: Krisengespräche in der Küche, Diskussionen über Politik und Liebesgeschichten des Vaters, der als Ghostwriter Biographien von Holocaust-Überlebenden schreibt.

Es geht um das Große im Kleinen. Wie in der Geschichte über das Olivenbäumchen, das aus dem Ohr wächst: Sie fungiert als Miniatur der Widersprüchlichkeiten des Landes, eine Parabel auf Israel, die letztlich nicht ganz aufgeht - will sie aber vielleicht auch gar nicht. Sie bleibt so undurchdringlich wie letztlich auch der Konflikt.



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