Krimi von Jan Costin Wagner Der Schweiger ermittelt wieder

Kimmo Joentaa ist zurück: Der Schriftsteller Jan Costin Wagner lässt seinen wortkargen Kommissar den fünften Fall lösen. In Finnland geht es wieder um Leben und Tod - und darum, wie wir mit dem Tod leben.

Autor Jan Costin Wagner stößt mit seinen Kimmo-Joentaa-Romanen in die Star-Riege skandinavischer Krimi-Schriftsteller vor.
Gunter Glücklich

Autor Jan Costin Wagner stößt mit seinen Kimmo-Joentaa-Romanen in die Star-Riege skandinavischer Krimi-Schriftsteller vor.

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Das kalte Skandinavien ist ein ganz heißes Pflaster: Die Region im Norden Europas gilt als Exportweltmeister, wenn es um Spannungsliteratur geht. Nirgendwo sonst versprühen so viele Schriftsteller so viel kriminelle Energie. Håkan Nesser und Stieg Larsson, Jo Nesbø und Jussi Adler-Olsen, Liza Marklund und Henning Mankell - sie alle sind mit ihren Büchern weltbekannt geworden.

Seit einigen Jahren schon schickt sich ein Deutscher an, in diese Star-Riege vorzustoßen: Jan Costin Wagner. Der stammt zwar aus Heusenstamm bei Offenbach, verbringt aber einen Teil des Jahres mit seiner finnischen Frau in Finnland - und hat einen finnischen Kommissar erfunden. Kimmo Joentaa heißt er. Verglichen mit ihm, ist Mankells Kommissar Kurt Wallander ein Sonnenschein.

Die vier Romane, in denen Kimmo Joentaa bislang ermittelt hat, sind in 14 Sprachen übersetzt worden. Nun erscheint der fünfte Titel: "Tage des letzten Schnees". Ähnlich wie die vorherigen Romane ist auch der neue Roman kein klassischer Whodunnit, sondern eine Psychostudie. Dass der Autor Wagner dafür Krimi-Motive nutzt, ist eher Nebensache.

Der Kommissar ist ein großer Schweiger

Kimmo Joentaa kann nicht so gut reden, aber zuhören, das kann er wie wenige. Er ist ein großer Schweiger, ein Melancholiker, der wie in Trance lebt, seitdem seine Frau im ersten Roman der Reihe an Krebs gestorben ist. Mit einem Bein steht er außerhalb des Lebens, und so hat er mehr mit den Angehörigen der Opfer gemeinsam und auch mit den Tätern als mit den normalen Menschen um sich herum. Der Schmerz hat ihn nicht zum Zyniker gemacht, sondern zum guten Menschen. Zu einem Menschen mit Empathie. Aus dem Verlust heraus hat er die Kraft entwickelt, anderen Menschen zu helfen, die ebenfalls mit einem Verlust klarkommen müssen.

In "Tage des letzten Schnees" montiert Wagner drei Geschichten parallel. Erstens: Der Architekt Lasse Ekholm holt seine elfjährige Tochter beim Eishockeytraining ab. Er verbietet ihr, mit zu einer Freundin zu fahren, weil am nächsten Morgen eine Klausur wartet, er achtet nicht darauf, ob sie sich anschnallt, er dreht ihre Musik laut auf. Plötzlich schneidet ihn ein anderes Auto. Der Fahrer flüchtet, die Tochter stirbt. Zweitens: Der verheiratete Fondsmanager Markus Sedin, 42, trifft in einem Club die Rumänin Réka, 19. Er stürzt mit ihr ab, er verliebt sich in sie, er kauft ihr eine Wohnung, er zahlt ihr viel Unterhalt, er finanziert Krankenhausaufenthalte ihrer Mutter. Réka jedoch führt ein Doppelleben - als "Dragana, Teeniemaus, tabulos". Irgendwann ist sie tot, ermordet, und ihr Zuhälter ist es auch. Drittens: Der Schüler Unto Beck bewundert Anders Behring Breivik. Er treibt sich in dubiosen Internetforen rum und bereitet einen Amoklauf in einem Vergnügungspark vor. Niemand ahnt etwas, bis auf seine Schwester Mari Beck.

Der Kommissar liebt eine Prostituierte

Lange Zeit scheint es, als stünden die Geschichten unverbunden nebeneinander, als hätten sie nichts miteinander zu tun, aber das haben sie natürlich doch. Und sie alle haben auch eine Verbindung zu Kimmo Joentaa. Kimmo kennt Lasse Ekholm, den ehemaligen Chef seiner verstorbenen Frau, und er kennt das Krankenhaus, in dem Lasse Ekholm nach dem Unfall liegt: Es ist das Krankenhaus, in dem seine Frau gestorben ist. Kimmo kennt die Situation, in der Markus Sedin sich befindet, denn auch er hat sich in eine Prostituierte verliebt: in eine Frau, die sich Larissa nennt. Kimmo kennt sogar die Schwester des Schülers Unto Beck. Doch woher, das erfährt er und mit ihm der Leser erst ganz zum Schluss.

Auch im fünften Kimmo-Joentaa-Roman zeigt der Sprachverknapper Wagner, was er kann: filmisch präzise, bildstarke Szenen entwerfen. Knappe, kraftvolle Dialoge schreiben. Lakonische Sätze hintupfen, die man laut lesen mag, vorlesen am liebsten. Und wann will man das schon mal bei einem Krimi?

Dass Wagner aktuelle, gesellschaftspolitische Themen aufgreift - Finanzkrise, Prostitution, dazu das Attentat des Rechtsextremisten Anders Behring Breivik - wirkt zunächst sehr gewollt, auf Bedeutung getrimmt. Im Kern jedoch geht es Wagner gar nicht um die Gesellschaftsdebatten. Es geht ihm um mehr. Ihm geht es um Leben und Tod. Um den Tod und darum, wie wir mit ihm leben.

Wenn der neue Kimmo-Joentaa-Roman dennoch nicht ganz so gut ist wie die vorherigen, dann liegt das daran, dass Wagner dieses Mal arg viele Zufälle bemüht. Die "Tage des letzten Schnees" enthalten so viele Schicksalswendungen, vor allem zum Schluss, dass die Tragik albern zu werden droht.

Weniger ist mehr. Wer wüsste das besser als der Schweiger Kimmo Joentaa.


Jan Costin Wagner: "Tage des letzten Schnees". Galiani Berlin; 316 Seiten; 19,99 Euro. Erscheint am 9. Januar (bei Amazon vorbestellen).

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