Neuer Walser-Roman Mein liebender Schwan

Alter Sack trifft süßen Hasen: Dieser Eindruck drängt sich auf bei Martin Walsers neuem Roman "Ein liebender Mann" über die Leidenschaft Goethes für eine über 50 Jahre jüngere Schülerin. Doch das Buch enttäuscht nicht - Walser zeigt sich groß in Form.

Von Andreas Merkel


In der Sommerfrische des Jahres 1823 hat die Gesellschaft des böhmischen Kurorts Marienbad einen handfesten Skandal zu betratschen: Der 73-jährige Witwer Goethe verliebt sich in die 19-jährige Ulrike von Levetzow, als wäre sie das Leben selbst. Provinzübergreifend verbreitet sich die Society-Nachricht, dass der Geheimrat die Internatsschülerin sogar heiraten will.

Schriftsteller Walser: Gelungene Imitatio des Dichterfürsten Goethe
DDP

Schriftsteller Walser: Gelungene Imitatio des Dichterfürsten Goethe

Zuhause in Weimar toben sie, allen voran die besitzergreifende Schwiegertochter Ottilie: Wie der große Nationaldichter auf so eine "europaweit bekannte Ehrgeizhure" hereinfallen könne! Goethe hat sich unterdessen Ulrike, die er als große Seelenverwandte auf Augenhöhe imaginiert, aber längst im wahrsten Sinne des Wortes verschrieben. Dicht- und Briefkunst dürfen in dieser Zeit keinem anderen Zweck mehr dienen als der liebestollen Überhöhung der Angebeteten: "Wie das Meer haben Ihre Augen die Farbe immer vom Himmel, aber was das Meer nicht hat, dazu haben sie eben auch noch die Farbmacht Ihres inneren Himmels."

Es ist jedoch nicht Johann Wolfgang von Goethe, der dies schreibt, sondern Martin Walser, 80, der sich fast zwei Jahrhunderte später mit seinem neuen Roman "Ein liebender Mann" noch einmal dieses Klassikers unter den Liebesgeschichten angenommen hat. Die Tragik des Themas älterer Liebhaber – junge Geliebte ist altbekannt. Ihre Fallhöhe bemisst sich an der nur allzu naheliegenden Möglichkeit, in die nur spärlich verhüllte Zote abzurutschen: Geiler alter Sack trifft süßen Hasen inklusive Vaterkomplex (um das böse Ottilie-Diktum nicht wiederholen zu müssen).

Walser, der sich dieser Liebeskonstellation schon mehrfach angenommen hat und sogar selbst einmal verschlüsselt ihr Gegenstand sein durfte, als 2003 Martina Zöllner ihre Affäre mit dem Autor in dem hochgelobten Roman "Bleibtreu" verewigt hat, scheint diese Untiefen inzwischen alle zu kennen. Und läuft in der Imitatio des Dichterfürsten noch mal zu unerwartet großer Form auf.

In einem hochfahrenden, leidenschaftlichen Ton schreibt Walser über die Liebe als existentielle Lebensnotwendigkeit. Er instrumentiert Goethe als jemanden, der in einer Zeit, als Kunst noch der Erbauung dienen sollte, aufs große Ganze geht und die Gefahren seines Pathos dabei immer gleich programmatisch mitreflektiert: "Die Tonart klingt wie Übertreibung, weil die Menschheit dressiert ist auf Unterdrückung, auf Niedermachen und Verschweigen. Auf Kleinmachen."

Kostbare Stunden in der "Du-Zone"

Bald schon erkennt Goethe in dem ihn umgebenden und treu umsorgenden Hofstaat das "Feindesland" der Konventionen. Die paar Treffen und heimlichen Küsse, die wenigen Stunden in der "Du-Zone", die Goethe und Ulrike der strengen Etikette abtrotzen können, schildert Walser so, dass den Leser Sehnsucht nach dem Zustand einer vorpsychologischen Epoche befällt, die dem wilden Chaos der Gefühle noch mit höfisch verbindlichen Spielregeln begegnete. Und sei es nur, um dem Genie ihre lustvolle Übertretung zu ermöglichen.

Die Stärken dieses Romans liegen dabei in diesem Erzählton, der sowohl Goethe nackt vor dem Spiegel über sein Geschlechtsteil sinnieren lassen kann als auch die berühmte "Marienbader Elegie" in voller Länge zitiert und organisch in den Verlauf dieser Liebesgeschichte einzubauen versteht.

Letztlich ist diese anrührende Romanze immer auch die Kritik jenes Gefühls, das sie beschwört. Je schöner, größer und sprachgewaltiger die Liebe nämlich besungen wird, umso mehr wächst auch die Unsicherheit und das Misstrauen bei der Adressatin, zu der Walser uns alle macht. Wenn ein Genie dich beschreibt, was bleibt dir dann noch übrig zu sein als eben jener Text? Ulrike von Levetzow nahm Goethes Antrag nie an, blieb aber ein Leben lang unverheiratet und verwahrte seine Briefe bis in den Tod als ihr unschätzbares Andenken.

Dieses Andenken hat Martin Walser wiederbelebt und aufgefrischt, kein kleines Verdienst. Denn natürlich war Goethe – als unantastbarer Geistestitan und Säulenheiliger des deutschen Weltkulturerbes und seiner Institutionen – die längste Zeit toter als tot. Über die Jahrhunderte hinweg fällt der Blick jetzt aber wieder zurück auf eine der spannendsten Biographien der Literaturgeschichte, die zu voll von Widersprüchen, Brüchen und Fluchten gewesen ist, um letztgültig in kalten Marmor gemeißelt zu werden.

Hinter der produktiven Disziplin und heiteren Gelassenheit deutet Walser ein berserkerhaft düsteres Wesen an: Goethe, der Illuminat, der Machtpolitiker und vor allem der Naturwissenschaftler, als den er sich selbst sah und der sich mit seiner "Farbenlehre" lebenslang in einem Glaubenskrieg um das Wesen des Lichts und der Erscheinungen befand. Ein liebender Mann mit zu vielen Eigenschaften, zurückgefallen in unsere Zeit, um in ihm zu lesen.


Martin Walser: "Ein liebender Mann", Rowohlt Verlag, 288 Seiten, 19,90 Euro



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.