Neuerscheinungen "War Hitler schwul?"

War Hitler schwul, fragte die "Bild"-Zeitung reißerisch und reagierte damit auf eines der heißen Themen des diesjährigen Bücherherbstes. Pünktlich zur Frankfurter Buchmesse haben gleich drei Autoren versucht, das Leben Adolf Hitlers neu zu beleuchten.


Der "Alexander Fest Verlag" machte lange ein Geheimnis um ein Geheimnis, das eigentlich gar keines ist. Unter dem Titel "Wer war Hitler?" hatte der Berliner Verlag ein Buch angekündigt "das uns zwingt, das Leben des deutschen Diktators neu zu sehen". Und noch mehr: "Das Buch, das in zwölf Ländern gleichzeitig erscheint, ist geeignet, unseren Blick auf Hitler tief greifend zu verändern". Der Name des Autors und das Geheimnis waren erst eine Woche vor Erscheinen des Buches gelüftet worden. Lothar Machtan (Jahrgang 1949), Professor für Neuere Geschichte an der Universität Bremen, versucht auf 464 Seiten den Nachweis zu führen, dass Hitler homosexuell war. Brisante News, gewiss, und der Blätterwald rauschte denn auch gewaltig, aber Begeisterung vermochte Machthan mit seiner These bislang nicht hervorzurufen. Es bleibt fraglich, ob die Geschichtsbücher wirklich umgeschrieben werden müssen.

Der Hanser Verlag hingegen näherte sich dem Thema "Hitler" literarisch. Dichtung und Wahrheit liegen nahe beieinander, schien sich der niederländische Autor Harry Mulisch zu denken und erzählt in "Siegfried" die unmögliche Geschichte von Siegfried, dem Sohn von Adolf Hitler und Eva Braun. Schwul, so mag der geneigte Leser denken, war Hitler dann ja wohl offenbar doch nicht. Denn ein altes Ehepaar, Hausangestellte des Führers auf dem Obersalzberg, berichten dem niederländischen Schriftsteller Rudolf Herter, dass Hitler und Eva Braun einen Sohn hatten, Siegfried. Im Untergang des Nazireichs muss der Junge sterben, Hitler lässt ihn erschießen. Verschanzt im Bunker der Reichskanzlei, mit dem Wissen, dass er ihn nicht mehr lebend verlassen wird, gesteht er Eva Braun den Mord. Inmitten der letzten Schlacht um Berlin macht Hitler der Mutter seines toten Sohnes einen Heiratsantrag. Wahrheit? Fiktion? Herter greift zum Diktaphon und beginnt die Geschichte von Hitler und Eva Braun von neuem.

Auch der französische Dramatiker und Romancier Eric-Emmanuel Schmitt widmet sich in "La part de l'autre" der Vita des deutschen Führers. Er vollzieht literarisch nach, was Alain Renais einst in seinem Film "Smoking, no smoking" gezeigt hatte: Was passiert, wenn sich ein winziges Detail ändert, die Weichen an einer scheinbar unwichtigen Stelle neu gestellt werden. Was wäre geschehen, fragt er in seinem im Verlag A. Michel erschienenen Buch, wenn der junge Österreicher nicht von der Wiener Kunstakademie abgelehnt, sondern angenommen worden wäre? Ausgehend von diesem scheinbar nebensächlichen Detail schreibt Schmitt, bravourös bissig wie immer, die Geschichte neu. Aus dem engstirnigen Diktator wird der verklemmte Künstler, der bei Sigmund Freud Rat für seine sexuellen Probleme sucht. Vielleicht ist ja wirklich das Unbewusste den Schlüssel zum Verständnis Hitlers?



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