Neues Bohlen-Buch "Ich will nicht denken"

Bankenpleite, Rezession, Hartz IV: Nie war ein Erfolgsratgeber wichtiger als heute. Medienstar Dieter Bohlen hat ihn geschrieben. "Planieren statt sanieren" heißt das Werk - eine irre Lebensfibel zwischen Zynismus und Gigantomanie.

Von Reinhard Mohr


Ja, er hat es wieder getan. Er hat ein Buch geschrieben, 448 Seiten dick. Megadick. Voll die Latte. Das Phänomen ist zurück.

Nach den Megabestsellern "Nichts als die Wahrheit", "Hinter den Kulissen" und "Nur die Harten kommen in den Garten" schlägt Dieter Bohlen ein weiteres Mal zu, und die versammelten "Kulturhasen", Feuilleton-"Vollpfosten" und andere "Kissenfurzer" können schon mal ihre entzündeten Öhrchen anlegen.



Zunächst aber bedarf es einer sachlichen Klarstellung: "Der Bohlenweg. Planieren statt sanieren", der ab dem 9. Oktober die deutschen Buchhandlungen fluten wird, ist kein Lösungsvorschlag für die weltweite Finanzkrise, keine Abrechnung mit 18 Jahren Wiedervereinigung und keine Bewerbung zur Wahl des Bundespräsidenten im Mai 2009. Es ist auch keine Antwort auf Xavier Naidoo ("Dieser Weg wird kein leichter sein") oder Hape Kerkelings Pilgerreise auf dem Jakobsweg ("Ich bin dann mal weg").

Der "Bohlenweg" ist nicht mehr und nicht weniger als ein Ratgeber für jedermann, der Erfolg haben will. Die Quintessenz von 54 Jahren Bohlen & Reibach, kurz: die Erklärung der Welt aus dem Geiste des Dieter-Bohlen-Existenzialismus.

Das Wunderbare an dieser neuen Offenbarung des Poptitanen: Während andere "Klugscheißer" um den heißen Brei herumreden, spricht er Klartext: "Ich will Erfolg. Ich weiß, dass das eine hochexplosive Aussage ist, aber für mich ist Erfolg das Maß aller Dinge. ERFOLG IST GEIL. Ende der Durchsage." Unwiderstehlich gleich zu Beginn seine zwingend logische Deduktion: "Lasst Euch nichts anderes einreden, denn wie sprach der Poptitan: Hast Du Erfolg, hast Du Geld, hast Du Autos, hast Du Frauen."

Kam praktische Lebensphilosophie je so beschwingt daher? Und so kann das "verdammt erfolgreiche Kerlchen" (Bohlen über Bohlen) "absolut sicher" sein: "Die Welt braucht dieses Buch wie der kleine Dieter seinen Piepmatz."

Piepmatz und Klitoris, Yin und Yang, Ding und Dong, Geld und Kohle – das sind die Antipoden im Spannungsfeld der bohlenschen Dialektik. Wie von selbst und, anders als bei Hegel, in einer historischen Millisekunde, entsteht die alles umfassende Synthese: Dieters Megawelt, der Bohlenweg als ewiger Lauf zu sich selbst: "Alles, was sich in den Weg stellt, muss umgemäht werden. Eben planieren statt sanieren."

Wir verstehen: Das Leben ist "kein Ponyhof": "Es ist eine Baustelle". Deshalb ist auch das Buch eine einzige Baustelle, und die Leser sollten, trotz der Aufteilung in 29 Kapitel, keine Dramaturgie oder gar ein logisches Prinzip suchen. Eher so etwas wie écriture automatique, das automatisch hervorquellende, tranceartige Schreiben des französischen Surrealismus.

Geld schmeißen statt klugscheißen

Und so kommt auch die 127. Wiederholung all der stahlharten Appelle an den inneren Schweinehund – "Eure Rübe muss frei sein!", "Kämpft für Euren Traum!", "Gebt nie auf" - voll authentisch rüber, erntefrisch aus dem Megaerfolgstestgelände in Tötensen. "Also hämmert Euch bitte das Dagobert-Bohlen-Prinzip in die Rübe: Reich wird man vom Nehmen, nicht vom Geben. Wollt ihr nicht den Jakobsweg des Geldes gehen und euch quälen lassen, so geht den Bohlenweg."

In drängend direkter Ansprache seiner vermeintlich jungen Leser verdichtet sich das Bohlen-Mantra immer wieder zum wahrhaft existentialistischen Trommelfeuer: Verbiegt Euch nicht! Lasst Euch nicht verarschen! Gebt nie auf! Steht wieder auf! Treibt Sport! Bleibt hungrig! Man muss alles selber machen! Hört nicht auf die Klugscheißer und bleichgesichtigen Geschmacksrichter! Glaubt an Euch! Verkauft Euch gut! Und lauft die Extrameile, verdammt!

Der Basso continuo ist mörderstark wie ein Megahit von "Modern Talking" und erinnert in seiner atemberaubenden philosophischen Verknappung auf drei Worte, die die Welt bedeuten, frappierend an Barack Obama, Mike Krüger und den Hagebaumarkt: Yes we can! Mach dein Ding!

Der Rest ist schnell erzählt. Dieter fährt mit Freundin Carina Schlauchboot vor "Malle", schläft ein und kollidiert beinah mit einem Dampfer. Dieters erstes eigenes Auto, ein schrottiger VW-Käfer – "Mit diesem Ding sollte ich vor die Disco fahren und Schnecken auflesen" –, kriegt schon nach wenigen Kilometern den Kolbenfresser. Dieter steht mit nur einem einzigen jämmerlichen Groschen vor der Telefonzelle und kann nicht telefonieren.

Dieter verliert megamäßig Kohle beim Börsencrash 1987, von Anlageberatern voll verarscht. Dieter wird von seiner ersten Plattenfirma beschissen, abgesehen davon, dass die ganze Musikbranche sowieso voll verlogen ist. Beim ersten Hauskauf lässt sich Dieter gnadenlos über den Tisch ziehen, und auf seiner Yacht explodiert auch noch das Klo.

So jagt ein Abenteuer das andere. In London sucht er vergeblich Paul McCartney, auf "Malle" entdeckt er den Zauber des Zitronenbaums und den Fluch der Paparazzi, aber auch sein ganz persönliches Heimatgefühl. Und in der Maske des Fernsehstudios hat er keinen Bock auf Schminke, schwule Röhrenhosen und schmal geschnittene Sakkos, in denen er aussieht "wie Charlie Chaplin, der gleich wie ein Pelikan abfliegen will".

Der Dieter hat also viel mitgemacht, und das erzählt er supermegaausführlich. Seine Leser sollen daraus fürs Leben lernen. Überraschend: Geld allein macht auch nicht glücklich. So sehr der Dieter das Geld liebt und gar nicht genug davon kriegen kann, so sehr es auch kreativ und frei macht – es macht auch unfrei, irgendwie.

Delikate Zünftigkeiten

Immer nur im Ferrari herumzufahren, diese grässlichen Austern zu schlürfen und den blöden, scheißteuren Kaviar zu löffeln – nee, das kann es nicht sein. Dann doch lieber mal 'ne supernette Currywurst am Kurfürstendamm – "WOW! Das ist Geschmack. Und Pommes? Richtig geil. Rot-weiß-Schranke. Mensch, die sollen sich doch ihre Austern an Zitronengras mit flambierter Schaumscheiße in Diskussion mit Känguruhoden in den Arsch stecken!"

Hammer! möchte man da sagen. Nie wieder Hummer! Pfui Deibel. Scheiß auf die Zwanzigmillionendollarvilla. "Glaubt mir", predigt Dieter seinen Lesern zwischen Pirna und Wanne-Eickel, "Ihr seid in Eurer Welt viel viel glücklicher, als Ihr vielleicht wahrhaben wollt. So, und jetzt nehmt euren Partner in den Arm, gebt euch einen Kuss und gut ist."

Apropos Frauen: praktisch Fehlanzeige. Allenfalls als Carina-Schatz, Verona "Feldmaus" oder als zickige "Nachtverpflegung" auf Sylt kommt das weibliche Geschlecht vor; nur in Nebensätzen scheint jenes weithin unsichtbare Heer von Mädels, Frauen und Schnecken auf, das im Lauf der Jahrzehnte über die Bettlaken gezogen wurde. Sagen wir es klar wie Dieter: Frauen spielen keine Rolle. Frauen sind sexuelles Lebensmittel und Trophäen des Erfolgs. Mehr nicht. Nicht auf dem Bohlenweg.

Und noch etwas spielt keine Rolle auf dem Parcours zu Glück und Erfolg: das Denken. Kritisches Abwägen. Selbstzweifel. Unlösbare Widersprüche. Intellektuelle Demut. Bildung. Das Leben der anderen. Eben alles, was außerhalb des eigenen, voll planierten Egos liegt.

"Ich will nicht denken beim Reden", umreißt Dieter Bohlen sein literarisches Programm in der Mitte seines Werkes, exakt auf Seite 232. "Ich will einfach drauflos quatschen und erzählen, was in meinem Innersten rumort. Ungefiltert raus mit dem Scheiß."

So hart wollten wir es gar nicht formulieren.



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