Neues Literaturfestival Lohnender Wahnsinn in Berlin

Braucht Berlin ein internationales Literaturfestival? Unbedingt. Den Beweis, dass dies auch auf Low-Budget-Niveau möglich ist, hat der Berliner Literaturliebhaber Ulrich Schreiber erbracht. Zehn Tage lang lasen und diskutierten 154 namhafte Autoren aus 40 Ländern - an über 50 Orten in der Stadt. Am Samstag ging das Festival mit einem Fest der Poesie zu Ende.

Von Holger Kulick


Literatur-Festival Berlin: Schlange stehen für Christa Wolf
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Literatur-Festival Berlin: Schlange stehen für Christa Wolf

Berlin - Natürlich ist die Lesung von Christa Wolf proppenvoll. Bis auf den letzten Platz ist das Berliner Ensemble besetzt, als die Autorin 80 Minuten aus ihrem neuen Roman "Leibhaftig" liest. Nur schade, dass sie danach nicht über ihre doppeldeutige Krankengeschichte aus der Wendezeit diskutiert, stattdessen signiert sie geduldig mehr als 200 Bücher.

Zur ausgiebigen Debatte kommt es erst eine Stunde später in einem Nebengebäude. Alan Duff aus Neuseeland diskutiert dreimal so lange, wie er vorliest. Zwar füllen gegen 23 Uhr nur noch rund 40 Besucher die alte Probebühne des früheren Brecht-Theaters am Berliner Schiffbauerdamm, aber sie können dabei ihren Horizont gehörig erweitern. Duff liest aus seinem verfilmten Buch "Once Were Warriors" über das Schicksal einer Maori-Familie.

Weil Literatur insbesondere für Kinder Brücken zu Wissen, Weisheit, Phantasie und Selbstreflexion bauen kann, hat sich Duff zum Ziel gesetzt, Kinder mit Büchern zu versorgen. Dazu hat er ein Hilfsprojekt initiiert, in dessen Rahmen inzwischen über zwei Millionen gespendete Bücher zusammengekommen sind. Es seien nur ganz einfache Geschichten oder Sachbücher, "Hauptsache lesen und den Horizont erweitern", beschreibt Duff sein hehres Ziel.

Autor Alan Duff: "Kinder brauchen Bücher"
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Autor Alan Duff: "Kinder brauchen Bücher"

Die Diskussion mit dem Neuseeländer, der demnächst auch einen Roman über Berlin schreiben will, ist nur eine von bis zu 20 Autorenlesungen am Tag, die bis zum heutigen Samstag im Rahmen des "Internationalen Literaturfestivals Berlin" stattfinden, nicht nur in drei Sälen des Berliner Ensembles, sondern an 40 weiteren Spielorten, sogar im Knast. Und weit über Mitternacht hinaus trinken und diskutieren die Autoren in einem eigens aufgebauten Autorenzelt vor dem Berliner Ensemble.

Es fällt schwer, sich jeden Abend für ein Angebot aus der literarischen Wundertüte des Festivals zu entscheiden, denn Literatur-Hopping ist tabu. Sogar Kinovorführungen werden zwischen Vor- und Hauptfilm für literarische Einwürfe unterbrochen, und sei es für den Vortrag eines einzigen Gedichts. Rund 70 Berliner Schauspieler tragen sie vor und selten gibt es Publikumsbeschwerden.

Zugleich stoßen Spaziergänger auf literarische Schaukästen im alten Scheunenviertel Berlins. Auf diese Weise hinterlassen die Literaten vielfältige Spuren im Alltag der Stadt oder provozieren Debatten. So lasen Frank Arnold und Hermann Beil in einer Sonderveranstaltung aus den Gerichtsakten über die Ermittlungen zum Massaker von Srebrenica vor und zum Auftakt leitete Daniel Cohn-Bendit eine ganztägige Autorendiskussion über die verpassten Konsequenzen der Anschläge vom 11. September.

Feilen an einem literarischen Gesamtkunstwerk

Gästeliste im Kirchenkasten: Installation im Rahmen des Kulturfestivals
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Gästeliste im Kirchenkasten: Installation im Rahmen des Kulturfestivals

Der eigentliche Motor des Festivals, Ulrich Schreiber, ist ein Literatur-Besessener. Mitunter kauert er strahlend über das ganze Gesicht am Rande von Lesungen auf dem Boden und lässt sich sichtbar in Texte fallen.

Seit über vier Jahren arbeitete der Baufachmann und Vorsitzende der Berliner Peter-Weiss-Stiftung mit Freunden an der Umsetzung seiner Idee einer Art literarischen Gesamtkunstwerks. Aber er scheiterte lange Zeit am Konkurrenzdenken etablierter Literaturveranstalter und an natürlich an der Frage der Finanzierung. Im vergangenen Jahr gelang ihm ein weniger gut durchdachter erster Durchlauf. Diesmal hat er aus den Premieren-Fehlern gelernt. Bis ins Detail sind die Hauptlesungen konzpiert. Gitarrenklänge leiten jede Veranstaltung ein, ein dünner wehender Vorhang schimmert im Hintergrund durch eine angestrahlte Leinwand und sorgt für besinnliche Stimmung im Publikum. Sogar auf "angenehme Luft" werde geachtet, verspricht Schneider.

Schon adelte der amerikanische Übersetzter und Literaturexperte Eliot Weinberger das Literatentreffen, in dem er in der "Frankfurter Allgemeinen" davon spricht, dass sich das Berliner Treffen auf dem Weg zum weltweit wichtigsten Literaturfestival befinde. Und dies, obwohl bislang mangels Sponsoren kein Preis vergeben werden kann. Nicht einmal Stipendien für jungen Autoren sind drin, ein Wunsch, der Schreiber besonders am Herzen liegt.

Bislang gibt es allenfalls Honorare, die irgendwo zwischen 500 und 2000 Euro liegen. 33 Lyriker erhalten überdies Platz für drei Gedichte in einer eigens herausgegebenen "Berliner Anthologie". Dies ist ein ausgesprochen lohnendes Buch, genauso wie der umfangreiche Autorenkatalog mit Texten jeweils in Originalsprache und deutscher Übersetzung.

Das Plus: Keine Verlagsauswahl der Autoren

Initiator Schreiber: "Wenn nur drei Zuhörer einer Lesung berührt werden, hat es sich schon gelohnt."
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Initiator Schreiber: "Wenn nur drei Zuhörer einer Lesung berührt werden, hat es sich schon gelohnt."

Die Auswahl der Autoren ist dabei die eigentliche Stärke des Festivals. Schreibers Team sucht nicht die Schriftsteller, sondern Juroren aus, die Autoren ihres Landes oder Sprachgebiets empfehlen. Schreibers Kriterien lauten: "Erstens müssen sie sich in der Literatur ihrer eigenen Sprache sehr gut auskennen. Zweitens, sie müssen über die Literaturen anderer Länder und Sprachen zumindest eine gewisse Bildung haben. Zum Dritten dürfen sie nicht abhängig sein von einem Verlag. Und viertens sollen sie in ihrer Wahl nicht irgendwelcher Freunde oder Interessen bedienen".

Die Auswahl zahlt sich aus. Von Apti Bisultanow aus Tschetschenien über Adania Shibili aus Palästina, Jamal Mahjoub aus dem Sudan bis hin zum Chinesen Yu Hua, gewann Schreiber faszinierende Autoren und Autorinnen. Sein Ziel definiert der Träumer selbstbewusst: "Ich habe den Ehrgeiz, gemeinsam mit Leuten, die über den Tellerrand schauen können, einer ganzen Stadt zu helfen, über den Tellerrand zu sehen". Denn insbesondere Literatur würde helfen, "dass Menschen die Sichtweisen und Temperamentstile anderer Kulturen erfahren um sich ein eigenes Weltbild zu bauen".

Ob er sich dabei nicht übernimmt? Nein, eine thematische Einengung des Festivals hält Schreiber für verkehrt, ebenso den Verzicht auf Kinder und Jugenliteratur. Die Resonanz gibt ihm Recht. Schon zur Halbzeit konnte er annähernd 8000 Zuhörer zählen.

Erfolg dank 70 unbezahlter Praktikanten

Festival-Lesung: Zuhören nach Mitternacht
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Festival-Lesung: Zuhören nach Mitternacht

Um Kosten zu drücken, hat Schreiber 70 Praktikanten angeheuert, die ohne Honorar die Organisation und Autorenbetreuung bewerkstelligen, insbesondere Germanistik-Studenten meldeten sich nach einem Hilferuf Schreibers in der "Zeit".

Denn dem literarischen Mammutprojekt steht nur ein vergleichsweise geringes Budget zur Verfügung, in Berlin macht die Literaturförderung gerade mal 0,4 Prozent des Kulturhaushalts aus.

In diesem Jahr war Schreiber auf Zuschüsse in Höhe von 200.000 Euro des Berliner Hauptstadtkulturfonds angewiesen, 110.000 flossen zusätzlich von der Bundeskulturstiftung , 23.000 Euro von der Bundeszentrale für politische Bildung und etwa 150.000 Euro von ausländischen Botschaften und privaten Spendern. Unmittelbar vor Beginn des Festivals gab ihm Berlins Klassenlotterie einen Korb für das nächste Jahr, gesichert ist das Projekt also noch nicht. Doch erschüttern lässt sich Schreiber durch solche Hiobsbotschaften nicht.

"Ich würde gerne mal die Geschichte der Berlinale oder des Berliner Theatertreffens erfahren", reflektiert er bei einem Glas Rotwein: "Wer hatte da die Idee, wie lief die Vorbereitung, war da auch ein Wahnsinniger oder zwei oder vier, die sich gesagt haben, wir machen das einfach - Ende der Durchsage?"

Schreiber ist einer dieser Wahnsinnigen, die die Möchtegern-Weltstadt Berlin dringend braucht.



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