"Neujahr" von Juli Zeh Panisch in der Radlerhose

Juli Zeh wird für komplexe Gesellschaftsromane gefeiert. Nun legt sie mit "Neujahr" eine Familiengeschichte vor. Doch in dem Psychogramm eines überforderten Vaters spielt sie mit allzu offenen Karten.

Fahrradfahrer auf Lanzarote
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Fahrradfahrer auf Lanzarote

Von Franziska Wolffheim


Das psychologische Setting dieses Buches sieht so aus: Da ist ein Mann, der eigentlich alles hat, zwei gesunde Kinder, einen befriedigenden Job und eine Frau, mit der er sich das Familienmanagement teilt.

Da sind allerdings auch die Panikattacken, die ihn in letzter Zeit regelmäßig überfallen. Da ist außerdem eine schlimme Episode aus seiner Kindheit, als er vier oder fünf Jahre alt ist. Und da ist ein Urlaub auf Lanzarote, den er als Erwachsener mit seiner Familie verbringt und bei dem die verdrängte Erinnerung plötzlich hochkommt. Am Ende löst sich der Knoten in seinem Kopf.

Juli Zeh hat einen psychologischen Roman wie aus dem Baukasten geschrieben, mit allen dazu nötigen Komponenten: akute Ängste, verdrängte Erinnerung, Kindheitstrauma, Auflösung.

Mit "Neujahr", stilistisch überwiegend konventionell gehalten, ist die Erfolgsautorin und Mutter von zwei Kindern jetzt also in das Genre des Familienromans eingestiegen. Während ihre Bücher "Unterleuten" (2016) und "Leere Herzen" (2017) eine dezidiert gesellschaftliche Tragweite hatten, geht es hier um psychische Befindlichkeiten. Vielleicht hätte sich Juli Zeh für ihr Psychogramm des überforderten Familienvaters mehr Zeit lassen sollen - immerhin hat sie in den letzten beiden Jahren jeweils einen Roman geliefert, was an sich schon erstaunlich ist.

"Ihm tun die Beine weh." So beginnt der Roman, als Henning dabei ist, auf Lanzarote mit dem Rad einen steilen Berg hoch zu strampeln, um den Ort Fermés zu erklimmen. Ohne Wasser, ohne Proviant, bekleidet mit Turnschuhen und billiger Radlerhose. Ein Ausflug ganz für ihn allein, gedacht als entspannte Auszeit von der Familie, der sich dann als Horrortrip erweist. Zum einen, weil ihn der Kampf gegen Wind, Steigung und seine inneren Dämonen quält. Zum anderen, weil ihm die Gegend oberhalb von Fermés auf unheimliche Weise bekannt vorkommt.

Autorin Zeh
Peter von Felbert

Autorin Zeh

Als Henning schließlich erschöpft und entkräftet auf einer Hochebene landet, versorgt ihn eine deutsche Künstlerin, die dort wohnt, mit Tortilla und Pfirsichsaft. Ihr Haus kommt ihm ebenfalls seltsam bekannt vor, vor allem ein großes Loch draußen im Boden, unter dem sich mehrere Meter tief ein unterirdischer Wasserspeicher befindet. Ein Loch, das ihn sofort verschlingen könnte, wie er angstvoll fantasiert.

Abstrampeln gegen die Dreirad-Version

Genau hier setzt der zweiten Teil des Romans ein, die Rückblende auf eine verdrängte Kindheitsepisode: Henning und seine zwei Jahre alte Schwester Luna sind mit ihren Eltern im Urlaub auf Lanzarote. Natürlich sind sie genau in dem Haus untergebracht, in dem Henning jetzt als Erwachsener von der Künstlerin aufgenommen wird. Auch damals schon gab es das Loch über dem Wasserspeicher.

Der Alptraum beginnt, als Henning und seine Schwester plötzlich allein im Haus sind, die Eltern aus unerklärlichen Gründen verschwunden. Henning kümmert sich um seine Schwester, verzweifelt fürsorglich und vollkommen überfordert. Je länger die Eltern weg sind, umso mehr wächst die Angst der Kinder. Dieser Teil ist der stärkste des Buches, der mit seiner beklemmenden Detailgenauigkeit einen fast herzabschnürenden Sog entwickelt.

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Juli Zeh:
Neujahr

Luchterhand; 192 Seiten; 20 Euro

Wie viel taugt unsere Erinnerung, wie weit können wir ihr trauen, lässt sie sich womöglich manipulieren? Luna hat damals, allein mit ihrem Bruder in dem Haus auf Lanzarote, ihre Schneidezähne verloren, als sie im Bad gestürzt ist. Später wird die Mutter ihren Kindern erzählen, Luna sei im Stadtpark von ihrem Dreirad gefallen und habe dabei ihre Zähne verloren. Das Lanzarote-Drama behält sie für sich.

Lange Zeit hat Henning die immer wieder erzählte Dreirad-Version geglaubt. Jetzt stellt er die Mutter zur Rede, sie muss erklären, warum sie und ihr Mann die Kinder im Stich gelassen haben. Das Spiel mit der Erinnerung ist ein schönes Motiv - noch reizvoller wäre es gewesen, hätte die Autorin ihre Spielkarten nicht allzu offen auf den Tisch gelegt und sich lieber auf Andeutungen beschränkt.

Nach dem Lanzarote-Urlaub tauscht sich Henning auch mit seiner Schwester aus. Luna, um die er sich damals panisch gekümmert hatte, als er mit ihr allein im Haus war. Für die er sich bis heute verantwortlich fühlt und die zwischenzeitlich bei ihm wohnen darf. Jetzt, begreift Henning, gibt es nur eine Lösung: Er muss sie wegschicken, sich aus dem Klammergriff der Verantwortung befreien. In der Logik des Psycho-Settings des Romans klingt das hundertprozentig plausibel.

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insgesamt 1 Beitrag
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Seite 1
Newspeak 12.09.2018
1. ...
Fehlt hier der Schluss? Oder ist "In der Logik des Psycho-Settings des Romans klingt das hundertprozentig plausibel." wirklich der letzte Satz?
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