New Orleans Zwischen Boogie und Bordell

Von Buddy Bolden gibt es keine Musikaufnahme. Dennoch gilt er als Urvater des Jazz. Nicholas Christopher hat einen Roman über die Legende geschrieben. In "Tiger Rag" überträgt er zudem Musik in Sprache und lässt verschollene Klänge wiederauferstehen.

Corbis

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Die Hafenarbeiter und die Huren nennen ihn King Bolden, den König des Kornetts: Charles "Buddy" Bolden spielt lauter und deutlicher als jeder andere im New Orleans der vorletzten Jahrhundertwende. Sein Horn klinge "wie ein im Licht aufblitzendes Messer", rühmt ihn einer seiner Bandkollegen, "wie die Flosse eines Hais, die das Wasser durchschneidet".

King Bolden verhält sich auch sonst wie ein Raubtier: Er ist ein Puffgänger, der Schuhe aus Krokodilleder trägt, ein Schwerenöter, der oft erst im Morgengrauen nach Hause stolpert, berauscht von einer Flasche Rye, einer Schachtel Zigaretten und einer Gruppe junger Frauen. Überall in der Stadt unterhält er Apartments, überall zahlt er Miete, weil er überall Frauen unterhält. Seine Favoritin ist Ella Hayes, eine 18-Jährige, von der er sich ganz gerne mal in einer Wanne einseifen lässt. Von ihr und ihrer Cousine Florida.

Eine Legende, die wirklich gelebt hat

King Bolden ist die Hauptfigur in einem Roman, den der US-amerikanische Autor Nicholas Christopher geschrieben hat, und der soeben auf Deutsch erschienen ist: "Tiger Rag". Aber King Bolden (1877-1931) ist noch mehr als das: eine historische Figur, eine Legende, die wirklich lebte. Er gilt als Urvater des Jazz.

Wie sehr sich King Bolden, die Romanfigur, und King Bolden, die historische Figur, voneinander unterscheiden, ist schwer zu sagen, denn allzu viel ist nicht überliefert aus dem New Orleans der vorletzten Jahrhundertwende: Es gibt jede Menge Geschichten und Geschichtchen, aber wenig gesicherte Geschichte, zudem nur ein einziges Foto und kein einziges Tondokument. King Boldens Ruf als Jazz-Genie verdankt sich alleine der mündlichen Überlieferung; seine Musik verklang, als sein letzter Zuhörer seinen letzten Atem aushauchte.

Der Schriftsteller Christopher, Professor an der New Yorker Columbia University, hat Realität und Fiktion gemischt und einen Roman rund um die Jazz-Legende Bolden gestrickt, ähnlich wie vor einigen Jahrzehnten schon einmal Michael Ondaatje in "Buddy Boldens Blues". Wobei Christophers Roman literarisch sicher weit weniger ambitioniert ist: ein eingängiges Stück Unterhaltungsliteratur.

Das Gedankenspiel seines Romans ist dieses: Dass uns keine Tonaufnahme von Bolden bekannt ist, heißt nicht, dass er keine Tonaufnahme angefertigt hat. Christopher erfindet einen Abend in der Honeymoon-Suite des Hotels Balfour in New Orleans. Es ist der 5. Juli 1904, eine neue Technik erlaubt es, bis zu vier Minuten Musik am Stück auf einer Wachswalze aufzunehmen. King Bolden und seine Band improvisieren sich dreimal durch den Tiger Rag, beim dritten Mal exakt vier Minuten lang, und teilen die drei Aufnahmen dann unter sich auf: Jede Aufnahme wird von einem anderen der Männer mitgenommen.

Doch das hilft nichts: Recht schnell sind alle drei Aufnahmen verschollen. Und nicht nur das: Recht schnell nach dieser Nacht geht auch Boldens Genie verloren. Er landet in einer Nervenheilanstalt, die er bis zu seinem Tod nicht mehr verlässt.

Der Whiskey hatte sein Hirn "derart durchtränkt", schreibt Christopher, "dass er selbst an den Tagen alkoholisiert war, an denen er nicht trank". Seine ersten Tonaufnahmen sollten auch seine letzten bleiben.

Der Autor Christopher wechselt hin und her zwischen zwei Zeitebenen: auf der einen Anekdoten aus der Anfangszeit des Jazz, auf der anderen eine Geschichte aus dem Jahr 2013. Die Ärztin Ruby steckt in einer Lebenskrise. Ihre Mutter ist gestorben, ihr Mann hat sie für eine junge Krankenschwester verlassen, und ihre Tochter, eine gescheiterte Jazzpianistin, ist auf Drogenentzug. Weil sie eine Rede auf einem Ärztekongress halten muss - über Gedächtnisverlust durch Anästhesie -, fährt sie gemeinsam mit ihrer Tochter von Miami nach New York. Es ist nicht einfach für sie, unterwegs die bösen Geister aus der Vergangenheit in Schach zu halten, doch am Ziel angekommen, erwartet sie ein guter Geist. Und eine Überraschung.

Der Schriftsteller als Musikalienhändler

Christopher liefert Urlaubslektüre für Menschen, die in ihrem Urlaub sonst in staubigen Plattenläden rumstöbern. Man kann seinen Roman auch noch nach dem dritten Drink am Pool genießen, vielleicht sogar dann erst richtig gut. So wie sich New-Orleans-Jazz erst richtig gut anhört in einer rauchigen Bar, nach dem dritten Glas Rye.

Christopher gelingt immer mal wieder das Kunststück, Musik in Sprache zu übertragen, verschollene Klänge wiederauferstehen zu lassen, so begeistert schreibt er, so leidenschaftlich. Leider verliert er sich dazwischen immer wieder in der eigenen Begeisterung: Jede noch so kleine Anekdote scheint ihm interessant, jeder noch so kleine Schnipsel, den er von seinen Idolen erhaschen kann - oder über sie erfinden. Der Schriftsteller als Musikalienhändler.

Christopher versucht, das Stilprinzip des Jazz zum Stilprinzip seines Romans zu machen: Er erzählt verschnörkelt, schweift ab, schmückt mal hier eine Anekdote aus und mal eine dort, variiert sein Thema. "Bolden", schreibt Christopher, "war präzise und unberechenbar zugleich, improvisierte wild und gefährlich drauflos, veränderte die Melodie, verließ sie aber nie und trieb das Stück bis an die Grenzen, ohne dass es ihm auch nur eine Sekunde entglitt." Leider lässt sich das über Christophers Roman nicht schreiben. Er verliert sein Ziel aus den Augen, als sei ihm der Rye der Jazz-Heroen zu Kopf gestiegen.

Und so ist "Tiger Rag" als Roman nur zu empfehlen für Menschen, die viel Ahnung von Musik haben - und nicht allzu viel Ahnung von Literatur.

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