Comic über Nick Cave Zur Pose erstarrt

Nach Johnny Cash und Elvis widmet sich der deutsche Top-Zeichner Reinhard Kleist jetzt Nick Cave. Das Problem: Je nischenhafter Musik ist, desto weniger erschließt sie sich im Comic.

Reinhard Kleist/ Carlsen

Zum Autor
    Timur Vermes wurde 1967 in Nürnberg als Sohn einer Deutschen und eines 1956 geflohenen Ungarn geboren. Er studierte Geschichte und Politik und wurde dann Journalist. 2012 veröffentlichte er den satirischen Roman "Er ist wieder da", von dem mehr als eine Million Exemplare verkauft wurden.
  • Für SPIEGEL ONLINE schreibt er über Comics und Graphic Novels.

Kennen Sie Nick Cave? Aber nicht nur vom Namen her. Können Sie ihm ein paar Lieder zuordnen? Und finden Sie diese Lieder auch gut? Dann wird Ihnen der neue Comic von Reinhard Kleist vermutlich gefallen. Aber, so fürchte ich, nur dann. Da kann aber Herr Kleist nichts dafür, oder wenigstens nicht viel: Das ist die Schwierigkeit mit Künstlerbiografien im Allgemeinen und mit Musikerbiografien im Besonderen. Jedenfalls wenn man nicht einen der ganz Großen nimmt, Picasso, Goethe, Beatles, um mal ein paar Hausnummern zu nennen. Und da hilft es auch nur begrenzt, dass Reinhard Kleist selbst ganz zweifellos ein Guter ist.

Zwei Max-und-Moritz-Preise hat er schon im Regal, neben mancherlei anderem, und wenn man durch den Comic blättert, merkt man schnell: Die Preise sind da schon beim Richtigen gelandet. Kleist zeichnet schwarz-weiß, explosiv, einfallsreich, manchmal schön düster, meistens sehr Will-Eisner-mäßig, wodurch seine Figuren immer auch die hauchdünne Möglichkeit der Karikatur eröffnen.

Aber in diesem Fall zeichnet er geradezu chancenlos gegen sein Thema an: Nick Cave (der dieses Jahr 60 wird) ist eine Art Kultmusiker, Schriftsteller, sicher auch Wegbereiter für irgendwas, aber ich zum Beispiel kann mich nicht erinnern, jemals freiwillig was von ihm gehört zu haben. Und wenn ich was von ihm gehört habe, dann meistens, wenn er einen ohnehin schon recht grauen Film von Wim Wenders noch ein wenig düsterer machte. Wobei - das muss per se kein Hindernis sein: Milos Formans "Amadeus" habe ich auch gemocht, obwohl ich mit Klassik wenig anfangen kann. Wo also genau liegt das Problem?

Ein Cave ist kein Cash

"Amadeus" funktioniert, weil die Geschichte vom Wettstreit zwischen dem ordentlichen Komponisten und dem chaotischen Genie auf Musik nicht angewiesen ist. Es könnten genauso gut Bildhauer sein, Tennisspieler, Bulettenbrater. Es ist möglich, dass auch Nick Cave eine solche Geschichte hergäbe, aber wenn, dann hat Reinhard Kleist sie nicht gefunden. Die Geschichte, die er erzählt, handelt von einem jungen australischen Musiker, der stets nach Extremen sucht. Und das ist leider nichts Ungewöhnliches.

Überall suchen Künstler irgendwelche Extreme, Nichtkünstler auch, eigentlich kennt doch jeder aus seiner Schulzeit mindestens einen oder zwei Typen, die auch in Schwarz herumrannten und so ziemlich dasselbe Problem hatten. Interessant werden diese Schicksale aber meist erst im Nachhinein: Macht der Typ danach etwas, das mich anspricht oder verkauft er heute Heilsteine zur energetischen Aufladung von Wasser? Und Reinhard Kleist tut sich deshalb so schwer, weil Caves Musik für erheblich weniger Menschen so einleuchtend ist wie die von, sagen wir, Johnny Cash oder Elvis (die Kleist beide schon bearbeitet hat).

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Biografischer Comic: Kennen Sie Cave?

Man kann nicht sagen, dass er sich nicht richtig reinhängen würde: Kleist lässt sich eine Menge einfallen. Er arbeitet mit mehreren Zeitebenen, er liefert Bilder, die sich schön ins Gedächtnis brennen, wie den verzweifelt im Zimmer sitzenden Cave, durch die Adern seiner blassen Arme fließt schwarze Tinte, und seine Hände verwachsen mit dem auf dem Boden verstreuten Manuskript. Er lässt Cave durch den schier endlosen Schnee und den Regen Berlins tappen, aber all das hilft wenig, wenn man die Musik nicht kennt. Und so richtig deutlich wird der Fehler der Konstruktion erst, wenn man im Internet nach Videos sucht.

Musik kann man nicht zeichnen, weil der Leser sie nur dann korrekt lesen kann, wenn er sie selbst kennt. Kleist lässt etwa Caves Band The Birthday Party ihre Texte in rasiermesserscharfen Spruchbändern durch die Schädel des Publikums schlitzen, ein starkes Bild, das aber nicht weiterhilft, wenn man beim Anhören kein eigenes Schlitzerlebnis vorfindet.

Dafür zeigt sich, dass Nick Cave auf der Bühne und selbst noch im Videoschnipsel eine morbide, selbstbewusste, aufregend irritierende Faszination ausstrahlt, die allerdings auch ein Reinhard Kleist nicht ins unbewegte Bild transportieren kann. Sicher, er gönnt Cave jede Menge extrem cooler Posen. Aber im Bild eingefroren ist eine Pose immer nur eine Pose. Erst im Video wird die Haltung sofort ersichtlich und nachvollziehbar. Dann erschließt sich auch, warum die zunächst völlig erfolglose Untergrundkapelle plötzlich in Berlin auf beträchtliches Publikumsinteresse stößt.

Vielleicht hätte man auf die Musik als tragendes Element verzichten sollen: Der Fan kennt's eh, und der Nichtfan ist nur mit Text und Bild kaum zu begeistern. Man darf aber davon ausgehen, dass das Projekt für Kleist auch eine Herzenssache war, und in Herzensdingen kann man nun mal schwer diskutieren. Als Orientierungshilfe für den Comic-Käufer bleibt die Frage: Kennen Sie Nick Cave? Mögen Sie ihn?

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insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
neanderspezi 29.08.2017
1. Könnte sein, dass dies der einzige Kommentar bleibt
Aber Comic-Liebhaber sollten auch wenn es nicht so recht passt, sich zu Kommentaren hinreißen lassen, damit dieses interessante Medium in Deutschland schließlich doch noch aus seinem kümmerlichen Nischendasein herausfindet. Zu diesem Comic stellt sich die Frage, ob davon schon mal ein Band verkauft wurde. Das sagt zwar nichts über die Qualität dieses Comics aus, zeigt aber, ob es Comic-Liebhaber gibt, die bereit sind dafür 25 Euro abzudrücken. Der Zeichner und Texter Reinhard Kleist zeigt hier einen Zeichenstil, der sich nahe an den Stil von Jordi Bernet herantraut und entfernt an die Comic-Reihe Torpedo getextet von Enrique Sánchez Abulí erinnert, allerdings im Aufbau von Spannung im Vergleich dazu sich auf sehr zurückhaltender Ebene bewegt und an den Gliedmaßen sollte vielleicht noch geübt werden und 328 Seiten anzuschauen kann zur Strapaze werden.
Bernd.Brincken 29.08.2017
2. Comic
Ein Comic ist ein eigenes Medium. Wie kommt der Autor auf die Idee, ein Comic über einen Musiker müsse seine Musik irgendwie denen verständlich machen, oder illustrieren, die sie nicht kennen?
alexanderrr 29.08.2017
3. Falsch Nummer Eins.
Da kommt noch einer. Aber leider nur wegen Nick Cave, von Comics habe ich kaum Ahnung. Ich wollte nur sagen das der "Nick-Cave Effekt" schon mit dem Titel und Teaser voll zum tragen kommt, was sich u.a. darin äussert das 2/3 der Leute die die Abstimmung gemacht haben "Fans von Nick Cave" sind. Auge an Hirn: Nick Cave. Unterbewußtsein an Bewußtsein: Weiterscrollen. Ich kenne nur 1 Lied (Video) von ihm: Where the wild Roses Grow mit K. Minogue.
letitout 29.08.2017
4. Nr. 1
Davon wurden schon einige verkauft :Amazon Ranking : Nr. 1 in Bücher-Musik-pop rock, Nr. 1 in Bücher - Biographien - Literatur, Nr 2 in Bücher nach Verlag - Carlsen. Und das alles völlig zu Recht.
hegoat 29.08.2017
5.
Nett gezeichnet, nur: Wer ist Nick Cave? Und wer außer beinharten Nick-Cave-Fans kauft diesen Comic?
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