"Aufruhr in mittleren Jahren" Nur noch Angestellte der Kinder - eine Mutter bereut

Der Sex: wird wöchentlich abgehakt. Die Söhne: wohnen im Hotel Mama. Die Ordnung: sorgsam gewahrt. Aber dann zerbricht alles in diesem bissigen Familienroman der Norwegerin Nina Lykke.

Erschöpfte Mutter (Symbolbild)
Getty Images

Erschöpfte Mutter (Symbolbild)

Von Franziska Wolffheim


Ingrid und Jan sind seit 25 Jahren verheiratet, von außen betrachtet eine makellose, unkaputtbare Ehe. Ihren Alltag haben sie nach festen Rhythmen organisiert, vom Ölwechsel fürs Auto, Gartenarbeit, sportlicher Betätigung bis zum Sex, der einmal pro Woche stattfindet - und damit, so Ingrid, "abgehakt" ist.

Die beiden Söhne sind groß, aber leben noch zu Hause, weil Hotel Mama kostengünstiger und aufwandsärmer ist als ein Leben in Eigenregie. Und weil Mama ihnen nach wie vor die Unterhosen wäscht und die "Bremsspuren" einer Sonderbehandlung mit Fleckenentferner unterzieht. Schön blöd und selbst schuld, klar, Ingrid könnte, sollte, müsste sich weigern. Aber was zum Ritual geworden ist, ist genauso unveränderbar wie die Erdanziehung.

Das ist das Setting von Nina Lykkes wunderbar bissigem Roman, der uns in einen Vorort von Oslo führt und in eine Familie, die wie ein Räderwerk funktioniert. In ihrer Heimat wurde das Buch der 1965 geborenen Norwegerin von der Kritik hochgelobt und mit Preisen ausgezeichnet. "Aufruhr in mittleren Jahren" ist aber auch ein Roman über einstürzende bürgerliche Fassaden, denn es ist nur eine Frage der Zeit, wann das erste Rädchen ins Stocken gerät.

Die Bombe platzt, der Mann hat eine andere

Paradoxerweise füllt Ingrid, die als Lehrerin arbeitet, ihre Rolle als häusliche Angestellte ihrer Söhne und die sonstigen Haushaltspflichten minutiös aus, gleichzeitig leidet sie unter der Erstarrung, die sie selbst nicht aufbrechen kann. Warum sie so krampfhaft am Status quo festhält?

Weil sie sich schon von Kindheit an für alles und jeden verantwortlich fühlt und immer meint, sie sei an jeglichen Katastrophen, die passieren, schuld. Am Tod ihrer Mutter, die sich umbrachte, als Ingrid drei Jahre alt war. Am qualvollen Sterben des Vaters, der sich zu Tode gesoffen hat. Also bloß keine neue Katastrophe.

ANZEIGE
Nina Lykke:
Aufruhr in mittleren Jahren

Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger und Sylvia Kall

Nagel & Kimche Verlag; 272 Seiten; 20 Euro

Aber plötzlich ist es so weit, die Bombe platzt, und Ingrid muss erfahren, was sich nicht länger geheim halten lässt: Jan, Beamter im Ministerium und bislang immer bemüht, ein guter Ehemann und Vater zu sein, hat sich in Hanne verliebt, eine deutlich jüngere Kollegin. Schon länger hatte er von einem Paralleluniversum geträumt, in dem er in einer Jazzband spielt und der Tourbus sein Zuhause wird. Jetzt also nicht die Jazzband, sondern Hanne, kein Tourbus, dafür die chaotische Wohnung der neuen Freundin. Bei der er schließlich einzieht.

Wie nicht anders zu erwarten, bricht für Ingrid eine Welt und die von ihr sorgsam kuratierte Ordnung zusammen. Dass Jan, der Alleswoller, an seiner Ehe festhalten und sich gleichzeitig mit Hanne vergnügen will, macht es nicht besser. Ingrid drängt auf Scheidung. Am Ende aber profitiert sie erstaunlicherweise von dem allgemeinen Desaster. Sie zieht vom komfortablen Haus ins Auto, schläft sogar nachts immer häufiger darin, bis es ihr Zuhause wird. Schließlich bricht sie im Auto auf zu einer großen Reise.

Beitrag zur "Regretting Motherhood"-Debatte

Von außen betrachtet ist Ingrid durch die Trennung hochgradig merkwürdig geworden. Aus ihrer Sicht findet sie endlich zu sich und muss nicht länger die Rolle der Katastrophen-Verhinderin spielen - schließlich ist die Katastrophe ja nun da und, wie sich zeigt, zu bewältigen. Jan wiederum stürzt sich in eine neue Affäre, als es nämlich zwischen ihm und Hanne schwierig wird. Dramaturgisch ist das keine gute Idee - hier wird der Plot ganz unnötig überfrachtet.

Autorin Lykke
Jo Michael

Autorin Lykke

Insgesamt ist dieses Midlife-Crisis-Drama aber sehr vergnüglich zu lesen, denn Nina Lykke ist eine scharfe, unerbittliche Beobachterin. Dabei verzichtet sie auf übertriebene Psychologisierungen und dosiert ihre Deutungsmuster geschickt. Zudem ist ihr Buch ein hübscher Beitrag zur "Regretting Motherhood"-Debatte, die die israelische Soziologin Orna Donath losgetreten hatte, dem Bedauern von Müttern, Kinder bekommen zu haben.

Ingrid, heißt es unmissverständlich im Roman, hat "oft bereut, dass sie Kinder bekommen hatte". Das liegt zum einen daran, dass mit der Geburt der Söhne ihre Katastrophenfantasien neue Nahrung bekommen haben - es gibt Tausende Möglichkeiten, wie Kinder zu Tode kommen können. Zum anderen leidet sie ganz real unter den schweigsamen, anspruchsvollen Monstern zu Hause, die sich höchstens dann zu einem Lächeln durchringen, wenn sie Bares zu erwarten haben.

Doch trotz ihres Leidensdrucks kriegt Ingrid die Kurve, während Jan sich in Affären verliert und immer mehr zum Nervenbündel wird. Aus feministischer Sicht ist das letztlich eine richtig gute Nachricht: Je mehr Jan an Stabilität verliert, umso stärker wird Ingrid. Sie ist die eigentliche Gewinnerin in diesem luziden und komisch-finsteren Roman.

Mehr zum Thema
Newsletter
Bücher: Bestseller und Lesetipps


insgesamt 23 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
andreasclevert 28.02.2018
1. Ich bin wohl zu blöd...
aber es sei mir die Nachfrage erlaubt: Warum sind denn jetzt die Kinder schuld (#regretting motherhood), wenn der Gatte fremdgeht und damit die Welt der Mama zusammenbricht?
cremuel 28.02.2018
2.
Wenn der Roman nur halb so klischeebeladen und banal ist, wie es diese Besprechung suggeriert, ist er richtig schlecht.Sowas hat aber guten Besprechungen und Verkaufszahlen noch nie im Weg gestanden.
santoku03 28.02.2018
3.
Oh, diese Klischees... Könnte nicht mal ein Mann seine Frau wegen einer Älteren verlassen?
prisma-4d 28.02.2018
4. Die Frau, das Opfer!
Und es sind mal wieder die Männer die sie zum Opfer machen... weil diese nicht das machen was die Frau will. Die Frau will... was eigentlich? Sie will das alles so bleibt wie es ist... der Sex wird abgehakt. Sie hat und will keine emotionale Bindung zu ihrem Mann, zu ihren Kindern. Es ist ihre Entscheidung. Ach ja, der Mann geht fremd... wie selbstverständlich. "Sie" ist ja Vollzeitmutter (und nebenbei Lehrerin) und er nur Vollzeitbeamter (der ja dann per Definition nichts zu tun hat). Die Story klingt öde voller Klischees und einzig der Umstand das es mal wieder (Thelma und Louise) ein weibliches Roadmovie ist, mag ein wenig erheiternd sein. Das Frauenbild in den Medien ist sowas von verheerend, altbacken und realitätsfern. Warum sagt das dem Autor keiner?
chrimirk 28.02.2018
5. Die Kinder sind es nicht, aber...
Zitat von andreasclevertaber es sei mir die Nachfrage erlaubt: Warum sind denn jetzt die Kinder schuld (#regretting motherhood), wenn der Gatte fremdgeht und damit die Welt der Mama zusammenbricht?
... das christliche Lebensmodell, das auch in Skandinavien noch überwiegend üblich ist. Die darin beinhalteten Normen, wonach ER für das Materielle sorgt und SIE für Heim und "Gedöns", gelten nicht mehr. Und ein neues Lebensmodell ist noch nicht zu sehen. Im Gegenteil: SIE hat sich nun zu verwirklichen, also soll ER einen Teil IHRER früheren Aufgaben übernehmen. Aber so weit ist es noch lange nicht. Somit: Krise der bisherigen Lebenskonzepte.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.