Tom Kummer über seine große Liebe Sex, Lügen und zärtliches Sterben

Tom Kummer ist berüchtigt für seine Fake-Interviews mit Hollywoodstars. Jetzt hat er mit seinem Roman "Nina & Tom" ein Plädoyer geschrieben für die unbedingte Liebe - die den Tod überdauert. Ein Treffen.

Autor Tom Kummer
Christian Werner

Autor Tom Kummer


Man kann dieses Buch nicht von seinem Autor trennen. Es ist einfach unmöglich.

Man sitzt da und liest, etwa davon, wie der junge Tom als Heranwachsender mit seinem alten Mercedes durch Spanien fährt, wie er seinen Kick in Brandstiftungen sucht und wie er die Flammen so lange filmt, bis er selbst Feuer fängt. Man liest von vielen Drogen, vom Exzess im Nachtleben Barcelonas und Berlins. Man liest, wie er und seine Nina aus einem Hotelzimmer in Wichita, Kansas aufbrechen, um Tornados zu jagen.

Vorher vögeln sie, während da draußen der "Finger Gottes" Unheil über das Land bringt. Der Nachrichtensprecher im Kabelfernsehen sagt: "Folks get ready", und die beiden zeugen ihren ersten Sohn. "Ninas Gesicht ist knallrot. Die Intensität ist kaum zu ertragen, ich zucke unkontrolliert. Nina zerrt an meinen Schultern. Ich umklammere ihren Oberkörper, als ob ich von ihr absorbiert werden möchte, während es aus meinem Schwanz tief in ihr Innerstes spritzt."

Man liest das also alles und fragt sich ziemlich häufig: Stimmt das denn überhaupt? Man sucht nach der Lüge - ganz einfach, weil in den letzten Jahren die Lüge oft so nah dran war an Tom Kummer.

Aber eigentlich ist diese Frage die falsche. Tom Kummer hat einen Roman geschrieben. Ein intensives Buch. Eines, das man nicht mehr aus der Hand legen möchte, hat man einmal angefangen, und das, obwohl oder gerade weil sein Ende bekannt ist: Nina, Tom Kummers Liebe seit über 20 Jahren, seine Ehefrau, die Mutter seiner beiden Söhne, ist an Krebs erkrankt, sie wird sterben. Es ist eine traurige Geschichte, aber eben nur zur Hälfte.

Der Lügenquatsch kommt vor, relevant ist er hier nicht

Zwischen den Schilderungen dieses seltsam luziden Todes im ebenso luzid wirkenden Kalifornien zieht Kummer eine zweite Ebene ein, in der er die Geschichte dieser Liebe erzählt. Er berichtet davon, wie er Nina das erste Mal in einem Nachtclub in Barcelona sieht, wie er zunächst nicht einmal erkennt, ob sie ein Mädchen oder ein Junge ist und ihr gegenüber sofort eine Zuneigung, eine Hingabe, eine Leidenschaft entwickelt, die erst mit der Zeit so etwas wie ein Echo findet.

Schließlich zieht sie zu ihm nach Berlin. Mauerstadtfolklore. Große Altbauwohnung, Yorckstraße 48, Einschusslöcher an der Hausfassade, unten ein Laden, in dem Bands wie die Einstürzende Neubauten spielen. Die beiden freunden sich mit der Fotografin Nan Goldin an, verkehren in legendären Lokalen wie dem Kumpelnest 3000 oder dem Ex'n'Pop. Womit Nina Geld verdient, bleibt unklar, Tom arbeitet als Tenniscoach beim TC Weiß-Rot-Neukölln, schreibt erste Artikel für Hans Magnus Enzensbergers "Transatlantik". Für "Tempo" fliegt er schließlich zum ersten Mal nach Los Angeles. Sein Auftrag: "Ich soll Michael Jackson verfolgen".

Was folgt, ist jene Geschichte, die schon so oft erzählt wurde: Kummer wird zum gerne gebuchten Starjournalisten. Zu dem Mann, der Charles Bronson über die Aufzucht von Orchideen und Lilien fantasieren lässt, "brutal und sanft. Gnadenlos und feinsinnig". Zu diesem Zeitpunkt sind Tom und Nina bereits verheiratet. Auf dem Cover des Buches sehen wir das Hochzeitsbild.

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Tom Kummer:
Nina & Tom

Aufbau, 256 Seiten, 20 Euro

Man kann dieses Buch nicht von seinem Autor trennen. Und an einigen Stellen hat man den Eindruck, dass der Autor das auch gar nicht möchte. Denn die an sich schon 2007 in "Blow Up" hinreichend geschilderten Hinter- oder Beweg- oder Was-auch-immer-Gründe seiner gefälschten Interviews, sie werden auch hier wieder dargelegt und einer Rechtfertigung unterzogen. Das sind die schwächsten Stellen des Buches, ganz einfach, weil sie nicht nötig sind, weil sie der eigentlichen Geschichte nichts Relevantes hinzufügen.

Tom Kummer erzählt, seine Lektorin habe ihn da ein bisschen ausgebremst. Einiges rausgenommen. Darauf geachtet, dass er nicht seine Geschichte erzählt, sondern die der Liebe. Er sitzt in einem Café am Bayerischen Platz in Berlin-Schöneberg. Das Haus in der Yorckstraße 48 ist vielleicht zwei Kilometer entfernt. Ab und an fahre er daran vorbei, die Einschusslöcher seien längst verschwunden, sagt er.

Er ist ein irre angenehmer Gesprächspartner. Höflich, unterhaltsam, und sehr genau wissend darum, dass die Angelegenheit mit den gefälschten Interviews, der riesengroße Lügenquatsch mit Charles Bronson und seinen Orchideen, mit Pamela Anderson, Courtney Love, Christina Ricci und all den anderen, dass dieser Riesenskandal, über den Chefredakteure stolperten, für den Rest seines Lebens im Raum stehen wird wie ein Elefant in einer Einzimmerwohnung. Vielleicht hat er sie deshalb auch in diesem Buch untergebracht. Die Leute werden ohnehin danach bohren.

Dabei bietet das Buch interessantere Ansatzpunkte. Nicht unbedingt in der Lovestory. Sie ist toll geschrieben, lässt aber kaum Fragen offen. Schnell ist sie, fast atemlos. Tom Kummer selbst reiht sie ein zwischen Sid Vicious und Nancy Spungen sowie John Lennon und Yoko Ono. Was davon stimmt und was gut dazu erfunden wurde, ist eigentlich unerheblich: Tom Kummer hat ja einen Roman geschrieben, und kein Protokoll tatsächlicher Gegebenheiten.

Mit der Sterbenden in die Stadt

Bemerkenswerter ist, wie er mit dem Tod umgeht. Wie es ihm gelingt, in jeder Zeile den richtigen Ton zu treffen. Wie man als Leser plötzlich feststellt: Das Dramatische, das der historische Aspekt des Buches anlegt, wird auf der zweiten Zeitebene überhaupt nicht weiterverfolgt.

Kummer erzählt vom Tod auf eine fast zärtliche Art und Weise: Nina stirbt zuhause. Das Ehebett, in dem sie sich 22 Jahre liebten, wird zum Sterbebett, die Wohnung der Familie, die aus einem einzigen großen Zimmer besteht, von dem aus man Downtown überblicken kann, zu einem spirituellen Schutzraum. "Unsere Jungs beobachteten uns immer genauer, im Krieg, im Frieden, in Trauer. Trotz widersprüchlicher Gefühle. Immer kamen wir wieder zusammen, vereinigten uns als Familie, auch wenn die Welt zusammenbrach, der Verstand aussetzte und der gefühlte Schmerz unerträglich wurde."

"Ich wollte das Sterben von einem Ort aus erzählen", sagt Tom Kummer. "Früher in einem Dorf haben sich die Menschen um das Sterbebett versammelt. Haben den Tod als ein Wunder betrachtet. Auf alten Gemälden sieht man sogar, wie die Leute noch durchs Fenster in die Stube schauen. Wie sie den Tod sehen möchten. Der Tod bleibt ein Mysterium, eine Unglaublichkeit."

Zweieinhalb Jahre dauerte der Krebs, zweieinhalb Wochen der Todeskampf, zu dem Kummer immer wieder hinschneidet. Die Wohnungswände trennen ihn zwar von Los Angeles, jener Stadt, die von der Sonne so arg ausgeleuchtet ist, dass jede Falte sichtbar wird, in der man eigentlich so tut, als wäre man auf ewig 20. Tom Kummer durchbricht diese Wohnungswände. Er ermöglicht seiner Nina zumindest die Idee einer Teilnahme. Setzt sie auf den Beifahrersitz seines Wagens, fährt mit ihr über die Freeways der Stadt.

Sätze die größer wirken, als er selbst

In Deutschland oder der Schweiz, so sagt er selbst, hätte das nicht funktioniert. "Der extreme Optimismus, der in den USA herrscht, mag mit einer gewissen Oberflächlichkeit verbunden sein. Die Ärzte in der Klinik, das Pflegepersonal, alle hatten sie einen 'Think Positive'-Gestus drauf, der mir gut gefallen hat. Mir gegenüber. Nina gegenüber. Die Leute vom Hospiz, mit dem wir zusammenarbeiteten, haben mir einfach Morphium gegeben. Ich konnte selbst entscheiden, wann ich es Nina verabreiche. Eine enorm progressive Haltung."

Haltung. Das ist auch etwas, das Kummer selbst in diesem Buch auszeichnet. Im Interview ist er nach wie vor einer, der Sätze sagt, die größer als er selbst wirken. Die sitzen. "Es muss immer heiß bleiben beim Schreiben", zum Beispiel. Oder dieser Vergleich mit Sid & Nancy, mit Yoko & John. Sein eigenes Werk selbst ganz oben in der Ikonographie des Rock'n'Roll einzuordnen, das ist gewagt.

Im Buch ist das anders. Vielleicht zum ersten Mal überhaupt in seiner Laufbahn ist Tom Kummer einer, der bescheiden wirkt. Nicht demütig in einem gottgläubigen oder wie auch immer esoterisch besetzten Sinne, sondern höchstens der Liebe gegenüber. Er macht sich nicht klein, aber er sagt: "Ich wollte keine Sterbehilfelektüre schreiben. Das ist doch das allerletzte." Stattdessen also ein Buch, das die Liebe feiert. Das annimmt, dass diese Liebe den Tod überdauert.

Dafür ist Tom Kummer zurück in die Schweiz gezogen. Weil es einfacher ist, wenn man nicht die Straßen sieht, die man gemeinsam sah. Nicht im Bett einschläft, in dem man gemeinsam schlief. Alleine auf Partys geht, wo man das doch früher zu zweit tat. Tom Kummer lebt wieder in Bern, arbeitet als Tennistrainer, man kann es sich nur allzu gut vorstellen. Er möchte bald wieder ein Buch schreiben, sagt er. Wird es wieder die Wahrheit erzählen? Jetzt lacht er und sagt, um etwas komplett zu erfinden, fehle ihm dann doch die Fantasie.

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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
Bondurant 28.03.2017
1. Bei allem Respekt
diese Verklärung "Früher in einem Dorf haben sich die Menschen um das Sterbebett versammelt. Haben den Tod als ein Wunder betrachtet. Auf alten Gemälden sieht man sogar, wie die Leute noch durchs Fenster in die Stube schauen. Wie sie den Tod sehen möchten. Der Tod bleibt ein Mysterium, eine Unglaublichkeit." sollte man lasssen. "Im Dorf" war es keineswegs unüblich, dem schwer kranken Altenteiler ein Kissen aufs gesicht zu drücken, damit man einen nutzlosen Esser loswurde. Und alle hatten Verständnis. man unterschätzt die Härten des Landlebens. Das meine ich keineswegs ironisch.
CountZer0 28.03.2017
2. Das ist falsch.
Aus welchem Dorf kommen Sie denn? Wann ist denn dieses "früher" von dem sie da sprechen? Ganz früher war das Mord und man kam dafür in die Hölle. Etwas später früher war es dann Mord und man kam dafür ins Gefängnis. Dazwischen gab es eigentlich nichts.
Newspeak 28.03.2017
3. ...
Zitat von CountZer0Aus welchem Dorf kommen Sie denn? Wann ist denn dieses "früher" von dem sie da sprechen? Ganz früher war das Mord und man kam dafür in die Hölle. Etwas später früher war es dann Mord und man kam dafür ins Gefängnis. Dazwischen gab es eigentlich nichts.
Ja, wissen wir alles. Wussten auch die Leute damals. Und trotzdem war es, da stimme ich dem Foristen zu, auf dem Dorf vielleicht anders. Ihr Standpunkt entspricht eher diesen "Das sowas bei uns moeglich ist" wenn wieder einmal die Fassade zusammenbricht. Ich glaube die Wahrheit liegt dazwischen, weil die Menschen unterschiedlich sind, auf dem Dorf gibt es genauso Mord und Totschlag, wie in der Stadt und genauso das Andere, das Schoene. Eine Sache kann man, denke ich, aber allgemein sagen. Frueher war der Tod im Leben praesenter. Einfach weil mehr Leute gestorben sind, schon im Kindes- und Jugendalter, dazu Unfaelle, unbehandelbare Krankheiten, fruehere Vergreisung. Allein der Einfluss der Infektionskrankheiten kann sich heute niemand mehr vorstellen. Dazu die verbreitertere Religiositaet. Damals gab es zumindest eine andere Bestattungskultur. Die Toten wurden zuhause aufgebahrt. Es gab Totenwachen. Alle moeglichen Rituale und Abwehrzauber. Heute kann es gar nicht schnell genug gehen, bis der Tote "entsorgt" wird, wenn die Leute ueberhaupt zuhause sterben.
Pride & Joy 29.03.2017
4. Die Tiefe der Beziehung
In dem Buch Nina & Tom, wird eine außergewöhnlich tiefe und lebendige Beziehung beschrieben, in die zwei Menschen eintauchten und zueinander fanden. Der Autor schrieb es aus der Motivation heraus, den für ihn schmerzlichen Verlust, besser zu begreifen und für sich dadurch erfahrbar zu machen. Es ist kein Abschied! Die Gedanken an die geliebte Frau ist Teil seiner Persönlichkeit und wird immer in ihm sein. Diese Erzählung der einzelnen Stationen gibt der Geschichte die Lebendigkeit - auch über den Tod hinaus. Was mir besonders gut gefallen hat ist der Spagat von Jochen Overbeck, der den Leser mitnimmt auf eine fiktive Reise, die ihn am Ende in Toms Realität ankommen lässt. Vielen Dank dafür!
spon_1205681 09.04.2017
5. tolles buch
lasst es wirken
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