Nino Haratischwili über "Die Katze und der General" "Erst schreibe ich über Folter, dann mache ich Nudeln"

Nach ihrem Bestseller "Das achte Leben" hat Nino Haratischwili nun einen Täter-Roman über den Tschetschenienkrieg geschrieben. Hier spricht die Autorin über die Perversion des Krieges und ihre Freude am Drama.

Nino Haratischwili
G2 Baraniak

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Zur Person
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    Nino Haratischwili, 35, ist eine aus Georgien stammende Dramatikerin, Theaterregisseurin und Autorin. Sie schrieb unzählige Theaterstücke und wurde mit ihrem dritten Roman "Das achte Leben (für Brilka)" (2014, Frankfurter Verlagsanstalt) in Deutschland bekannt. Haratischwili lebt mit ihrer Familie in Hamburg und schreibt auf Deutsch.

SPIEGEL ONLINE: Frau Haratischwili, Ihr neues Buch ist ein Schuld-und-Sühne-Roman, der auf der Schändung und Tötung einer jungen Frau im Ersten Tschetschenienkrieg beruht. Warum haben Sie sich dieses Thema ausgesucht?

Haratischwili: Es basiert grob auf einer realen Geschichte, die ich nicht vergessen konnte: Ich habe mich viel mit der Arbeit der russischen Menschenrechtsaktivistin Anna Politkowskaja beschäftigt, die sich unter anderem für die Menschen eingesetzt hat, denen in Tschetschenien das Leben genommen wurde.

SPIEGEL ONLINE: Was sie wiederum mit ihrem Leben bezahlt hat. 2006 wurde Politkowskaja ermordet.

Haratischwili: Ja. In einem ihrer Bücher beschreibt sie, wie eine russische Brigade eine Art Kriegsurlaub bekommt und in der Nähe eines abgelegenen, tschetschenischen Bergdorfs campiert. Da war alles ruhig, der Oberst beschloss nur irgendwann im Vollrausch: Die da im Ort, das sind alles Spione und Scharfschützen, wir stürmen! Seine Soldaten haben die Häuser angezündet, die Bewohner gefoltert, eine Frau vergewaltigt.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Sie daran fasziniert?

Haratischwili: Andauernd hören wir Kriegsgeschichten, ob das nun Syrien ist oder die Ukraine. Man ist schon viel zu sehr daran gewöhnt. Es ist so leicht, Feindbilder zu schaffen, zu sagen, der da, der nimmt dir was weg! Was ich aber bei diesem realen Vorfall in Tschetschenien so irre fand, ist dieses Detail: Da war Ruhe.

SPIEGEL ONLINE: Sie meinen, es wurde nicht gekämpft?

Haratischwili: Genau! Und dieser Typ, der Oberst, hat diese Ruhe nicht ausgehalten. Der sitzt da an einem Ort, wo sich seine Soldaten erholen sollen, und was macht er? Er spielt Krieg im Krieg. Er kann nicht ohne. Diese Vorstellung hat mir die Perversität des Krieges näher gebracht.

SPIEGEL ONLINE: Das Kapitel beginnt mit einem Sophokles-Zitat: "Heiß wallt dein Herz bei schauerlichem Werk". Haben Sie sich an griechischen Tragödien orientiert?

Haratischwili: Ich musste jedenfalls oft an die großen, antiken Dramen denken. Und die machen mir als Dramaturgin natürlich Freude. Diese unglaublich schlimmen Dinge aufzuarbeiten, die sich Menschen gegenseitig antun, ist aber furchtbar anstrengend. Es war gut, dass ich parallel zum Schreiben viel mit Windelnwechseln zu tun hatte, weil meine Tochter gerade geboren wurde.

SPIEGEL ONLINE: Vor und nach dem Windelnwechseln mal eben über die schrecklichsten Kriegsverbrechen zu schreiben, stelle ich mir aber auch nicht unbedingt einfach vor.

Haratischwili: Das ist natürlich krass. Ich kann das, was ich recherchiere und dann schreibe, aber zum Glück hinterher von mir fernhalten. Sonst wäre ich ein Psychowrack.

SPIEGEL ONLINE: Wie machen Sie das?

Haratischwili: Ich stelle es einfach ab. So, ich habe über Folter und Vergewaltigung geschrieben. Und jetzt mache ich Nudeln.

SPIEGEL ONLINE: Sie schreiben schonungslos, dabei aber auffallend unaufgeregt über menschliche Abgründe. Wie bleiben Sie bei Folter und Vergewaltigung sprachlich ruhig?

Haratischwili: Echt, so wirkt das? Das ist gut. Mir wurde oft Grausamkeit vorgeworfen. Vor allem in einer Rezension, über die ich mich tierisch aufgeregt habe. Man kann meine Bücher mögen oder nicht, aber es ist Unsinn anzunehmen, dass ich die Realität schlimmer schreibe. Nur weil da jetzt wer irgendwo in seinem Loft sitzt und keinen Bock hat, etwas Wahres über den Krieg zu lesen. Es zwingt einen niemand zum Lesen.

SPIEGEL ONLINE: Sie zwingen Leser vielleicht zum Fühlen.

Haratischwili: Ich tue mir das auch selbst an. Ich schone mich nicht. Ich erwarte von mir eine emotionale Auslieferung. Deswegen wälze ich mich nicht gleich heulend auf dem Boden, aber ich lasse etwas in mir geschehen, damit ich so schreiben kann.

SPIEGEL ONLINE: Sie leben in Deutschland und sind kurz nach der Geburt ihrer Tochter zum Recherchieren nach Tschetschenien gefahren. Waren Sie allein?

Haratischwili: Ja, meine Tochter war acht Monate alt und ist mit meinem Mann in Hamburg geblieben, eine Freundin hat mich begleitet. Alle haben mir den Vogel gezeigt: Spinnst du, du kannst das doch nicht machen! Aber es war gut so.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Haratischwili: Ich musste den Ort kennen und begreifen, über den ich schrieb. Und Tschetschenien hat mich herausgefordert. Ich war noch nie an einem Ort, an dem ich so wenig die Regeln kannte. Wo alles undurchsichtig ist.

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Nino Haratischwili:
Die Katze und der General

Frankfurter Verlagsanstalt; 750 Seiten; 30 Euro

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie dafür ein Beispiel?

Haratischwili: Ich dachte, ich muss in Grosny Kopftuch tragen. Das ist aber gar nicht so wichtig. Dafür läufst du als Frau nicht in einer Hose rum, solltest mit Männern am besten nicht sprechen und schon gar nicht eine Zigarette anzünden. Ich habe ständig gefürchtet, in ein riesiges Fettnäpfchen zu treten. Außerdem hat es mich befremdet, dass ausgerechnet die jüngeren Frauen sehr strikt sind. Die gucken alle "Game of Thrones" und erzählen dir dann, wie wichtig es ist, zu heiraten und einem Mann zu dienen. Wie geht das zusammen?

SPIEGEL ONLINE: Und, wie?

Haratischwili: Ich glaube, so grenzen sie sich von den Russen ab. Frauen ab 40 tragen kein Kopftuch, nur die jüngeren verschleiern sich und nutzen das Muslimische als stille Revolte gegen ihre Besatzer.

SPIEGEL ONLINE: Erst hat Stalin die Tschetschenen deportiert. Nach Auflösung der Sowjetunion kämpften dann in zwei aufeinander folgenden Kriegen islamistische Separatisten gegen die russische Zentralregierung. Tschetschenien blieb danach im russischen Staatsverband. Sind die Russen noch "Besatzer"?

Haratischwili: In Grosny gibt es keinen einzigen Hinweis auf die beiden Kriege. Sogar im Geschichtsmuseum taucht nach dem Zweiten Weltkrieg kein anderer Krieg mehr auf. Das ist eine sehr klare Form der Diktatur und Tyrannei. Es gibt keine Familie, die nicht mindestens einen Menschen verloren hat. Noch heute werden Hunderttausende vermisst, öffentlich darf darüber aber niemand sprechen. Dafür hängt in jeder Ecke ein Bild von Putin. Alle müssen ihn ehren, obwohl er letztlich ihr Leben zerstört hat.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem letzten Roman "Das achte Leben (für Brilka)" haben Sie sich mit Opfern beschäftigt, in dem neuen geht es um Täterschaft. Welche Fragen haben Sie sich zu Beginn gestellt?

Haratischwili: Wie kann man als Täter weiterleben? Machen Umstände Menschen zu Monstern? Nicht jeder verhält sich in einer Kriegssituation gleich, woran liegt das? Daran habe ich mich regelrecht abgearbeitet. Ich hatte bei dem neuen Buch am Anfang nur das Ende im Kopf.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Ende hat fast schon etwas Biblisches. Es verfolgt einen noch eine Weile. Was soll ein Leser davon mitnehmen?

Haratischwili: Ein Krieg reißt die Biografien aller ein, über Generationen hinweg. Jeder kann schuldig werden. Jeder kann im Prinzip alles machen. Und die letzte Frage ist dann nur: Wer macht es nicht?

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m.s.schneider 30.08.2018
1. Inszenierung und Werk ohne Autor
Ja, sind wir nicht alle irgendwie Herta Müller? Ein Jahr lang nur Bücher mit Titel, ohne Autorennamen, mit neutralem Cover. Ein Fest.
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