Erfolgsroman über Flugzeugabsturz "Existieren wir, um fernzusehen?"

Seine Serie "Fargo" wird gefeiert. Nun landet Noah Hawley auch einen Roman-Hit: "Vor dem Fall" ist ein raffinierter Thriller über eine Flugzeugkatastrophe - und wie sie von den Medien brutal ausgeschlachtet wird.

Abgestürztes Flugzeug (Symbolbild)
AP/ NTSB

Abgestürztes Flugzeug (Symbolbild)


Vielleicht hätte Scott Burroughs irgendwann einfach aufgehört zu schwimmen und sich dem Ozean übergeben, wenn er gewusst hätte, was auf ihn zukommen würde. Doch da war dieser kleine Junge, JJ, und so schwamm Scott, wie er noch nie zuvor geschwommen war, den Vierjährigen auf dem Rücken, die ganze Nacht hindurch, bis sie im Morgengrauen den Strand von Montauk erreichten.

Scott und JJ sind die einzigen beiden Überlebenden eines Flugzeugabsturzes, mit dem Noah Hawleys Thriller "Vor dem Fall" beginnt, einer der großen Sommerbestseller 2016 in den USA. Hawley, Jahrgang 1967, ist der aktuelle Wunderknabe der amerikanischen Unterhaltungsbranche. Vor allem, weil er etwas geschafft hat, was viele für unmöglich gehalten hatten: "Fargo", das Meisterwerk der Coen-Brüder, fürs Fernsehen zu adaptieren - und einen Kritiker- wie Publikumserfolg daraus zu machen.

Momentan arbeitet Noah Hawley an der dritten Staffel von "Fargo", die 2017 laufen wird. Nicht sein einziges Projekt: Hawley drehte unter anderem gerade einen Piloten für ein "X-Men"-Spin-off und arbeitet mit Hochdruck am Drehbuch für die Verfilmung von "Vor dem Fall".

Der enorme Erfolg von Hawleys fünftem Roman ist keine Überraschung, wahrscheinlich sogar Resultat einer minutiösen Planung. Hawley macht es seinen Lesern sehr leicht, alles wirkt glatt und auf Hochglanz poliert. Auf den ersten Blick scheint nichts ablenken zu wollen von der raffiniert konstruierten Geschichte.

Kirsten Dunst in der TV-Serie "Fargo"
FX/ Netflix

Kirsten Dunst in der TV-Serie "Fargo"

Aber auch wenn "Vor dem Fall" erstklassige Strandlektüre ist, so unterscheidet der Roman sich dennoch von Reißbrett-Bestsellern der Sorte "Gone Girl". Weil Hawley etwas zu erzählen hat. Über die Welt und über seine Figuren.

Vor allem über Scott, als Künstler der logische Wiedergänger des Autors im Roman und dessen emotionaler Mittelpunkt. Für den erfolglosen Maler und trockenen Alkoholiker beginnt ein neues Leben, nachdem er dem Wrack des Privatflugzeugs entkommen ist, das auf halbem Weg von den Hamptons nach New York City abgestürzt war. Er bekommt es mit misstrauischen FBI-Agenten zu tun, mit einer milliardenschweren Kunstmäzenin, vor allem aber mit dem "Entertainment-Business".

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Neun Menschen sind bei dem Absturz ums Leben gekommen, die Absturzursache bleibt lange ungeklärt. Während nach der Blackbox gesucht wird, überschlagen sich die Medien mit Spekulationen: Anschlag, technisches Versagen, Pilotenfehler oder erweiterter Selbstmord, alles scheint möglich. Auch Scott, zunächst gefeierter Held, gerät unter Verdacht. Der Moderator eines auf Krawall gebürsteten Fernsehsenders, der zwar im Roman ALC News heißt, aber eindeutig Fox News nachempfunden ist, startet eine mediale Hexenjagd.

Wann wurde aus Journalismus Infotainment?

Scott versucht vergeblich, sich dem Rummel zu entziehen, will eigentlich in Ruhe das Geschehene verarbeiten, herausfinden, wie es jetzt weitergehen soll mit seinem Leben. In einer der intensivsten Szenen des Romans spürt ihn die Medienmeute vor dem Haus einer reichen Erbin auf, in dem er ein paar Tage Unterschlupf gefunden hatte, und er stellt sich der Presse.

Seine Versuche, in seinen Worten zu erklären, was er erlebt hat, schellen ab an der Sensationsgier der Journalisten. Mit Antworten wie "Überleben in seiner simpelsten Form ist keine Geschichte. Oder - ich weiß es nicht, vielleicht ist es die einzige Geschichte" können sie nichts anfangen, das sind keine Breaking News.

Später wird Scott sich fragen, wann aus Journalismus Infotainment wurde: "Man bog die Nachricht nicht zurecht, bis sie zur Story passte. Man berichtete einfach über die Fakten, wie sie waren. Seit wann gilt das nicht mehr? Scott erinnerte sich an die Reporter seiner Jugend - Cronkite, Mike Wallace, Woodward und Bernstein, Männer mit Grundsätzen, Männer mit einem eisernen Willen. Wie hätten sie über die Ereignisse berichtet?"

Autor Noah Hawley
Leah Muse

Autor Noah Hawley

Medien als Unterhaltungsmaschinerie, der sich niemand mehr entziehen kann, und die unser Leben radikal prägt, das zieht sich als Thema durch den gesamten Roman. "Existiert das Fernsehen, damit wir es anschauen können, oder existieren wir, um fernzusehen?", fragt TV-Autor Hawley an einer Stelle.

Parallel zu Scotts Erlebnissen in den Wochen nach dem Absturz erzählt Hawley die Geschichten der Opfer. Und in fast jeder dieser Biografien gibt es dunkle Punkte, mögliche Erklärungen für den Absturz. Wenn schließlich das Rätsel gelöst sein wird, mischt sich in die Erleichterung, dass es doch eine Erklärung für ein unfassbares Ereignis gibt, ein bleibendes Gefühl der Trauer. Hawley schafft es, dass uns die Opfer wirklich ans Herz wachsen. Und man sich wünscht, das Geschehene ungeschehen machen zu können.

So wie Scott, der sich irgendwann auf dem Rechner das Baseballspiel anschaut, das lief, kurz bevor das Flugzeug abstürzte. Er drückt genau in dem Moment auf die Pause-Taste, als der entscheidende Wurf gezeigt wird: "Wenn das Weltgeschehen zurückgespult wäre, dann säße er jetzt irgendwo in einem Flugzeug. Sie wären alle im Flugzeug. (...…) Solange er das Spiel nicht wieder startete, würden sie leben." Am Ende wird Scott doch Play drücken. Das Leben geht weiter. Es muss. Vielleicht ist das kein Happy End. Aber immerhin ein Neubeginn.



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