Nobelpreis für Herta Müller: Fanal gegen den Furor des Vertuschens
Das ewige Trauma der Diktatur: Herta Müllers Vaterland ist ihre Vergangenheit, die ihr eingeritzt ist wie eine Tätowierung. Ihre Ehrung mit dem Nobelpreis ist ein Signal, kommentiert Schriftsteller-Kollege Ilija Trojanow: Schluss mit der Verniedlichung kommunistischen Unrechts!
Über eine Meisterin der Bedächtigkeit im Handumdrehen zu schreiben, sollte sich eigentlich von alleine verbieten. Andererseits gilt carpe diem, und wann mehr, als am Tag der Nobelpreisverkündung. Da ist Literatur, selbst sperrige, nur langsam und aufmerksam lesbare Literatur, auf einmal und kurzzeitig im Mittelpunkt der Weltaufmerksamkeit. Und das freut einen Autor grundsätzlich und im Besonderen zudem, wenn wie heuer eine hoch geschätzte Kollegin umkränzt wird.
Die Schwedische Akademie in Stockholm lobt, dass Herta Müller "mittels der Verdichtung der Poesie und Sachlichkeit der Prosa Landschaften der Heimatlosigkeit" zeichne, womit die Akademie beweist, dass Texte des Lobs verwirrender sein können als die gelobten Texte. Denn die Ausgezeichnete hat zwar gelegentlich von dem Nicht-Ankommen in West-Berlin berichtet, ansonsten aber in den meisten ihrer Bücher beharrlich von dem in rumänischer Vergangenheit Zurückliegendem erzählt.
Wahre Heimatliteratur somit, die ja oft gerade in der Emigration entsteht. Getreu der Warnung von Moses im Alten Testament: "Vergesst nicht, ihr wart Diener und ihr wart Sklaven." Das Wissen der Geflohenen um ihre eigene Befreiung reicht nicht aus. Sie können und dürfen die Welt nicht allein aus der Sicht von kürzlich erworbenem Wohlstand, von Sicherheit und Bequemlichkeit betrachten, denn sie sind zu dem geworden, was sie sind, durch das, was zurückliegt, aber nicht zurückgelassen wurde.
Herta Müller ist ein Paradebeispiel hierfür.
Sie vergegenwärtigt Folter und Unterdrückung, Verachtung und Entmenschlichung, Verbrechen, für die keine Sühne geleistet worden ist. Ihr Vaterland ist eine Vergangenheit, der sie nicht entrinnen kann, die ihr eingeritzt ist wie eine Tätowierung, der sie in einer eigenmächtigen Sprache nachspüren muss.
Autoren wie Herta Müller sind Patrioten einer entfremdeten Heimat. Die literarische Produktion der letzten zwanzig Jahre legt nahe, dass kaum ein Daheimgebliebener über die Herrschaft der Gewalt und die Stummheit der Opfer auf diese Art schreiben kann.
Herta Müller stemmt sich mit jedem Buch gegen das Vergessen, gegen den Furor des Vertuschens und Verniedlichens, der im Osten Europas seit 1989 vorherrscht und eine der schlimmsten Epochen von Erniedrigung und Zerstörung des Einzelnen als regulative Normalität auszugeben sucht (und leider Gottes hat diese Haltung inzwischen auch im "Westen" überhand genommen, wie die völlig unkritisch begleitete Wahl des kommunistischen Apparatschik Irina Bokowa zur Unesco-Generaldirektorin gezeigt hat).
Aus der Ferne vermag Herta Müller sowohl das selbst Erlebte als auch das ihr Anvertraute in einem eigenwilligen Wortgedächtnis zu bewahren - sie verschafft den Verstummten neue Gehörschaft und ruft unsere Empathie für Vergangenes wach.
Das Nobelpreiskomitee würdigt, dass trotz vermeintlichem Exil oder Entwurzelung eine Autorin wie Herta Müller dem Erlittenen treu geblieben ist, dass sich ihr Werk zu einer einheitlichen Beschwörung und Demontage der totalitären Realität fügt, wie bei kaum einer anderen und schon gar nicht bei einer noch im Osten Europas lebenden Autorin. (Weniger feierlich dürfte übrigens die Stimmung in der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung sein, die den Georg-Büchner-Preis noch nicht an Herta Müller verliehen hat; nun ist man auf peinliche Weise von den Stockholmern überholt worden).
Ich empfinde den Nobelpreis an Herta Müller als ein bedeutendes Signal: die Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit ist existentiell wichtig und noch lange nicht abgeschlossen. Der Preis belohnt eine unbeugsam-couragierte literarische Arbeit und ermutigt jene, die einen ähnlichen Weg beschreiten.
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Volker Hage:
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