Nobelpreis für Vargas Llosa Wehe, wenn die Utopie gewinnt

Er wandelte sich vom kommunistischen Rebellen zum Liberalen. Als Schriftsteller schwärmt Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa vom Maßlosen, starken Gefühlen, Abenteuer, Utopie - aber sein Credo für das wahre Leben ist: "Die Demokratie ist die Negation der Utopie."

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Ernster Blick, prüfend auf sein Gegenüber gerichtet, über der Nase eine steile Stirnfalte, die mit den Jahren immer tiefer geworden ist. So tritt Mario Vargas Llosa, der neue Nobelpreisträger für Literatur, oft in der Öffentlichkeit auf.

So streng, so englisch korrekt stellt man sich einen lateinamerikanischen Schriftsteller nicht vor. Auch ihn nicht. Denn in den über 50 Jahren seiner Autorentätigkeit hat er immer wieder ganz sinnliche Romane verfasst: "Das grüne Haus" von 1966, das großenteils in einem Bordell im peruanischen Urwald am Amazonas spielt. Oder "Lob der Stiefmutter", 1988, wo er erotische Gemälde als sexuelle Erlebnisse sprachlich inszeniert. Und "Das böse Mädchen", 2006, über den unwiderstehlichen Charme einer nur auf den eigenen Vorteil bedachten Betrügerin. Das Werk des Autors umfasst inzwischen an die 50 Bände, sein kolumbianischer Kollege Héctor Abad Faciolince lobt es deshalb als "monumental".

Die Entwicklung des 1936 im peruanischen Arequipa geborenen Vargas Llosa prägten drei Brüche. So wurde aus ihm kein kuscheliger, sexy Latin Writer, sondern eine eher vernunftgesteuerte, nordisch anmutende Autorenpersönlichkeit. Er hat diese tiefen Einschnitte 1993 in seinen autobiografischen Erinnerungen "Der Fisch im Wasser" geschildert: Als Zehnjähriger gestand ihm seine Mutter, mit der er bislang bei den Großeltern gelebt hatte, dass der Vater nicht etwa tot war, wie ihm die gesamte Verwandtschaft glauben machen wollte. Nein, er lebte und wohnte in der Hauptstadt Lima.

Vom kommunistischen Rebellen zum individualistischen Liberalen

Jäh wurde Mario aus einer glücklichen Kindheit gerissen und an die Seite dieses unbarmherzig strengen Unbekannten versetzt. Der zwang dem Sohn eine Erziehung in einer Kadettenanstalt auf. Mit 22 entfloh er dem Unterdrückungsapparat der in seinem Heimatland herrschenden Diktatur. Zuvor hatte er als Student der Rechte und der Literatur für den Wiederaufbau der kommunistischen Partei im Untergrund gekämpft. Mit Hilfe eines Promotionsstipendiums über das Werk von Gabriel García Márquez gelangte er nach Madrid.

In den kommenden 20 Jahren lebte Vargas Llosa fast ständig in Europa. Dort erhielt er bereits 1963 den wichtigsten spanischen Literaturpreis für seinen Roman "Die Stadt und die Hunde", seine Auseinandersetzung mit der absurden Brutalität der militärischen Erziehung in Lateinamerika. Der Sprung in die Politik, als er im Juli 1989 die Präsidentschaftskandidatur in seiner peruanischer Heimat annahm, und die Rückkehr an den Schreibtisch und nach Europa, weil er dem japanischstämmigen späteren Alleinherrscher Fujimori unterlegen war, stellen den dritten Einschnitt dar.

Diesen gravierenden persönlichen und politischen Enttäuschungen ist es wohl geschuldet, dass Mario Vargas Llosa eine andere politische Entwicklung vollzogen hat als die meisten seiner latein- und südamerikanischen Kollegen. Als junger Mann hatte er heftig mit revolutionären Ideen und Fidel Castros kubanischem Sozialismus geflirtet. Doch im Gegensatz zum Kolumbianer Gabriel García Márquez oder dem Argentinier Julio Cortázar, die mit ihm den Boom der lateinamerikanischen Literatur in Europa begründeten, wandelte er sich vom kommunistischen Rebellen zum individualistischen Liberalen. Staatlichen Zwang und Diktatur, seien sie von links oder von rechts, lehnt Vargas Llosa gleichermaßen entschieden ab.

"Die Demokratie ist die Negation der Utopie"

"Als Schriftsteller liebe ich das Maßlose, die starken Gefühle, das Abenteuer, die Utopie" - so hat Vargas Llosa einmal in einem SPIEGEL-Gespräch den Kontrast zwischen seinem leidenschaftlichen Schreiben und seinen politischen Überzeugungen als liberaler Demokrat erklärt. "Die Demokratie ist die Negation der Utopie. Der Mensch kann allerdings ohne Utopie nicht leben. Er muss sie suchen, in der Kunst, der Literatur, der Liebe, im Sport. In der Politik dagegen müssen Utopien bekämpft werden. Dort sind sie mörderisch, sie enden immer im Holocaust."

In diesem Sinne setzt sich Vargas Llosa jeden Sonntag in seinen politischen Kolumnen, die er in der Tageszeitung "El País" veröffentlicht, mit aktuellen Fragen unserer Zeit auseinander. In Reportagen etwa aus dem Gaza-Streifen oder von afrikanischen Kriegsschauplätzen kehrt er zu dem Beruf des journalistischen Chronisten zurück, mit dem er einst, 16-jährig, in Lima begonnen hatte. Er ist auch ein gefragter Gesprächspartner in politischen Runden, in denen er stets streng den Anspruch der Dritten Welt verteidigt, in genauso gefestigten Demokratien zu leben wie Europäer. "Warum sollten wir Peruaner nicht das schaffen, was den Schweden gelang?"

Zu seinen eindrucksvollsten fiktionalen Werken gehören, gerade wegen des starken politischen Engagements, Romane wie "Tod in den Anden" (1993), in dem er sich mit der peruanischen Terrorbewegung Leuchtender Pfad auseinandersetzt. In drei komplexen, das gesamte Spektrum menschlicher Erfahrung umfassenden Romanen hat Vargas Llosa bahnbrechend analysiert, warum im vergangenen Jahrhundert immer wieder Diktaturen seine lateinamerikanische Heimat heimsuchten: "Conversación en la catedral" (1969) über seine Heimat Peru (auf Deutsch: "Die andere Seite des Lebens"), "Der Krieg am Ende der Welt" (1982) über religiöse Fanatiker im Nordosten Brasiliens sowie "Das Fest des Ziegenbocks" (2000) über das Terrorregime von Rafael Trujillo in der Dominikanischen Republik.

Für seine Arbeit, hat Vargas Llosa dem SPIEGEL gesagt, "versuche ich mich auf Fünfjahrespläne zu konzentrieren". Im November wird das jüngste Buch des Nobelpreisträgers, das im Kongo und in Peru spielt, erscheinen. Die literarische Welt darf also gespannt sein, was Mario Vargas Llosa noch zu sagen hat.

Forum - Nobelpreis für Mario Vargas Llosa - eine gute Wahl?
insgesamt 143 Beiträge
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Seite 1
taiga, 07.10.2010
1. ----
Zitat von sysopDer Nobelpreis für Literatur geht in diesem Jahr an Mario Vargas Llosa. Das gab das schwedische Nobelpreiskomitee am Donnerstag in Stockholm bekannt. Eine gute Wahl?
Ja. Ich liebe ihn (äähh seine Bücher).
DerkurzeEugen, 07.10.2010
2. Wie wohltuend nach dem, was letztes Jahr geschah ...
endlich wird wieder einmal Literatur gewürdigt, keine ideologische Quasi-Prosa. Das erste, was ich von Llosa - in jungen Jahren las - war "Der Hauptmann und sein Frauenbataillon". Herrliche, erfrischende und zugleich das Militär entlarvente Geschichte. Herzlichen Glückwunsch !
Steeevyo, 07.10.2010
3. Ja schoen.
Ja schoene Wahl ausnahmsweise mal.
catire 07.10.2010
4. Felicitaciones Mario
Eine großartige Nachricht. Mario Vargas Llosa gehört schon seit Jahrzehnten zu den besten Autoren (nicht nur)Lateinamerikas. Politisch engagiert - aber trotz alledem, sehr facettenreich und humorvoll. Sein Roman "Travesuras De Una Niña Mala" ist einer der schönsten Liebesromane der Weltliteratur: voll Leidenschaft und Obsession,Traurigkeit und Glück.
Ast@, 07.10.2010
5. ENDLICH!!! Nach den vielen Preis-Blamagen der letzten Jahre
wurde ein begnadeter SCHRIFTSTELLER UND LITERAT (!) mit dem LITERATURPREIS geehrt.
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