Nobelpreisträgerin Müller Im Visier der Securitate

Mit gezielten Einschüchterungen und Denunzierungen wollte der rumänische Geheimdienst die Nobelpreisträgerin Herta Müller vom Schreiben abbringen. Ihr Weggefährte und Schriftstellerkollege William Totok erinnert sich an die gemeinsam erlittene Zeit der Schreckensherrschaft.

Archiv Totok

"Sie kritisiert und kritisiert wieder, sie kritisiert auf eine so destruktive Weise, dass man sich fragt, was für einen Sinn diese Texte überhaupt haben!?" Mit diesen Sätzen endete 1982 das geheime Gutachten über Herta Müllers erstes Buch, den Prosaband "Niederungen". Verfasser des Gutachtens war der inoffizielle Securitate-Mitarbeiter "Voicu". Obwohl es sich bei "Niederungen" um ein bereits von der Zensur zurechtfrisiertes Buch handelte, stand die Beurteilung der Geheimpolizei fest: "Herta Müller gehört zu einem Kreis junger deutschsprachiger Schriftsteller, die wegen ihrer staatsfeindlichen Haltung bekannt sind."

Zu diesen deutschsprachigen Schriftstellern gehörte damals auch ich. Herta Müller und ich kannten uns seit vielen Jahren, waren in demselben Literaturkreis tätig, veröffentlichten in denselben Zeitungen, hatten ähnliche politische Vorstellungen und Ziele. Hinzu kam, dass wir in all diesen Jahren den Schikanen der Securitate ausgesetzt waren.

Die Securitate, die grausame Geheimpolizei der Ceausescu-Diktatur, war darauf bedacht, jegliche Kritik an den politischen, wirtschaftlichen und sozialen Zuständen schon im Keim zu ersticken. Jedes gedruckte Wort wurde verdächtigt, eine heimliche kritische Anspielung oder eine verhüllte Botschaft zur Aufwiegelung zu enthalten. Verhöre, Vorladungen, Observierungen, geheime Hausdurchsuchungen und Abhöraktionen bildeten nur das Vorspiel für noch härtere Repressionen.

Aufgrund des Gutachtens zu "Niederungen" schlug der Securitateoffizier 1982 vor, einen sogenannten operativen Vorgang gegen Herta Müller zu eröffnen. Die etwas später unter dem Decknamen "Cristina" eingeleitete Operation wurde auch nach Müllers Ausreise in die Bundesrepublik 1987 fortgesetzt. Herta Müller wusste ganz genau, was passierte, wenn die Securitate zuschlug: Sie wusste es aus ihrem Freundeskreis und von einigen ihrer Schriftstellerkollegen, die von 1972 bis 1975 unter dem Namen "Aktionsgruppe Banat" ins Visier der Securitate geraten und zeitweilig auch in Haft waren.

Die Aktionsgruppe, zu der auch ich gehörte, bestand aus sehr jungen deutschsprachigen Autoren. Literatur verstanden wir als Korrektiv der bestehenden Verhältnisse und veröffentlichten sie entsprechend. Dies galt in den Augen der Behörden als ein offenkundiger Angriff auf die "sozialistische Gesellschaftsordnung".

Moralisch verkommen

Nach der gewaltsamen Zerschlagung der Aktionsgruppe traten wir 1977 gemeinsam mit Herta Müller dem Temeswarer Adam-Müller-Guttenbrunn-Literaturkreis bei, der damals noch erlaubt war. Für die Securitate war aber auch dieser Zirkel eine subversive "Höhle", die man mit allen Mitteln ausräuchern musste - und Müller ein "umstürzlerisches Element", das durch systematische Einschüchterungen "überzeugt" werden sollte, das Schreiben aufzugeben.

Im Klartext bedeutete dies, dass die Geheimpolizei die Überwachungsstrategien des "Zielobjekts Herta Müller" intensivierte und alle ihr zur Verfügung stehenden Einschüchterungsmethoden und Diskreditierungsmaßnahmen einsetzte. Securitate-Mitarbeiter stellten sie in der bundesdeutschen Landsmannschaftspresse als Nestbeschmutzerin dar, die in ihren Texten ihre rumäniendeutschen Mitbürger beleidige und als moralisch verkommen beschreibe. In einem Brief, den Herta Müller angeblich von empörten Lesern aus der Bundesrepublik erhielt, hieß es ganz im Sinne der Securitate: "Ihre Bücher müsste man verbrennen und Sie in ein Gefängnis werfen. Bleiben Sie, wo Sie sind, in der Bundesrepublik ist für Sie kein Platz." Mit Genugtuung hielt ein interner Securitate-Bericht damals fest: "Als Folge unserer Maßnahmen haben die Stellungnahmen gegen Herta Müller zugenommen."

Anfang 1987 reisten wir, Herta Müller, ihr damaliger Ehemann Richard Wagner, der zu den Gründungsmitgliedern der Aktionsgruppe Banat gehört hatte, und ich schließlich in die Bundesrepublik aus. Es war der letzte Ausweg aus einer aussichtslosen Situation. Wir waren inzwischen alle arbeitslos und mit einem Veröffentlichungsverbot belegt, unsere Namen durften in den Zeitungen nicht mehr genannt werden.

Trotz aller Repressalien hat sich Herta Müller nicht vom Schreiben abbringen lassen, sie hat sich auch nicht einschüchtern lassen. Sie hat vielmehr ihre traumatischen Erfahrungen in allen ihren Büchern literarisch brisant verarbeitet. Auf diese Weise hat Herta Müller allen Opfern von Diktatur, Unterdrückung und Missachtung der menschlichen Würde ein literarisches Mahnmal errichtet. Der ihr zugesprochene Literaturnobelpreis ist somit auch eine Würdigung der unzähligen, sprachlosen Opfer.

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famulus 09.10.2009
1. Securitate = Stasi
Auch für viele Deutsche aus der Sowjetzone sind Herta Müller und ihre Erlebnisse identisch. Identisch mit dem Kommunismus in Rumänien und der Sowjetzone. Auch, wenn viele Deutsche aus der sog. "DDR" mittlerweile vergessen haben, was diese Diktatur wirklich war. Sie war vielleicht tendenziell nicht so schlimm wie in Ceaucescus Rumänien - der Grund dafür war aber: man war dem Westen zu nahe und 80 % der Mitteldeutschen konnte Westfernsehen schauen. Das war aber nur eine Tendenz. Das System war das gleiche. Ich freue mich, dass Herta Müller den Literaturnobelpreis bekommen hat.
tomstone1967 09.10.2009
2. Einfach zum richtigen Zeitpunkt...
die richtige Person gewählt. "Fruchtbar ist der Schoss noch, aus dem das kroch." Und wie fruchtbar sahen wir am 27. September. Und jetzt denken wir an die Montagsdemonstrationen. Endlich, denn es schien vergessen. Vergessen. Und dagegen schreibt Frau Müller. So weit war Rumänien vom Osten nicht weg. Aber wie weit ist die Erinnerung? Herzlichen Glückwunsch an Frau Müller!
carl gibson 09.10.2009
3. Fragen an Herta Müller
Der Lebenslauf von Herta Müller bis 1987 ist unvollständig. Es fehlen genaue, überprüfbare Daten,wann, wo und in welcher Funktion sie bis zur Ausreise gearbeitet hat. Ihre Abschlussarbeit an der Universität Temeswar ist angeblich unauffindbar. Noch wichtiger: Wann und in welcher Form hat Herta Müller konkret opponiert? Welchen Repressalien war sie konkret ausgesetzt? Wer von der Securitate hat sie verhört und wann? Weshalb war Herta Müller eine privilegierte West-Reisende, die mehrfach in die Bundesrepublik ausreisen durfte? Weshalb durfte ihr Gatte Richard Wagner, seit 1972 Mitglied der Rum. Kommunistischen Partei und im Jahr 1985 immer noch in der gleichen Partei, im Jahr 1985 in die BRD reisen - zum Schriftstellerkongress nach Münster und danach weiter 5 Wochen durch das Land, während Rumänien unter Diktator Ceausescu bereits ruiniert am Boden lag und Flüchtlinge an der grünen Grenze totgeschlagen wurden? War Herta Müller wirklich eine "Dissidentin"? Und wurde sie tatsächlich verfolgt? Ihr Mentor Nikolaus Berwanger, Banater Schwabe NR. 1, Vertrauensmann der Kommunisten, Chef der "Neuen Banater Zeitung" und des "Adam-Müller.Guttenbrunn-Literaturkreis" setzte sich im Jahr 1984 in die BRD ab. In einem Interview in der Politik-Zeitschrift "Düsseldorfer Debatte" mit Volker Kaukoreit "Zwischen den Stühlen" 1988, Nr. 2 nimmt der Förderer jener jungen Literaten N. Berwanger( auch der so genannten "Aktionsgruppe Banat") Stellung zur angeblichen Dissidenz von Herta Müller, indem er betont: "Ebenso erstaunt bin ich zu hören, daß Herta Müller in Rumänien eine Dissidentin gewesen sein soll. Sie hat dort noch 1985 veröffentlicht." "Bis zum 31. August 1984, als ich aus Temeswar abfuhr, hatte Herta Müller kein Schreibverbot.Sie erhielt in Rumänien insgesamt drei Preise." Herta Müller erhält einen Preis des ZK des VKJ für ihren Debütband "Niederungen", Kriterion Verlag 1982. N. Berwanger findet es nicht richtig, dass die deutschen Autoren aus dem Umfeld der AG und des AMGK ihre in Rumänien ( von der KP ) erhaltenen Preise hier in der BRD verschweigen. Diese Aussagen des wichtigsten Literatur-Mäzens im Banat zur Zeit der Ceausescu-Diktatur sind leider bisher überhört worden. Die differenzierte Diskussion beginnt erst. Als ehemaliger Bürgerrechtler während der Ceausescu-Diktatur bzw. als Mitbegründer der ersten freien Gewerkschaft rumänischer Werktätiger SLOMR habe ich einen "Offenen Brief an Herta Müller" formuliert - mit vielen Fragen, die noch nicht beantwortet sind. Herta Müller hat die Fragen ihrer Kritiker bisher ignoriert. Jetzt aber wird die Weltöffentlichkeit Fragen aufwerfen, in deren Mittelpunkt die "moralische und politische Integrität" der gestern mit dem Nobelpreis ausgezeichneten, kontroversierten Literatin steht. Die Welt will wissen, was Sache ist. William Totok, selbst bei Ceausescu in Haft und mit den Repressionsmethoden totalitärer Systeme wohl vertraut, weiß,dass eine vollständige Vergangenheitsaufarbeitung und -bewältigung nur auf der Grundlage von Fakten erfolgen kann, nicht auf Mythen. Es nutzt nicht viel, einige Zitate zur Diskussion zu stellen, die eine angebliche Verfolgung attestieren - es kommt auf die Präsentation aller Dokumente an. Herta Müllers unzulänglicher Versuch einer Selbstrechtfertigung in DIE ZEIT Nr.31, 2009, unter dem Titel " Die Securitate ist noch im Dienst", hat den Katalog der Fragen noch weiter ausgeweitet. Carl Gibson
cosmo72 09.10.2009
4. Securitate und Stasi heute - der Albtraum lebt
*Ma Chere - hier ist die Gegenwart! Wach auf und mach was mit Deinen 5 Minuten "Ruhm"! * Von 02:17 - Schockierend, peinlich und verstörend wie diese Frau in der Vergangenheit lebt, den Menschen "daherschwatzt" wie sicher und frei Sie sich in Deutschland fühlt ... zumindest wenn ich Ihren Aussagen aus diesem Beitrag der Tagesthemen folge... (http://tagesschau.vo.llnwd.net/d3/video/2009/1008/TV-20091008-2315-3201.h264.mp4) weil ich den Unterschied kenne... *oder wenn ein Geheimdienst in die Wohnung geht, wenn man nicht zu Hause ist... (http://de.wikipedia.org/wiki/Online-Durchsuchung) * und landet dann beim Geheimdienst ... (http://www.sueddeutsche.de/politik/887/314783/text/) *aus der ZEIT: Indect – der Traum der EU vom Polizeistaat - Ein Forschungsprojekt soll Wege finden, Informationen aus dem Netz, aus Datenbanken und von Überwachungskameras zu verbinden – zu einem automatischen Bevölkerungsscanner. (http://www.zeit.de/digital/datenschutz/2009-09/indect-ueberwachung) * Rette Deine Freiheit!!! (http://www.youtube.com/watch?v=OwrMroEiHj0) Auch Sie sind Terrorist lieber Leser!!! (http://www.youtube.com/watch?v=SGD2q2vewzQ)
mark anton, 09.10.2009
5. Es musste Frau Mueller sein, die den Mut hat, Menschenrechtsverbrechen nach WW2 anzu
anzuklagen in Form eines auf geschichtliche Ereignisse geschriebenen Romans. Viele Laender haben sich am "Freiwild Deutsche" vergriffen, bes. in Sowjetunion, Balkan, angrenzende Laender rund um Deutschland. als haette man nichts aus der Geschichte gelernt. Aber auch ueber Maos China, Cuba, Nordkorea hat sich bisher niemand gefunden, diese dunklen Kapitel aufzuklaeren. Grundsaetzlich gilt, wer auch immer Menschenrechtsverbrechen begeht, gehoert moralisch auf die Anklagebank, niemand darf sich in quasi einem Naturschutzpark waehnen, dies gilt fuer radikale Idiologien als auch Religionen gleichermaassen. Wichtiger als geschliffene Wortwendungen ist ueberhaupt die Geschichte wahrheitsgemaess aufzuklaeren, ob in Form von Buechern, Filmen oder sonstigen medialen Bereichen.
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