Nora Bossong über Prostitution Eine Frau dringt ein

Garantiert vergnügungsteuerpflichtig: Nora Bossong hat sich ins "Rotlicht" begeben und mit ihrem Aufklärungsbuch ein neues Standardwerk über Sex und Prostitution geschaffen.

Passanten gehen in Frankfurt am Main an einer Erotik-Bar vorbei
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Passanten gehen in Frankfurt am Main an einer Erotik-Bar vorbei

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Rot, was sonst. Das Puffzimmer ist in Liebe getaucht, in dem sich Nora Bossong für ihre Recherche auf einmal alleine wiederfindet. Die Wände, die Laken, alles rot. Sie sitzt auf dem Bett, sieht die Gummihandschuhe und den Lichtschalter mit dem Tieraufkleber, lässt ihre Hände übers Laken gleiten. Und zuckt zurück: "Aber natürlich, wie anmaßend, ja fast obszön ist es von mir, tatsächlich zu glauben, ich könnte mich in die Frau hineinversetzen, die in diesem Zimmer arbeitete, wäre nicht gerade Januar, Urlaubszeit."

Die Mittdreißigerin, Autorin zweier Romane, hat sich mit "Rotlicht" an ein ethnografisches Projekt gewagt, in dem es zwingend dazugehört, dass sie ihre eigene Position als teilnehmende Beobachterin stets mit infrage stellt. Einer der vielen tollen Momente dieses Buchs über Sex und Prostitution, über ein Bedürfnis und seine Machtstruktur. Und so zieht Bossong die Bettdecke weg, bis alle Thesen ganz nackig sind.

Autorin Bossong am 14. Oktober 2015 auf der Frankfurter Buchmesse
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Autorin Bossong am 14. Oktober 2015 auf der Frankfurter Buchmesse

Natürlich ist das Thema überfrachtet: Es geht um Lust und Sexualität, um Körper und Identitäten, um Normen, Gesetze (Vergnügungsteuer!) und Geschäfte - und darum, wer denn definiert, was richtig ist und was falsch. Es ist eine Debatte, die im Feminismus permanent geführt wird und in der die Positionen von Alice Schwarzer ("PorNo") und Charlotte Roche ("PorYes") sehr weit auseinanderliegen, um einmal zwei Vertreterinnen zu nennen, die selbst nur von außen draufschauen.

Bossong aber versucht etwas aufregend anderes. Sie setzt am Dreh- und Angelpunkt des Komplexes an: Frauen sind im System Rotlicht eigentlich nur in einer Rolle vorgesehen - und zwar als Dienstleisterin. Und so machte Bossong sich auf, ein "Fehler im System, eine Art Machttransvestit", zu sein, in jener Welt, in der es normal ist, dass ein Mann dem anderen zuzwinkert, ob er "Girls" wolle, weil: Was sollte er sonst wollen. "Ich [...] wollte nicht mehr verschämt am System vorbeigehen, kichernd im Wissen, dass eine ganze Welt mir verschlossen ist, obwohl ich längst nicht mehr elf Jahre alt bin", so Bossong.

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Nora Bossong:
Rotlicht

Hanser, 240 Seiten; 20 Euro

Schon nach den ersten Seiten ist klar: "Rotlicht" hat das Zeug zum neuen (nicht nur feministischen) Standardwerk, wenn es um das Geschäft mit Sexualität geht - und die Rolle der Frauen dabei. Das liegt vor allem an der analytischen Schärfe, mit der Nora Bossong zu Werke geht. Sie macht transparent, wie sich ihre eigene Wahrnehmung verändert, je mehr Prostituierte, Poledancerinnen, Tantramasseusen, Aussteigerinnen, Sexshopbetreiber und Zuhälter sie spricht. Und dass es letztlich auch eine Form privilegierter Arroganz sein kann, es sich zu leisten, "zwischen Prostitution und Sexualität nicht zu unterscheiden".

Dass dieses Buch so eindringlich Wirkung zeigt, liegt an Bossongs Blick: Sie lässt Räume sichtbar werden, die Frauen sonst nur sehen, wenn sie dort arbeiten. Gewissenhaft und nüchtern wie wenn eine Tierärztin erzählt, die eben noch mit ihrem Arm bis zur Achsel in einer Kuh verschwunden war, um ein Kalb ans Licht zu zerren.

So zeigt Bossong, wie eine Tänzerin einem älteren Mann sacht über den Wollpulli streichelt, wie einer anderen ein Puschel zwischen den Pobacken baumelt. Sie schaut sich alle glitzernden und körperflüssigkeitsfleckigen Facetten an - in einer Tabledance-Bar im Frankfurter Bahnhofsviertel, einem Tantra-Studio in Köln, dem Pink Palace auf der Reeperbahn (wo sie übrigens auch mal war, um über eine Kermani-Inszenierung zu berichten) und am abgerockten Ende der Kurfürstenstraße in Berlin. Mal alleine, mal hat sie Hanno dabei oder Victor oder Daniel, als Schutzschild, als Türöffner, als Mitfreier, als Gesprächspartner. Für den männlichen Blick auf die Dinge.

Prostituierte nahe dem Straßenstrich an der Kurfürstenstraße in Berlin
picture alliance / Wolfram Stein

Prostituierte nahe dem Straßenstrich an der Kurfürstenstraße in Berlin

Am stärksten ist Bossong immer dann, wenn sie tatsächlich in Räume - na ja: - eindringt, zu denen sie eigentlich keinen Zutritt hat. Etwa wenn sie sich selbst in die Rolle derjenigen begibt, die Geld für Intimität bezahlt. So bucht sie einen Termin bei einer Tantra-Masseuse und stellt fest: "Ich war nackt, ich habe Geld bezahlt. Prostitution war es ganz sicher nicht, auf was ich mich mit Anna einließ." Aber was war sie dann in dem Handel? Eine Freierin?

Wie Bossong hier und in anderen Kontexten ganz genau auslotet, wie brüchig die Definitionen sind, mit denen wir diese Transaktionen umreißen, und wie unverlässlich ihre Bedeutungsgrenzen, ist lehrreich wie ein Aufklärungsbuch. Sie erhellt im Wortsinn alles, was gerne leichtfertig unter "Rotlicht" subsumiert wird. Und nebenbei unsere antrainierten Klischees und unsere Rollen als Frauen und Männer.

Ihr sei das Lachen vergangen, schreibt Bossong am Schluss. "Ich habe in dem System mitgespielt und Grenzen überschritten, auch meine eigenen", was "sich oft einfach wie ein knallharter Verlust anfühlte."

Aber Bossongs Buch ist ein astreines Mittel gegen das Gschamig-Sein. Und damit hochpolitisch: Denn nur wer genau hinschaut, kann ungerechte Strukturen bekämpfen. Allein der komplizierte Gesetzgebungsprozess zum geplanten neuen Prostituiertenschutzgesetz zeigt, wie uneindeutig die Situation bis heute ist, wenn Geld auf Lust trifft.

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insgesamt 33 Beiträge
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Seite 1
lies.das 22.02.2017
1.
Zitat: "Nora Bossong hat sich ins "Rotlicht" begeben und mit ihrem Aufklärungsbuch ein neues Standardwerk über Sex und Prostitution geschaffen." Ein "Standard-Werk" muss sich medial und wissenschaftlich erst mal eine Zeitlang bewähren, sonst ist es lediglich PR .Es gibt kein "neues Standard-Werk" - das klingt genauso crazy wie "alternative Fakten".
EMU 22.02.2017
2. Schreck lass nach
---Zitat--- in der die Positionen von Alice Schwarzer ("PorNo") und Charlotte Roche ("PorYes") sehr weit auseinanderliegen, um einmal zwei Vertreterinnen zu nennen, die selbst nur von außen draufschauen. ---Zitatende--- Kopfkino: Der Versuch von Alice Schwarzer, nicht mehr nur "von außen" draufzuschauen. Andererseits, mitzumachen wäre vermutlich das effektivste, was sie tun kann wenn sie Prostitution ernsthaft bekämpfen will...
Charlie Whiting 22.02.2017
3. so
Mich interessieren weniger die Details als die Frage wie man Zwangsprostitution wirksam bekämpft, wenn so viele Entscheidungsträger das selbst gerne in Anspruch nehmen und/oder mitverdienen...
torstenschäfer 22.02.2017
4. Medien-Mechanismen
Du musst die große Welle machen, um mit deinem Buch aufzufallen. Und du musst die große Welle machen, um deinen Artikel über ein Buch auch platzieren zu können. Das sind zumindest die Gesetzmäßigkeiten des Boulevard, und bei SPON sind wir mittendrin. Zitat: "Dass dieses Buch so eindringlich Wirkung zeigt, liegt an Bossongs Blick: Sie lässt Räume sichtbar werden, die Frauen sonst nur sehen, wenn sie dort arbeiten." Wahnsinn, hat es ja zuvor noch nie gegeben, dass Frauen über das Milieu aus eigenem Erleben heraus schreiben. So viel unfreiwillige Komik ist dann schon wieder recht unterhaltsam.
daslebenistkeinponyhof 22.02.2017
5. Unterwelt
Ich frage mich, wann mal jemand sich traut, die Wahrheit über das Milieu auszupacken. Egal welches Buch, oder welchen Bericht man liest, es ist alles weichgekocht und verharmlost. Ständig liest man von Frauen, die Ihren Job so gerne machen und sich nichts anderes vorstellen könnten, oder von Bordellen, die ja ach so sauber und gut organisiert seien. Ich könnte jedesmal kotzen, wenn ich sowas lese. Ich bin 28 und seit etwa 5 Jahren Prostituierte. 3 Jahre davon habe ich erst freiwillig, dann gezwungenermaßen für einen Zuhälter gearbeitet. Heute kämpfe ich damit, den Weg zurück ins normale (arbeits)leben zu finden. Was ich in dieser Zeit gesehen und erlebt habe, hat nie jemand ausgesprochen und wahrscheinlich auch nie ein Journalist gesehen. Frauen, die weinend, mit blauen Flecken übersäht in den Club kommen, nachdem Sie ihren Zuhältern auf dem Parkplatz vor dem Club nicht genügend bares gebracht haben um dann mit Freiern im Zimmer zu verschwinden, die die blauen Flecken wahrscheinlich übersehen haben... Oder die machenschaften von diversen kriminellen Vereinigungen und Motorradclubs, die so gut wie das ganze Milieu steuern und kontrollieren. Hat das niemand gesehen? Man müsste sich nur mal nach Feierabend vor die Läden stellen und gucken wieviele Panameras ihre Schäfchen abholen... Warum redet da keiner drüber? Oder das es Clubs und Privathäuser gibt, die offiziell für den tabulosen Service ihrer "weiblichen Gäste" werben. Die Frauen haben da Sex ohne Kondom, "reinspritzen" kostet selbstverständlich extra. Redet auch niemand drüber. Durch die kommende Meldepflicht von Prostituierten wird ein Großteil noch mehr in die illegalität abrutschen und was dort aus den Frauen werden soll bleibt mir ein Rätsel. Ich brauche nicht noch ein Buch darüber, wie toll die roten Wände in den Etablissements aussehen.
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