"Peehs Liebe" Begehren auf Pflegestufe drei

Heiminsasse träumt von Pflegerin - oder doch von einer ganz anderen Frau? Norbert Scheuers Roman "Peehs Liebe" ist das überraschendste Buch zum Altern, das in der deutschsprachigen Literatur seit langem geschrieben wurde. Gibt es einem alten Mann doch viel mehr als seine Würde zurück: die Liebe.

Norbert Scheuer
Elvira Scheuer

Norbert Scheuer

Von


Von allen Orten, einem Mann näher zu kommen, dürfte das Altersheim einer der ungewöhnlichsten sein. Besonders dann, wenn die Frau in dieser Beziehung noch keine 30 ist, der Mann aber über 70, geistig und körperlich hinfällig, zur Kommunikation kaum mehr fähig. Sie pflegt ihn mit einer Sorgfalt, die ohne Liebe nicht vorstellbar ist. Sie macht sich schön für ihn, knöpft ihre Bluse auf, zeigt ihm ihren Busen, nimmt es hin, dass sich, wenn sie ihn duscht, sein Geschlecht aufrichtet.

Aber sind die beiden überhaupt ein Paar? Er hält sie anscheinend für jemand ganz anderen - nicht für Annie, seine Pflegerin im Heim, sondern für seine Jugendliebe: für Peeh; einer der vielen Namen in diesem Buch, die ebenso wenig alltäglich sind, wie der Ort und die Geschichte selbst.

Rosarius Delamot, neben Annie die Hauptfigur dieses Buchs, hat Peeh zum ersten Mal gesehen, als er ein Heranwachsender war. In der Nachkriegszeit hatte es sie, die eigentlich Petra heißt, als junges Mädchen gemeinsam mit ihrer Mutter in die Eifel verschlagen: Nach Kall, den Ort, in dem Norbert Scheuers Geschichten größtenteils spielen. Mit "Überm Rauschen", seinem vorigen Buch, hatte Scheuer 2009 einen Roman verfasst, der es bis auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises brachte und der voller Schwung vom Milieu einer Dorfkneipe, von der Liebe und dem Nicht-Klarkommen mit der Welt erzählte.

In "Peehs Liebe" ist der Schnaps gestrichen. Hier wird gewaschen, gekämmt, aber bitte rasch, denn mehr lässt der Pflegeschlüssel nicht zu - und ab und zu ein Tupfer Creme, damit die Augenbrauen des Patienten nicht zu sehr abstehen. Der Ton der Erzählung ist dementsprechend weniger schwungvoll als in "Überm Rauschen", sondern tastend, die Atmosphäre ist verdichtet in einzelne, oft nur wenige Seiten lange Abschnitte - so intensiv erzählt als bliebe, wie in den letzten Tagen eines Menschen, vielleicht nur noch diese eine, spät aufgeblätterte Seite. Scheuers Thema aber ist das gleiche geblieben wie in den Büchern davor: Empfindsamkeit als eine Begabung, die das Leben zugleich erschwert und bereichert.

Eine schöne Seele

Eine Trennung zwischen Vergangenheit und Gegenwart erscheint in "Peehs Liebe", dessen Handlung sich über sieben Jahrzehnte erstreckt, ebenso unnötig wie die zwischen dem wirklich Erlebtem und dem Ausgedachten. So, wie Delamot nicht zwischen Peeh und Annie zu unterscheiden scheint, berichtet er in den aus seiner Perspektive erzählten Einschüben auf eine Weise aus seinem Leben, die zwar klarsichtig wirkt, aber doch nie völlig glaubhaft ist: Davon, wie er als Kind weder wuchs noch sprach. Von seiner Mutter, die als Außenseiterin des Ortes schon in den vierziger und fünfziger Jahren ihre Männer wechselte, als wäre gerade das Zeitalter der freien Liebe ausgerufen worden.

Von jenem Mann, der einer seiner möglichen Väter sein könnte. Von den zahlreichen Expeditionen in die Ferne, die er lediglich im Kopf, auf dem Beifahrersitz des Lastwagens des örtlichen Steinbruchs unternommen hat. Und natürlich von Peeh. Irgendwann, als er erwachsen war und ein erfolgreicher Fußballspieler, sei er ihr zufällig wieder begegnet, mit ihr zusammengekommen, ganz kurz nur - und habe sie dann nie wieder gesehen.

"Peehs Liebe" ist kein Buch über all das, was dem Leser ansonsten an Horrornachrichten aus der Gerontologie entgegenschlägt: Es dreht sich ebenso wenig um Demenz und Wundliegen wie um das Klischee von der Liaison mit einem älteren Mann, bei der es nur ums Geld geht - ist das einzige Vermögen, das Rosarius Delamot besitzt, doch völlig immateriell. Annie weiß dies, weil sie ihm Gehör schenkt und als Einzige in Delamot das erkennt, was Zeit seines Lebens kaum jemand wahrnehmen wollte: eine schöne Seele.

Träumerisch, über alle Widrigkeiten erhaben, ist die von ganz verschiedenen Spielarten des Begehrens und des Begehrtwerdens befeuerte und dabei doch geradezu mystisch unkörperlich wirkende Beziehung von Annie und Rosarius ebenso einzigartig wie dieser Roman. Oder verhält es sich umgekehrt? Dann wäre dieses vom Geist tiefer Zuneigung erfüllte Buch ebenso einmalig wie seine Hauptfiguren.

Gibt es einem alten Mann doch viel mehr als die Würde zurück: die Liebe - und ist so das überraschendste, poetischste Buch zum Altwerden, das in der deutschsprachigen Literatur seit langem geschrieben wurde.

Zuletzt auf SPIEGEL ONLINE rezensiert: John Lanchesters "Kapital", Edwartd Lewis Wallants "Mr Moonbloom", Ayad Akhtars "Himmelssucher", Clemens J. Setz' "Indigo", J. J. Sullivans "Pulphead", Stephan Thomes "Fliehkräfte"und Rainald Goetz' "Johann Holtrop".

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
theovonstetten 31.10.2012
1. Phantasien
Also, ich schäme mich doch ein wenig, dies zu lesen. Mir Verlaub, lieber Autor, dieses Buch klingt doch zu sehr nach Männerphantasie als dass ich es ernst nehmen könnte.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.