Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Bundeswehr in Afghanistan: Das deutsche Unglück wird am Hindukusch bekämpft

Von

Bundeswehr in Kundus: Im Dilemma Zur Großansicht
DPA

Bundeswehr in Kundus: Im Dilemma

Leise Zweifel statt vorgestanzter Antworten: In "Die Sprache der Vögel" erzählt Norbert Scheuer auf unheroische Weise von einem Sanitätsgefreiten. Ihn hat die Flucht vor sich selbst nach Afghanistan geführt.

Im kleinen Café des Supermarkts seines Heimatorts fiel Nobert Scheuer irgendwann im Winter ein Gast auf: Ein bärtiger, junger Mann. Der trug abgewetzte Cordhosen und einen viel zu großen Bundeswehrparka. Die deutsche Flagge am Ärmel hatte er abgetrennt. Neben ihm saß eine Schildkröte - fast wie ein lebendiger Stahlhelm.

Was sich liest wie eine Passage aus Scheuers neuem Roman, steht dort im Nachwort. Als Verweis auf die Realität hinter der Geschichte. Und doch ist die Szene ein typischer Norbert-Scheuer-Moment: Ein Moment, in dem das Unwahrscheinliche auf das Alltägliche trifft. Ein Moment, von dem ausgehend Scheuer, der die Welt mit feinem Sensorium beobachtet, in die Ferne schweift - um dann in der Gedanken- und Seelenwelt seines Protagonisten anzukommen.

Er habe den Besucher im Supermarkt angesprochen, schreibt er im Nachwort. Und habe, davon inspiriert, "Die Sprache der Vögel" aufgeschrieben.

Feldlager hinter Stacheldraht

Der Roman erzählt von Paul Arimond, einem Sanitätsgefreiten der Bundeswehr, der in den Jahren 2003 und 2004 in Afghanistan stationiert ist. Es sind keine politischen Motive, die Arimond zum Bund geführt haben. Und auch nicht die Abenteuerlust, der Spaß am schweren Gerät, die andere zum Auslandseinsatz locken.

Paul Arimond ist auf der Flucht vor sich selbst. Wie Scheuer kommt Arimond aus dem Eifelstädtchen Kall, wie in Scheuers vorigen Büchern, so "Peehs Liebe" und "Überm Rauschen", nimmt die Geschichte hier ihren Anfang.

Erzählte der für den Deutschen Buchpreis nominierte Roman "Überm Rauschen" mit viel Schwung und viel Feingefühl vom individuellen Unglück am Beispiel einer Gastwirtschaft, vom Fliegenfischen und von zwei Brüdern, die ebenfalls Arimond mit Nachnamen hießen, so ging es in "Peehs Liebe" ums Altwerden, um die Sehnsucht nach einer Frau und nach der Ferne.

Einen Teil dieser Themen variiert Scheuer: So sind diesmal nicht Fische, sondern Vögel diejenigen Tiere, denen die Leidenschaft der Hauptfigur gilt, weil sie mit den Menschen nicht klarkommt.

Das Feldlager mit Soldaten aus vier Nationen darf Arimond nicht ohne Genehmigung verlassen. Doch je länger der 24-Jährige im Camp kaserniert ist, umso größer seine Sehnsucht nach dem türkisschimmernden See jenseits des Stacheldrahts, den er vom Holzturm des Lagers aus entdeckt hat. Mit dem Fernglas meint der Soldat, ein ganzes Vogelbiotop ausmachen zu können.

Dilemma der Bundeswehr

Im Käfig ist hier nicht der Vogel, sondern der Soldat. Führt man Scheuers Gedanken zu Ende, beschreibt er beiläufig auch ein Dilemma der Bundeswehr in Afghanistan: Wie sollen die Soldaten des Westens die Freiheit am Hindukusch verteidigen oder zumindest für sie werben, wenn sie in diesem Land gleichsam Gefangene sind?

Die eigene Lage macht nicht nur Arimond zu schaffen, sondern auch seinen Kameraden. Der eine verzweifelt, weil ihm, tausende Kilometer von zu Hause entfernt, die Beziehung zu seiner Frau entgleitet, ein anderer stürzt sich in ein manisches Trainingsprogramm, ein dritter dreht regelrecht durch. Viele trinken, nehmen Drogen. Wirklich frei ist keiner von ihnen. Frei sind nur die Vögel.

So ist weniger der Kampf gegen die Taliban die entscheidende Herausforderung für Scheuers Figuren - wenn auch immer wieder von Raketenbeschuss und Talibanangriffen auf Armeelastwagen die Rede ist, von Hubschraubereinsätzen und Fahrten im Spähpanzer -, sondern der Kampf gegen das eigene Unglück.

Leise, gänzlich unheroisch

Der Versuch, das Reizthema Afghanistaneinsatz in einem Roman aufzugreifen, ist bislang meist misslungen, so zuletzt Linus Reichlin mit der Abenteuergeschichte "Das Leuchten in der Ferne". Scheuer verzichtet ebenso darauf, politisch-militärische Linien aufzuzeichnen, wie auf den Spannungsbogen eines Kampfeinsatzes, der sich bei einer derartigen Geschichte aufdrängen könnte. Ebenso wenig fällt er ein moralisches Urteil.

Das Individuum Paul Arimond und seine Kameraden sind keine allgemeingültigen Figuren, an deren Beispiel sich der Bundeswehreinsatz kritisieren oder rechtfertigen ließe. Und doch führt die Frage, die Scheuer stellt, zu einer allgemeingültigen Frage: Denn wer wissen will, was diese jungen Männer denn in Afghanistan ausrichten wollen, der landet letztlich auch bei der Frage, was der Westen denn in Afghanistan ausrichten will.

In einer Zeit, in der Bundespräsident Gauck und die Bundesregierung auf schleichendem Wege die Militarisierung der Außenpolitik vorantreiben, können derartige Fragen nicht oft genug gestellt werden.

Gerade, wenn man dazu keine vorgestanzte Antwort beizutragen hat, sondern ein leises, ein gänzlich unheroisches Buch wie "Die Sprache der Vögel".

LITERATUR SPIEGEL auf Facebook

Anzeige

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Eine hervorragende
frank57 09.03.2015
Rezension......vor allem das Fazit finde ich bemerkenswert, weil absolut richtig! Wenn diese schleichende Militarisierung voranschreitet finden wir uns bald in einer Situation wieder in die der normale Bürger nicht hin will! Diesbezüglich nehmen weder der BP noch die BK Ihre Verantwortung wahr....im Gegenteil: Versagen auf der ganzen Linie!
2.
Oberleerer 09.03.2015
Wer bitte geht aus Abenteuerlust und Freude am schweren Gerät zum Bund ??? Eher ein paar Nazis oder perspektivlose Unterschichtler können ihre Vita aufpeppen. Auf der anderen Seite gibt es noch die späteren Manager. In der Schweiz und einigen anderen Ländern ist es nicht unüblich, daß man Armeeerfahrung für höhere Posten braucht, bzw. die Verbindungen dort sogar geknüpft werden. Aber aus Abenteuerlust zum Bewachen der Turkmenistan-Pipline?
3.
markus.k 09.03.2015
Zitat von OberleererWer bitte geht aus Abenteuerlust und Freude am schweren Gerät zum Bund ??? Eher ein paar Nazis oder perspektivlose Unterschichtler können ihre Vita aufpeppen. Auf der anderen Seite gibt es noch die späteren Manager. In der Schweiz und einigen anderen Ländern ist es nicht unüblich, daß man Armeeerfahrung für höhere Posten braucht, bzw. die Verbindungen dort sogar geknüpft werden. Aber aus Abenteuerlust zum Bewachen der Turkmenistan-Pipline?
Naja, damals ging man aus Solidarität mit, weil man sich zurecht im Irakkrieg verweigert hatte. Ein völlig sinnloser Einsatz mit unnötigen Toten. Was sollen deutsche Soldaten dort? Das kann heute keiner mehr aus der Politik schlüssig beantworten.
4. Traurig
ralfrichter 11.03.2015
und für diesen Wahnsinn und Desaster wurden über 50 deutsche Soldaten geopfert und wer weiss wie viele 100 traumatisiert...
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




SPIEGEL ONLINE
Was lesen? Was kaufen? Was verschenken?

Die aktuelle Taschenbuch-Bestsellerliste: Welche Titel sind gerade heiß begehrt.

Jede Woche bei SPIEGEL ONLINE.

Übersicht: Alle Bestseller



Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: