Civil-Rights-Kurzgeschichten "Ich weiß nicht, wie du das aushältst"

Ihr Leben war eine lange Improvisation - als Filmemacherin, Dichterin und Aktivistin. 1988 starb Kathleen Collins, viel zu früh. Nun sind ihre großartigen, lange verschollenen Storys auf Deutsch erschienen.

Bürgerrechtsdemonstration in Birmingham (Alabama), 1963
AP

Bürgerrechtsdemonstration in Birmingham (Alabama), 1963


Jahrzehntelang schlummerten die Texte, um die es hier geht, in einer Truhe - darin geborgen wie in einer Zeitkapsel. Und es dauerte bis in das Jahr 2016, ehe die Amerikanerin Nina Collins deren Inhalt endlich sichtete und die neben Tagebuchaufzeichnungen und einer Handvoll Theaterstücke darin geborgenen Storys ihrer 1988 46-jährig verstorbenen Mutter Kathleen publizierte.

Sie sicherte Kathleen Collins damit posthum nicht nur einen Platz unter Amerikas bedeutendsten Kurzgeschichtenautorinnen dieser Jahre. Sondern sie fügte der literarischen Black History Amerikas damit ein überaus interessantes Versatzstück hinzu.

Autorin Kathleen Collins
Douglas Collins

Autorin Kathleen Collins

Zu entdecken ist in dem unter dem Titel "Nur einmal" nun auch auf deutsch vorliegenden Band eine Künstlerin, die bis zuletzt auf den unterschiedlichsten Ebenen agierte. Denn Kathleen Collins war sowohl Schriftstellerin als auch Filmemacherin, die in der Beschreibung alltäglicher Szenarien stets und wie selbstverständlich deren politische Hintergründe mitbeleuchtete, um über fragwürdig gewordene Konzepte wie Rasse, Geschlecht oder Herkunft nachzudenken.

1942 in New Jersey geboren, war Collins - künstlerisch betrachtet - ein Kind der Sechzigerjahre. Ihre Geschichten wurzeln im politisch aufgeheizten Amerika der frühen Sechzigerjahre. Atmosphärisch dicht beschwören sie jene besondere Zeit, von der allem voran die Ermordung Kennedys und Lyndon B. Johnsons Abschaffung der bestehenden Rassentrennung durch den vom ihm initiierten "Civil Rights Act" im Jahr 1964 in Erinnerung bleiben werden.

Kämpferisch beschworene Traditionen

So hat jener New Yorker Sommer des Jahres 1963, in den Collins' Stories zurückblenden, etwas von einem überhitzten Laboratorium, in dem einander abweisend gegenüber stehende chemische Elemente jeden Moment eine riesige Explosion auszulösen scheinen. Denn mit dem Kennedy-Attentat wird der Traum eines neuen und scheinbar wieder jungen, zu allem fähigen Amerikas jäh niedergestreckt.

Mittendrin: all die von Collins feinfühlig beschriebenen, in ihrer Sehnsucht nach einer besseren, offeneren US-Gesellschaft auf die Straße getriebenen Aktivistinnen, Kämpferinnen und Studenten, die sie ihre Anliegen jeweils in einer ganz eigenen Sprache artikulieren lässt. Das changiert zwischen ruppigen Verzweiflungsreden sich notorisch ignoriert und ausgegrenzt fühlender Schwarzer und dem zärtlichen Wispern all jener, die in jenem heißen Sommer im Schatten ihrer Kämpfe der Liebe frönen.

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Kathleen Collins:
Nur einmal

Storys

Aus dem amerikanischen Englisch von Brigitte Jakobeit und Volker Oldenburg

Kampa, 192 Seiten, 20 Euro

"Ich weiß nicht, wie du das aushältst!" sagt in dem Stück "Zerrissene Seele" einer stellvertretend für all jene, die sich - ganz gleich ob schwarz oder weiß - zur damaligen Bürgerrechts-Szene zählten und für eine bessere Zukunft stritten. "Die Apartheid frisst an unserer Würde, aber sie lässt uns wenigstens unsere Kultur. Wir haben noch unsere Wurzeln, unsere Traditionen."

Und eben diese beschwört Kathleen Collins immer neu kämpferisch. Entsprechend hat man bei der Lektüre ihrer Storys das Gefühl, als mischte sich da seinerzeit in seiner Mehrdimensionalität der Geist James Baldwins mit dem von Toni Morrison zu einem einem neuen, literarisch hochinteressantem Amalgam. Und wo dereinst Alice Walkers Roman "Die Farbe Lila" 1982 die Schwärmereien junger Schwarzer für eine Volkskultur, zu der sie keine Beziehung mehr haben, thematisierte, da bieten Wurzeln und Traditionen Collins Geschöpfen im Kampf für ihre Rechte sehr wohl noch Halt.

"Das Leben erzählen"

"Mein Leben ist eine lange Improvisation" bekennt ein namenloser Ich-Erzähler gleich zu Beginn des Stücks "Innen". Gleiches muss für Kathleen Collins selbst gegolten haben, die als Dozentin für Filmgeschichte am New Yorker City College lehrte, wenn sie nicht am Schreibtisch saß und Storys schrieb, im Schneideraum Filme sichtete (wie für ihren Spielfilm "Losing Ground", der die Ehekrise einer Philosophie-Professorin beschreibt und 1983 unter dem Titel "Auf schwankendem Grund" im deutschen Fernsehen lief) oder für die Rechte der Schwarzen kämpfte (1962 warb sie in Georgia für das Wahlrecht).

Lässt man das nicht eben lange, aber offenbar bis zuletzt höchst intensive Leben dieser afroamerikanischen Dichterin Revue passieren, so tritt einem daraus eine Person entgegen, die ihre diversen Talente stets improvisatorisch in Kunst überführte.

Darin erinnern ihre Arbeiten an die ihres Landsmannes John Cassavetes. Denn ähnlich wie der Vater des amerikanischen Independent-Films, der in Arbeiten wie "Shadows" (1959) oder "Faces" (1968) bewusst auf freie Improvisationen setzte statt strikten Drehbuchvorgaben zu folgen, um - wie er das nannte -, "das Leben zu erzählen", leben auch Collins Storys von ihrer bisweilen geradezu entwaffnenden Direktheit und Spontaneität. Das vor allem verleiht ihnen ihre nach wie vor bestechende Authentizität.



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ambulans 13.11.2018
1. naja,
der artikel ist schon reichlich einseitig - lässt er doch explizites (schriftliche darstellungen/zeugnisse) wie james baldwin (immerhin auf der seite am rand erwähnt) oder vielleicht malcolm x außen vor. dass es (statt john cassavetes, "stellvertretend" für den film - gabs da nicht auch sowas wie off-hollywood?) praktisch keinerlei nennung äußerst relevanter musik-heroen wie etwa the last poets, gil scott heron sowie reichlich viele andere afroamerikanische jazzer gibt, tut allerdings wirklich weh ...
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