"Nussschale" von Ian McEwan Hier ist alles Bauchgefühl

Mmh, durch die Plazenta dekantierter Burgunder: Der große britische Schriftsteller Ian McEwan lässt den Helden seines neuen Romans aus dem Mutterbauch heraus erzählen - "Hamlet" aus unwahrscheinlicher Perspektive.

Der britische Autor Ian McEwan
Annalena McAfee

Der britische Autor Ian McEwan


Die Kunst, einen guten Roman zu schreiben, besteht im Weglassen und in der Beschränkung. Kaum ein zeitgenössischer Schriftsteller versteht das besser als Ian McEwan. Seine Romane von "Der Zementgarten" über "Saturday" bis zuletzt "Kindeswohl" belegen eindrucksvoll seinen Sinn für erzählerische Effizienz.

Jetzt, zum Shakespeare-Jahr 2016, fügt er seinem heterogenen Werk eine Verbeugung vor der Welt größtem Dramatiker hinzu. Zumindest eine angedeutete: McEwan nimmt in "Nussschale" das Motiv des Brudermords aus "Hamlet" auf, verlegt den Schauplatz des Geschehens vom dänischen Königshof ins heutige London.

Er wählt für diese Hommage eine denkbar ungewöhnliche Perspektive - die Geschichte wird von einem ungeborenen Kind erzählt, das, hilflos im Bauch der Mörderin in spe eingeschlossen, zum einzigen Zeugen eines Komplotts zwischen seiner Mutter und ihrem Schwager wird. Ein Held, der nichts sagen, nichts sehen und nichts tun kann - das Kriterium größtmöglicher Beschränkung hat McEwan erfüllt.

Ein Fötus, so eloquent wie ein Oxford-Absolvent

Was nach einem literarischen Experiment klingt, das auf Kurzgeschichtenlänge funktionieren mag, trägt McEwan lässig über knapp 300 Seiten. Weil er seinen Helden mit einer unwiderstehlichen Eleganz erzählen lässt, die von Bernhard Robben kongenial ins Deutsche übertragen wurde. Weil McEwan es versteht, einer klassischen Dreiecksgeschichte dank des unsichtbaren Vierten neues Leben einzuhauchen, und Spannung aufzubauen, die sich vor allem aus der Hilflosigkeit des Helden nährt. Und weil er weiß, dass man, um mit einer so radikalen Idee durchzukommen, nicht nur Mut braucht, sondern viel Humor.

Denn natürlich ist sich McEwan darüber bewusst, wie schnell es lächerlich wirken kann, wenn er einen Fötus mit einer Eloquenz erzählen lässt, die der eines Oxford-Absolventen in nichts nachsteht.

Also macht er sich darüber lustig: Er gönnt seinem ungeborenen Helden ein schier übermenschliches Gehör und die Fähigkeit zum analytischen Denken. So kann er die finsteren Ränke belauschen und verstehen, die Trudy und Claude (Gertrude und Claudius in "Hamlet") schmieden: "Ich beginne, meine Situation zu begreifen, kann denken ebenso wie fühlen. Also. Meine Mutter hat meinem Vater den Bruder vorgezogen, ihren Mann betrogen, ihren Sohn ins Unglück gestürzt. Mein Onkel hat seinem Bruder die Frau gestohlen, den Vater seines Neffen hintergangen, den Sohn seiner Schwägerin zutiefst beleidigt. Mein Vater ist von Natur aus schutzlos, ich bin es durch die Umstände."

Schwangere Frau
Getty Images

Schwangere Frau

Bitter-ironischer Kommentar zum desolaten Zustand der Welt

McEwan lässt seinen Erzähler eine unwahrscheinliche Menge an Wissen ansammeln, aus dem Radio, dem Fernsehen und aus den Podcasts, von denen seine Mutter sich jede Nacht in den Schlaf schaukeln lässt. Er spricht über Wein wie ein Kenner, was viel damit zu tun hat, dass seine Mutter trotz fortgeschrittener Schwangerschaft kräftig kippt ("Wie herrlich ein durch die Plazenta dekantierter Burgunder schmeckt"). Er versteht viel von Poesie; sein Vater ist ein so engagierter wie mäßig erfolgreicher Dichter und Verleger, der vergebens versucht, die Liebe seiner Frau mittels selbstgeschmiedeter oder angeeigneter Verse zurückzugewinnen.

Für seinen Onkel hingegen, einen geistlosen, aber virilen Tunichtgut, mit dessen Penis er öfter Bekanntschaft macht als ihm lieb ist, hat er nur Spott und Verachtung übrig: "Er ist ein Mann, der ständig pfeift, keine Lieder, sondern TV-Jingles, Klingeltöne, der den Morgen mit Nokias Verhunzung von Tárrega begrüßt."

Im Bewusstseinsstrom des Erzählers mischen sich Shakespeare und Sylvia Plath, Freud und Hobbes, die Klimakatastrophe und sogar die aktuelle Flüchtlingswelle: "Europa, diese alte Dame, windet sich in ihren Träumen, schwankt zwischen Mitleid und Furcht, zwischen Einladen und Zurückweisen. Diese Woche gefühlsduselig und freundlich, in der nächsten hartherzig und ach so vernünftig, dabei will sie durchaus helfen, nur will sie nicht teilen, will nicht verlieren, was sie hat."

Die Wahl eines maximal unwahrscheinlichen Helden ist nicht nur erzählerisches Gimmick, nicht nur ein Seht-mal-womit-ich-durchkomme. McEwan erzählt von uns allen, vom modernen Menschen, der einem steten Fluss an Informationen ausgesetzt ist, der analysiert und filtert und nachdenkt - und doch am Ende nicht zu einer Haltung kommt, die mehr ist als ironische Distanz, als ein flüchtiger Standpunkt: heute das Maß aller Dinge, morgen schon obsolet.

McEwans Geschichte, und das ist ihre größte Stärke, funktioniert auf vielen Ebenen: als bitter-ironischer Kommentar zum desolaten Zustand der Welt, als wahnwitziges literarisches Experiment - und als zeitgenössischer Roman noir. Mit der düsteren Konsequenz und dem Fatalismus, die man aus den besten Filmen der Schwarzen Serie kennt, aus Billy Wilders "Frau ohne Gewissen" oder Tay Garnetts "Im Netz der Leidenschaften". Nur dass der Held, der - sehenden Auges, aber unfähig zu handeln - in die Katastrophe schliddert, kein von Geldgier und Lust Getriebener ist, dessen Zeit abgelaufen ist. Sondern jemand, dessen Leben noch nicht einmal begonnen hat.

Und der sich dennoch schon die bekannte Frage stellt: Sein oder Nichtsein.

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insgesamt 1 Beitrag
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Seite 1
nolabel 27.10.2016
1. Nussssschale
Nichts gegen Ian McEwan, aber als "kongenialer" Übersetzer hätte ich einen anderen Titel gewählt, auch wenn es die richtige Übersetzung von Nutshell ist. So ein Rechtschreibungsmonstrum schon auf dem Cover zu sehen, tut weh.
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