Obama als Kinderbuchautor Hysterie um 31 harmlose Seiten

Barack Obamas erstes Kinderbuch ist eine Liebeserklärung an die Ideale der USA und feiert die Eintracht der Nation. Doch die ist längst passé, wie die Reaktionen auf das schmale Bändchen zeigen: Die Konservativen verdammen es als anti-amerikanische Streitschrift.

DPA/ Random House

Von , New York


Es findet sich fast versteckt, in einem Regal im ersten Obergeschoss, zwischen "Giraffes Can't Dance" und "Dinosaurs Love Underpants", einer etwas albernen Chronik prähistorischer Zeiten. Die Präsentation ist unauffällig, ohne Werbung - anders als beim Memoiren-Machwerk seines Vorgängers, das einem unten gleich am Eingang en masse aufgedrängt wird.

Wer Barack Obamas neuestes Buch sucht, muss sich schon anstrengen, trotz einer Erstauflage von 500.000 Stück. Der Autor, hauptberuflich Präsident der Vereinigten Staaten, geht nicht auf Lesereise, tingelt nicht durch die Talkshows, lässt sich zu seinem Werk nicht interviewen. Er gibt sich also auch in dieser Hinsicht anders als Altpräsident George W. Bush, der seine unaufrichtigen Memoiren dieser Tage multimedial verhökert - nächster Stop: Jay Lenos "Tonight Show".

Nein, Obamas jüngstes Werk ist am Dienstag vergleichsweise geräuschlos in die US-Läden gekommen. Schließlich ist es ja auch kein Buch, das die Kommentatoren erregen soll, das den Hohepriestern der Rezension vorab zugesteckt wurde, etwa Michiko Kakutani von der "New York Times" oder Brian Reynolds Myers vom "Atlantic", der just den US-Literaturpapst Jonathan Franzen verrissen hat.

Denn "Of Thee I Sing: A Letter to My Daughters", gerade mal 31 Seiten stark, mit großer Schrift und im großen Format gedruckt und mit Illustrationen von Loren Long versehen, ist ein Bilderbuch für Kinder, ein "Brief" an seine Töchter Malia und Sasha - auf den ersten Blick jedenfalls.

Obama hat eine schlichte, elegant illustrierte, poetische Meditation über amerikanische Ideale verfasst. Und über dreizehn historische Helden, an denen sich die Kids (und ihre Eltern) ein Vorbild nehmen sollten - etwa an Abraham Lincoln, an Martin Luther King oder an dem Sioux-Häuptling Sitting Bull.

Doch das reale Amerika ist heute weit von Obamas Idealen entfernt - und aus eben diesem Grund wird seine harmlose Erbauungsliteratur zum Politikum. Zumindest für die "usual suspects", die Chefpatrioten in den konservativen US-Medien. "Nicht vor Kontroversen sicher", unkt das "Wall Street Journal" über das Buch, während sein Schwesterkanal Fox News es mit einer historisch unrichtigen Schlagzeile bedenkt: "Obama preist Indianerhäuptling, der US-General umbrachte." Dass Sitting Bull seinen Rivalen, Kavalleriegeneral George Armstrong Custer, selbst umgebracht haben soll, dürfte Historikern neu sein.

Landesvater Obama will die Kinder Besonnenheit und Toleranz lehren. Seine Widersacher reagieren aber wie auf Kommando mit Hysterie.

Ungleiches Duell der Hobby-Literaten

Dabei war klar, dass Obama selbst mit einem Bilderbuch keine versöhnlichen Reaktionen hervorrufen würde. Schließlich ist er zurzeit Amerikas Prügelknabe Nummer eins, Lieblingsfeind der Rechten und der Linken, demoliert, demontiert und degradiert zum Sündenbock für alles, was gerade schiefläuft. Obama zu bekritteln, ist in etwa so beliebt wie über Sarah Palin zu lästern.

Kein Wunder also, dass auch in sein jüngstes, eher unverfänglich erscheinendes Unterfangen alle möglichen Motive hineingelesen werden. Versteckte Agitation? Verkappte Rede an die Nation? Nostalgische Erinnerung an die eigenen Erfolge?

Dagegen reüssiert Obamas ideologischer Gegenpol, Bush II., gerade in allen Lesestuben mit seiner eigenen, offenbar streckenweise abgeschriebenen Geschichtsklitterung "Decision Points" - und flankiert damit den politischen Revisionismus der Republikaner, der im Moment en vogue ist und Obama so schwer zu schaffen macht.

Es ist ein ungleiches Duell der Hobby-Literaten. Dabei ist "Of Thee I Sing" kaum mehr als eine Mixtur anrührender Gemeinplätze. Für jede zur Nationaltugend verklärte Eigenschaft fährt Obama meist altbekannte Protagonisten aus Amerikas Heldenkanon auf: George Washington ist "patriotisch", Albert Einstein "klug", der schwarze Baseball-Pionier Jackie Robinson "tapfer", Neil Armstrong "abenteuerlustig", die Malerin Georgia O'Keefe "kreativ" und die taubblinde Autorin Hellen Keller "stark".

Vom Pop-Bestseller zur Polit-Parabel

Über die Rollenbesetzung mag man sich streiten, die Botschaft aber ist klar. Der Präsident beschwört eine Vision Amerikas, die noch vor zwei Jahren die Welt in den Bann schlug und ihn selbst ins Weiße Haus beförderte.

Ein Amerika der sentimentalen Selbstlosigkeit: "Habe ich dir heute schon gesagt, wie wundervoll du bist?" Ein Amerika asketischer Ästhetik: "Sie half uns, große Schönheit im Kleinen zu sehen." Und - in einem etwas seltsamen Eintrag über die Bildhauerin Maya Lin - ein Amerika der städtebaulichen Ehrenmale: "Der öffentliche Raum sollte von Kunst belebt sein."

Man mag es Obama nachsehen, dass er die rosa Brille aufgesetzt hat, zumal er "Of Thee I Sing" in den magischen Monaten zwischen Wahlsieg und Vereidigung verfasste, als die Nation noch ganz in Eintracht zu schwelgen schien. Man mag es ihm nachsehen, dass es sich dabei anfangs um reine Vertragsarbeit handelte, das dritte von drei Büchern, zu denen Obama sich 2004 als junger Hoffnungsträger in einem 1,9-Millionen-Dollar-Deal beim Verlag Random House verpflichtet hatte; alle Erlöse gehen an die Kinder gefallener oder verletzter US-Soldaten.

Die beiden ersten Obama-Werke ("Hoffnung wagen", "Ein amerikanischer Traum") wurden zu inspirierenden Pop-Bestsellern. Das dritte wird nun ungewollt zur Polit-Parabel.

Domestiziertes Indianer-Klischee

Plötzlich wirken Obamas Worte an die Kids wie ein Appell an die Unschuld des Wählers, auf dass der sich "auf all das besinnt, was gut ist an unserer Nation". Denn Eintracht 2008 ist Zwietracht 2010. "Obama stürzt ab", triumphiert Fox-News-Papst Glenn Beck. Er hat voriges Jahr selbst ein Bilderbuch herausgebracht: "The Christmas Sweater", eine nicht minder sentimentale Ode an Amerikas "verlorene" Werte: Familie, Liebe, Glaube.

"Sitting Bull war ein Sioux-Medizinmann, der gebrochene Herzen und gebrochene Versprechen heilte", schreibt Obama vieldeutig über seinen "kontroversesten" ("USA Today") Helden. Dass die Konservativen sich darüber so erregen, ist fast schon lustig. Immerhin kämpfte Sitting Bull gegen die übermächtige Zentralregierung und wäre damit wahrscheinlich ein begeistertes Mitglied der Tea-Party-Bewegung.

Sitting Bull besiegte seinen Rivalen, Kavalleriegeneral George Armstrong Custer, am Little Bighorn. Custer fiel, aber - wie gesagt - nicht von Sitting Bulls Hand. Der Häuptling wurde später in Buffalo Bills "Wild West Show" als Klischee-Rothaut vorgeführt, schließlich starb er selbst im Kugelhagel. Dieses trübe Ende freilich lässt Obama aus.

Stattdessen lässt er die Legenden hochleben. "Ein Mann namens Abraham Lincoln", schreibt er über den Vorvater, der sich ebenfalls mit einer "geteilten Nation" abzuplagen hatte, "wusste, dass ganz Amerika zusammenarbeiten muss." 1858 war das, als Lincoln seine flammende Rede über das "gespaltene Haus" hielt. Drei Jahre später versank Amerika im Bürgerkrieg.



insgesamt 53 Beiträge
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Seite 1
Höhlentroll 18.11.2010
1. Schön geschrieben ...
... und sehr wahr. Glenn Beck allerdings als "Fox-News-Papst" zu bezeichnen, ist eine Beleidigung ggü. Benedikt XVI. Denn Glenn Beck ist nichts als ein elendiger Volksverhetzer.
unterländer 18.11.2010
2. Er nu wieder ....
Zitat von sysopBarack Obamas erstes Kinderbuch ist eine Liebeserklärung an die Ideale der USA und feiert die Eintracht der Nation. Doch die ist längst passé, wie die Reaktionen auf das schmale Bändchen zeigen: Die Konservativen verdammen es als anti-amerikanische Streitschrift. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,729519,00.html
Ist es spon denn nicht peinlich, diese Lobhudelei auf den amtierenden Präsidenten ins Netz zu stellen? Vor allem der Vergleich zwischen Bushs und Obamas Verhalten bei der Präsentation regt zu Heiterkeit an. Der eine ist nun mal amtierender Präsi und der andere Ex. D.h. der eine muss sich etwas mehr Zurückhaltung auferlegen. Daraus gleich eine Eloge auf das integre Verhalten des Lieblingsliebling des Herrn Pitzke zu basteln ist bestenfalls naiv.
Sveto 18.11.2010
3. ???
Zitat von sysopBarack Obamas erstes Kinderbuch ist eine Liebeserklärung an die Ideale der USA und feiert die Eintracht der Nation. Doch die ist längst passé, wie die Reaktionen auf das schmale Bändchen zeigen: Die Konservativen verdammen es als anti-amerikanische Streitschrift. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,729519,00.html
Wozu eigentlich diese ständigen Gehässigkeiten ("Machwerk")? Das ist Gossen-Journalimus!
jörg seifert 18.11.2010
4. Re Obama
---Zitat--- Dabei war klar, dass Obama selbst mit einem Bilderbuch keine versöhnlichen Reaktionen hervorrufen würde. Schließlich ist er zurzeit Amerikas Prügelknabe Nr. 1 ---Zitatende--- Na als ob da nicht die Journalisten wesentlich dran Schuld wären, die Herrn Obama nach seiner Wahl mit Lob und Vorschusslorberen überhäuften. Mit einem Funken Verstand hätte man damals wohl ahnen können, dass er diesen Erwartungen niemals hätte gerecht werden können, und die resultierende Enttäuschung früher oder später in Hass umschlagen würde. Die Leute reagieren halt sehr mürrisch wenn man Ihnen den Messias ankündigt, und der sich dann als Insolvenzverwalter eines komplett bankrotten Staates herausstellt, und nichts anderes kann als vom Teleprompter abzulesen was ihm die Lobbyisten in der Wallstreet vorgegeben haben.
fatherted98 18.11.2010
5. Man kann sich ....
...nur wundern wozu dieser Mann alles Zeit hat. Das mächtigste Land der Welt regieren und dabei Geld drucken ohne Ende, Krieg führen, mit Drohnen Dörfer bombardieren lassen, Kinderbücher schreiben...wow...wirklich ein Mulitalent.
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