Österreichische Autorin Elfriede Gerstl ist gestorben

Versteckt in Wien überlebte sie als jüdisches Kind das Nazi-Regime, später galt die preisgekrönte Schriftstellerin als engagierte Feministin: Nun ist Elfriede Gerstl im Alter von 76 Jahren verstorben. Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek würdigte sie als eine der wichtigsten Nachkriegsautorinnen.


Wien - "Sie ist immer im Hellen herumgelaufen, schrieb hell und witzig, erlebte aber das Dunkelste, ohne dabei selbst verdunkelt gewesen zu sein in ihrem Wesen und Schreiben", würdigte die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek ihre langjährige Freundin Elfriede Gerstl. Die österreichische Autorin erlag am Donnerstag im Alter von 76 Jahren einem langen Krebsleiden. Das teilte der Literaturverlag Droschl mit.

Autorin Gerstl: Genaue Beobachterin des gesellschaftlichen Lebens
DPA

Autorin Gerstl: Genaue Beobachterin des gesellschaftlichen Lebens

Gerstl, die als Kind jüdischer Eltern die Zeit des Nationalsozialismus in Wien in Verstecken überlebte, war Trägerin zahlreicher Auszeichnungen, darunter der mit 15.000 Euro dotierte Hamburger Ben-Witter-Preis, der Heimrad-Bäcker-Preis 2007 sowie der Erich-Fried-Preis und der Georg Trakl Preis für Lyrik (beide 1999).

Sie verfasste im Laufe ihrer mehr als 50-jährigen Karriere vor allem Gedichte, Essays und kurze Prosastücke und galt als engagierte Feministin. In den sechziger Jahren hielt sie sich wiederholt in Berlin auf.

Gerstl arbeitete nach Angaben ihres Verlags bis zuletzt an einer Sammlung von Gedichten, Träumen, "Denkkrümeln" und Postkarten, die Ende April mit dem Titel "Lebenszeichen" erscheinen soll.

Elfriede Gerstl wurde am 16. Juni 1932 in Wien als Tochter eines jüdischen Zahnarztes geboren. Sie studierte nach dem Krieg Medizin und Psychologie und veröffentlichte seit 1955 vereinzelte Schriften, zunächst in der Zeitschrift "Neue Wege". Ihre erste Buchpublikation war "Gesellschaftsspiele mit mir" (1962), in den Jahren darauf entstand in Berlin das Werk "Spielräume". Zu ihren bekanntesten Veröffentlichungen zählt der Band "Kleiderflug, Schreiben-Sammeln- Lebensräume", der 2007 in erweiterter Form neu publiziert wurde.

Der Schriftsteller Gerhard Ruiss nannte Gerstl nach Angaben der österreichischen Nachrichtenagentur APA eine "sehr genaue Beobachterin des gesellschaftlichen Lebens. Da gibt es keine zweite, die das so erfassen und wiedergeben konnte wie sie." Österreichs Kultusministerin Claudia Schmied sagte, durch Gerstls Tod habe die deutschsprachige Nachkriegsliteratur eine "wichtige Vertreterin verloren, deren Werk in all seiner Bedeutung erst zukünftige Generationen erfassen werden können". Gerstls Verlag würdigte die Autorin als eine "der ganz großen und unbeirrbaren Dichterinnen deutscher Sprache in österreichischer Färbung".

hyc/dpa



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.