Flüchtlingsroman von Abbas Khider Man wird ja wohl noch durchdrehen dürfen

Deutschland streitet über die Flüchtlingskrise, Abbas Khider schreibt, wie sich Flüchtlinge fühlen: In seinem Roman fesselt ein junger Migrant die Beamtin in der Ausländerbehörde, damit sie ihm endlich zuhört.

Abbas Khider schätzt an der deutschen Sprache ihre Knappheit
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Abbas Khider schätzt an der deutschen Sprache ihre Knappheit


Ausgerechnet Kartoffelsalat. Ein paar letzte Bissen der so klischeehaft deutschen Mahlzeit schiebt sich Abbas Khider in den Mund, bevor das Gespräch in einem Berliner Café beginnen kann. Als wolle er noch einmal zeigen, wie vorbildlich integriert er ist. Er, der im Irak geborene einstige Flüchtling, Obdachlose, Asylbewerber, der dieser Tage seinen vierten Roman veröffentlicht. Allesamt sind sie auf Deutsch verfasst, der Sprache seiner Wahlheimat.

Dabei will Khider, 42, gar nicht als Musterimmigrant herhalten. "Ich bin kein Vorbild, kein Symbol", sagt er. "Ich habe einfach nur Glück gehabt." Über das Glück und die Zufälle, die darüber entscheiden, ob ein Ausländer in Deutschland bleiben darf oder abgeschoben wird, hat Khider sein neuestes Buch geschrieben, vier Jahre lang. Die Aktualität des Themas hat ihn jetzt eingeholt.

Zu Beginn von "Ohrfeige" brennen einem jungen Migranten die Sicherungen durch, er fesselt und knebelt die Beamtin der Ausländerbehörde in ihrem Büro und zwingt sie, ihm endlich richtig zuzuhören. Sein Deutsch sei leider nicht gut genug, sagt dieser Karim Mensy, deshalb werde er ihr seine Geschichte auf Arabisch erzählen. Dass sie davon nichts verstehen wird: Pech für ihn, wieder einmal.

Es folgt ein Rückblick auf Karims Leben im Irak, wo er wegen seiner weiblichen Brüste Ächtung fürchtet und flieht. Im Fokus stehen fortan die Jahre als Asylbewerber in Deutschland. Die Eiseskälte in der neuen Heimat ist dabei noch das geringste Problem.

Stärker belasten Karim die Angst vor der Abschiebung, später vor dem Widerruf der Aufenthaltsgenehmigung, die Bürokratie, die Langeweile angesichts von Residenzpflicht und Arbeitsverbot, die Arroganz und der Alltagsrassismus der Deutschen, gerade nach dem 11. September 2001. Die Einzigen, die die Nähe zu den Asylbewerbern suchen, sind Caritas-Mitarbeiter sowie ein paar ältere Herren, die in ihren teuren Autos vor dem Heim warten und auf bezahlten Sex mit den Flüchtlingen hoffen.

"Ich will nicht mit Geistern zusammenleben"

Das Schicksal von Karim weist Parallelen zu Khiders Lebensweg auf, doch der Autor will die Geschichte nicht autobiografisch verstanden wissen. Solche Missdeutungen kennt Khider zur Genüge, schon bei den vorherigen Romanen musste er sich rechtfertigen: "Ich schreibe über reale Personen und wahre Begebenheiten, die ich literarisch verfremde, wenn es notwendig ist."

Khiders Verhältnis zur Vergangenheit bleibt problematisch. "Ich versuche, sie zu ignorieren, vergesse bewusst sehr vieles", sagt er. Würde er sich ständig mit seiner Vergangenheit beschäftigen, könnte er nicht weiterleben. "Unendlich viele Menschen in meiner Umgebung sind gestorben, sie alle sind Geister. Ich will aber nicht mit Geistern zusammenleben." Beim Schreiben sei das anders, schließlich betrachte er es als Arbeit. Dann schöpft er aus den schmerzhaften Erfahrungen, erfindet sie neu, verwandelt Lebensgeschichte in Literatur.

Anfang der Neunzigerjahre verkaufte er als Gymnasiast in Bagdad verbotene Bücher, legte hin und wieder ein regimekritisches Gedicht oder Flugblätter gegen Saddam Hussein bei. Er wurde verraten, landete im Gefängnis. Stockschläge und Elektroschocks ertrug er dort, musste sich als Landesverräter bekennen und Namen von Mitstreitern nennen. "Helden gibt es nur in Hollywood-Filmen", sagt Khider heute, "die Wahrheit sieht ganz anders aus."

Aus den Erfahrungen im Folterknast speist sich sein Roman "Die Orangen des Präsidenten". Khider spart darin nicht an Drastik, aber er findet auch Platz für seine spezielle Art der Lakonie. All seine Bücher durchzieht eine fast kindliche Unbedarftheit, ein schalkhafter Humor.

Wenn er über Folter schreibe, wolle er nicht auch noch die Leser foltern, sagt Khider. Die deutsche Sprache helfe ihm dabei, "sie hat diese Knappheit." Kurze Sätze lägen ihm mehr als lange, sie hätten im Arabischen aber keine Tradition. Deshalb schrieb Khider zwar seine Gedichte bis vor einigen Jahren noch in der Muttersprache, die Romane hingegen ausnahmslos auf Deutsch.

"Was soll ich vom Irak vermissen?"

Im literarisch raffinierten Debüt "Der falsche Inder" ging es um eine Flucht aus dem Irak nach Deutschland, wie sie auch Abbas Khider erlebte. Jordanien, Ägypten, Libyen, Tunesien, Türkei, Griechenland und Italien hießen die Stationen seiner illegalen Reise. Das Ziel: Schweden. Doch im Jahr 2000 nahm ihn ein bayerischer Grenzpolizist fest, Khider musste in Deutschland bleiben.

Fünf Jahre nach seiner Ankunft begann er ein Studium der Literatur und Philosophie. Drei Jahre später erschien Khiders Erstlingsroman. Längst ist er deutscher Staatsbürger, hat Literaturpreise gewonnen und einen kleinen Sohn, einen gebürtigen Berliner. Khiders Alltag ist ein deutscher, er hat fast ausschließlich einheimische Freunde. Doch für "Ohrfeige" sei es ihm wichtig gewesen, sich von Rollen zu distanzieren, sagt er. Er wollte den Roman weder als Asylant noch als Deutscher schreiben, sondern allein als Schriftsteller.

Was hält er von den Rufen nach schneller Integration, die parteiübergreifend zu hören sind? Wenig: "Die Asylbewerber dürfen sich nicht integrieren", sagt Khider, "selbst wenn sie es wollen." Denn sobald Assad in Syrien nicht mehr an der Macht sei, würden viele syrische Flüchtlinge ohnehin wieder abgeschoben - so wie die Iraker nach 2003. "Diese Menschen brauchen einfach nur die Vorstellung von einer Zukunft."

Khider fehlte diese Zukunft im Irak, deshalb floh er. Ob er heute etwas vermisst? Die Familie, antwortet er, die er wegen des IS in den vergangenen beiden Jahren nicht besuchen konnte. Sonst nichts? "Ich habe als Kind mit Waffen gespielt, in der Grundschule wurden vor meinen Augen fahnenflüchtige Soldaten hingerichtet. Was soll ich vermissen?"

Zum Abschluss darf Abbas Khider noch einen Wunschtraum entwerfen: Wie soll man sich später einmal an ihn erinnern? Der Gefragte überlegt eine Weile, dann zitiert er Nabokov. Über dessen Figur Sebastian Knight, einen Romancier, heißt es in einem Nachruf: "Er hatte eigentlich zwei Perioden - in der ersten war er ein langweiliger Mann, der gebrochenes Englisch schrieb, in der zweiten war er ein gebrochener Mann und schrieb langweiliges Englisch." Mit spitzbübischem Grinsen bemerkt Khider, er wolle weder als langweiliger Mann gelten noch langweiliges Deutsch schreiben.

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insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
buchstabiererin 02.02.2016
1.
Es wird momentan in Deutschland so viel über das Flüchtlingsthema gesagt, geschrieben und diskutiert, aber meist wenig hilfreich. Diese Buchrezension hat mich sehr neugierig gemacht, endlich mal jemand der weiss, wo die Knackpunkte der Flüchtlingsthematik liegen, und das noch spannend erzählen kann.
giftzwerg 02.02.2016
2. Deutsche Knappheit
Das ist wohl das erste und letzte Mal in meinem Leben, dass ich lese, dass jemand die deutsche Sprache ob ihrer Knappheit rühmt. Da frage ich mich, welche deutschen Werke der Mann im Studium der Literatur und Philosophie eigentlich gelesen hat...
neuronensalat 02.02.2016
3. Das stimmt
Zitat von giftzwergDas ist wohl das erste und letzte Mal in meinem Leben, dass ich lese, dass jemand die deutsche Sprache ob ihrer Knappheit rühmt. Da frage ich mich, welche deutschen Werke der Mann im Studium der Literatur und Philosophie eigentlich gelesen hat...
Ich gebe Ihnen recht, vor allem in der Philosophie habe ich manchmal das Gefühl, dass der Autor nicht wirklich vermitteln kann, was er meint (Heidegger, anyone?), aber es kann gut sein, dass mir das Referenzsystem fehlt, um ihn zu verstehen. Aber das Gute ist: Man kann in deutsch auch sehr schöne kurze Sätze bilden. Man merkt das zum Beispiel in den sehr guten Übersetzungen der frühen Kurzgeschichten von Ernest Hemingway, um nur einen von vielen zu nennen. Aber ja: Es gibt natürlich auch die deutschen Wort- und Satzklöppler, die nicht zufrieden sind, wenn der Satz kürzer als sechs Zeilen ist. Vielleicht hat er ja auch gar nichts gelesen, sondern schreibt einfach nur :-)
mayazi 02.02.2016
4.
Ach, Giftzwerg. Lesen Sie doch etwas genauer. Niemand hat behauptet, dass sämtliche deutsche Literatur in knapper Sprache verfasst worden sei.
frankfreifrank 02.02.2016
5. Exponiert:
Leseprobe bei Hanser. Exposition: STUMM UND STARR VOR ANGST hockt sie in ihrem Drehstuhl, als hätte die Ohrfeige sie betäubt. »Sie ruhig sind und bleiben still!« Ich greife nach dem Packband in meiner Jackentasche, fessle ihre Hände an die Armlehnen und die Fußgelenke an die Stuhlbeine. Mit mehreren Streifen klebe ich ihren rot geschminkten Mund zu. »Nix ich will hören!« So langsam beginne ich, mich zu entspannen. Ich setze mich ihr gegenüber auf den Besucherstuhl, nehme mir ein Blatt Papier von ihrem Schreibtisch, mische etwas Hasch in meinen Tabak und drehe mir eine Zigarette. Ich zünde sie an und atme tief ein. Ganz genüsslich (...) * http://files.hanser.de/hanser/docs/20151211_215121112147-88_978-3-446-25054-3-Leseprobe.pdf
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