Von Sebastian Hammelehle
Vier Personen suchen einen Mann. Unabhängig voneinander, in verschiedenen Ländern und mit unterschiedlichen Mitteln. Sie wissen nicht einmal, dass sie dasselbe Ziel haben: Thomas Cavar - seit September 1995 im Bosnienkrieg vermisst.
15 Jahre später wird Lorenz Adamek, Hauptkommissar in Berlin, von seinem Onkel um einen Gefallen gebeten: Es gebe da einen alten Bekannten, den er aus den Augen verloren habe. Ob er dessen Namen einmal in den polizeilichen Datenbanken recherchieren könnte.
Zur gleichen Zeit stößt in Zagreb die Auslandskorrespondentin Yvonne Ahrens in einer alten Ausgabe eines kroatischen Provinzblatts auf ein Foto, das ihr als Spur erscheint zu einem unaufgeklärten Massaker in der Krajina. Und dann sind da noch zwei Kroaten, im württembergischen Hinterland ein bisschen zu auffällig damit beschäftigt, sich nach Cavar zu erkundigen.
Dass Thomas Cavar höchstwahrscheinlich tatsächlich am Leben blieb, ist schnell klar in Oliver Bottinis Roman - doch die Suche nach ihm ist nur eine von vielen Ebenen dieses vielschichtigen Buchs. Da ist die ganz klassische, fast dem "Tatort"-Klischee entsprungene Geschichte vom Ermittler Adamek, der sich nicht richtig wohlfühlt bei seiner Freundin, die, ausgestattet mit den richtigen DVDs und den richtigen Freunden, in der richtigen Wohnung lebt.
Onkel Ehringer und der Balkan
Schon der schwäbischen Polizeikollegin wegen, die ein bisschen spießiger, aber gerade deshalb auch viel heißer als seine eigene Freundin auf Adamek wirkt, lässt der Kommissar sich auf die Ermittlungen ein. Auch, wenn er seinem Onkel in dieser Sache kaum traut. Das liegt an den politischen Hintergründen: Adameks Onkel Richard Ehringer war unter Hans-Dietrich Genscher Referatsleiter im Auswärtigen Amt, zuständig für den Balkan - in einer Zeit, in der die deutsche Regierung den Unabhängigkeitskurs der Kroaten ausdrücklich unterstützte.
Oliver Bottini verwebt historische Fakten und Krimihandlung mit kühler Präzision. In einem Konflikt, in dem es zahlreiche Fronten gab, schlägt er sich weder auf Seite von Kroaten, Serben oder Bosniern, und wendet sich doch eindeutig gegen die in Deutschland verbreitete Annahme, die Kroaten seien in diesem Krieg die Guten gewesen.
Plumpe Journalistenfiguren sind die Schwäche vieler Kriminalromane. Bottini dagegen setzt den Erzählstrang der Korrespondentin Ahrens gezielt ein: Anhand ihrer Recherchen kann er ein Bild bundesdeutscher Verwicklungen in den Balkankonflikt zeichnen, ohne dass dies, wie in anderen Politkrimis, wirkt, als habe der Autor einen Wikipedia-Eintrag kopiert. Ihre Wucht erhält Bottinis Geschichte gerade dadurch, dass die Bundesregierung als Impulsgeber im Hintergrund immer präsent bleibt.
Bundesaußenminister Genscher habe dem Kroatenführer Tudjman 1991 geraten, die von der jugoslawischen Bundesarmee belagerte Stadt Vukovar nicht mit militärischen Mitteln zu befreien, sagt eine der Romanfiguren, "denn: Vukovar hat ihm und Tudjman perfekt ins Konzept gepasst. Eine Woche nach dem Einmarsch der Serben erklärte Kohl, dass Deutschland noch vor Weihnachten anerkennen wird." Bereits 1991 hatte der SPIEGEL von der These berichtet, Tudjman habe Vukovar geopfert.
Im Jahr 2010 sind es dann schwer durchschaubare Kräfte in Kroatien, die in diesem Buch ihre politischen Intrigen spinnen: Nun geht es um die kroatische Aufnahme in die EU und das in Den Haag erwartete Urteil gegen den kroatischen Kriegsverbrecher Ante Gotovina. Doch so eindeutig Bottinis politische Analyse ist - seine Romanfiguren entziehen sich der schnellen Einordnung. Und so entwickelt sich in diesem ohne Effekthascherei geschriebenen, sprachlich klaren, stimmungsvollen Roman ein vielstimmiges Drama menschlichen und politischen Scheiterns.
Es endet mit der beiläufigen Nachricht, dass Hertha aufsteigt - in der Realität jubelt darüber niemand mehr. Wie passend.
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