Balkankriegs-Thriller: Die Spur? Führt zu Genscher!

Von Sebastian Hammelehle

Kroaten gegen Serben, mittendrin deutsche Ermittler. Der übergeordnete Strippenzieher aber war vor 20 Jahren ein anderer: Bundesaußenminister Genscher. Im Thriller "Der kalte Traum" verwebt Oliver Bottini Fakten und Fiktion - und schafft ein Drama menschlichen und politischen Scheiterns.

Genscher, Tudjman 1997: "Vukovar passte perfekt ins Konzept"Zur Großansicht
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Genscher, Tudjman 1997: "Vukovar passte perfekt ins Konzept"

Vier Personen suchen einen Mann. Unabhängig voneinander, in verschiedenen Ländern und mit unterschiedlichen Mitteln. Sie wissen nicht einmal, dass sie dasselbe Ziel haben: Thomas Cavar - seit September 1995 im Bosnienkrieg vermisst.

15 Jahre später wird Lorenz Adamek, Hauptkommissar in Berlin, von seinem Onkel um einen Gefallen gebeten: Es gebe da einen alten Bekannten, den er aus den Augen verloren habe. Ob er dessen Namen einmal in den polizeilichen Datenbanken recherchieren könnte.

Zur gleichen Zeit stößt in Zagreb die Auslandskorrespondentin Yvonne Ahrens in einer alten Ausgabe eines kroatischen Provinzblatts auf ein Foto, das ihr als Spur erscheint zu einem unaufgeklärten Massaker in der Krajina. Und dann sind da noch zwei Kroaten, im württembergischen Hinterland ein bisschen zu auffällig damit beschäftigt, sich nach Cavar zu erkundigen.

Dass Thomas Cavar höchstwahrscheinlich tatsächlich am Leben blieb, ist schnell klar in Oliver Bottinis Roman - doch die Suche nach ihm ist nur eine von vielen Ebenen dieses vielschichtigen Buchs. Da ist die ganz klassische, fast dem "Tatort"-Klischee entsprungene Geschichte vom Ermittler Adamek, der sich nicht richtig wohlfühlt bei seiner Freundin, die, ausgestattet mit den richtigen DVDs und den richtigen Freunden, in der richtigen Wohnung lebt.

Onkel Ehringer und der Balkan

Schon der schwäbischen Polizeikollegin wegen, die ein bisschen spießiger, aber gerade deshalb auch viel heißer als seine eigene Freundin auf Adamek wirkt, lässt der Kommissar sich auf die Ermittlungen ein. Auch, wenn er seinem Onkel in dieser Sache kaum traut. Das liegt an den politischen Hintergründen: Adameks Onkel Richard Ehringer war unter Hans-Dietrich Genscher Referatsleiter im Auswärtigen Amt, zuständig für den Balkan - in einer Zeit, in der die deutsche Regierung den Unabhängigkeitskurs der Kroaten ausdrücklich unterstützte.

Oliver Bottini verwebt historische Fakten und Krimihandlung mit kühler Präzision. In einem Konflikt, in dem es zahlreiche Fronten gab, schlägt er sich weder auf Seite von Kroaten, Serben oder Bosniern, und wendet sich doch eindeutig gegen die in Deutschland verbreitete Annahme, die Kroaten seien in diesem Krieg die Guten gewesen.

Plumpe Journalistenfiguren sind die Schwäche vieler Kriminalromane. Bottini dagegen setzt den Erzählstrang der Korrespondentin Ahrens gezielt ein: Anhand ihrer Recherchen kann er ein Bild bundesdeutscher Verwicklungen in den Balkankonflikt zeichnen, ohne dass dies, wie in anderen Politkrimis, wirkt, als habe der Autor einen Wikipedia-Eintrag kopiert. Ihre Wucht erhält Bottinis Geschichte gerade dadurch, dass die Bundesregierung als Impulsgeber im Hintergrund immer präsent bleibt.

Bundesaußenminister Genscher habe dem Kroatenführer Tudjman 1991 geraten, die von der jugoslawischen Bundesarmee belagerte Stadt Vukovar nicht mit militärischen Mitteln zu befreien, sagt eine der Romanfiguren, "denn: Vukovar hat ihm und Tudjman perfekt ins Konzept gepasst. Eine Woche nach dem Einmarsch der Serben erklärte Kohl, dass Deutschland noch vor Weihnachten anerkennen wird." Bereits 1991 hatte der SPIEGEL von der These berichtet, Tudjman habe Vukovar geopfert.

Im Jahr 2010 sind es dann schwer durchschaubare Kräfte in Kroatien, die in diesem Buch ihre politischen Intrigen spinnen: Nun geht es um die kroatische Aufnahme in die EU und das in Den Haag erwartete Urteil gegen den kroatischen Kriegsverbrecher Ante Gotovina. Doch so eindeutig Bottinis politische Analyse ist - seine Romanfiguren entziehen sich der schnellen Einordnung. Und so entwickelt sich in diesem ohne Effekthascherei geschriebenen, sprachlich klaren, stimmungsvollen Roman ein vielstimmiges Drama menschlichen und politischen Scheiterns.

Es endet mit der beiläufigen Nachricht, dass Hertha aufsteigt - in der Realität jubelt darüber niemand mehr. Wie passend.

Zuletzt auf SPIEGEL ONLINE rezensierte Krimis: Peter Temples "Tage des Bösen" , Emilie de Turckheims "Im schönen Monat Mai", Arne Dahls "Gier",Donald Ray Pollocks "Das Handwerk des Teufels", Fred Vargas' "Die Nacht des Zorns" , Sam Hawkens "Die toten Frauen von Juarez" und Matthew Stokoes "High Life".

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insgesamt 18 Beiträge
Emmi 16.05.2012
Manche Wahrheiten werden wohl nur wahrgenommen, wenn sie als Fiktion daherkommen. Dass Genscher alles dafür getan hat, dass Jugoslawien zerschlagen wird - teile und herrsche - ist wohl kaum zu bestreiten. Und damit trägt er und [...]
Manche Wahrheiten werden wohl nur wahrgenommen, wenn sie als Fiktion daherkommen. Dass Genscher alles dafür getan hat, dass Jugoslawien zerschlagen wird - teile und herrsche - ist wohl kaum zu bestreiten. Und damit trägt er und mit ihm Deutschland eine Mitverantwortung für das bis heute andauernde Chaos und die Zersplitterung auf dem Balkan... Der Erbfeind Serbien sollte wieder einmal sterbien...
mow77 16.05.2012
Wieso sollte durch die Unabhängigkeit Sloweniens und Kroatiens Serbien sterbien - das müssen sie mal erklären? Das ist doch derselbe wieder aufgebrühte linksverschwörungstheoretische Schwachsinn, der seit 20 Jahren dazu [...]
Wieso sollte durch die Unabhängigkeit Sloweniens und Kroatiens Serbien sterbien - das müssen sie mal erklären? Das ist doch derselbe wieder aufgebrühte linksverschwörungstheoretische Schwachsinn, der seit 20 Jahren dazu aufgebrüht wird - dt. Neoimperialismus auf dem Balkan und so - furchtbar "kritisch" und total, na, gähn
raven_wolf 16.05.2012
nur Tito Jugoslawien zusammengehalten hat .danach fühlten sich die Kroaten durch den Länderausgleich unterdrückt und da Serbien nicht das Land der Kompromisse ist, schien die Unabhängigkeit die beste Lösung zu sein. Serbien [...]
Zitat von mow77Wieso sollte durch die Unabhängigkeit Sloweniens und Kroatiens Serbien sterbien - das müssen sie mal erklären? Das ist doch derselbe wieder aufgebrühte linksverschwörungstheoretische Schwachsinn, der seit 20 Jahren dazu aufgebrüht wird - dt. Neoimperialismus auf dem Balkan und so - furchtbar "kritisch" und total, na, gähn
nur Tito Jugoslawien zusammengehalten hat .danach fühlten sich die Kroaten durch den Länderausgleich unterdrückt und da Serbien nicht das Land der Kompromisse ist, schien die Unabhängigkeit die beste Lösung zu sein. Serbien aber finanziell abhängig von Kroatien ist .
unimatrix 16.05.2012
Wie kann man eigentlich die hohe Komplexität der Balkankriege auf 3 Sätze reduzieren und wieder dem alten plumpen Muster folgen: Es gibt nur einen Schuldigen? Ich glaube so richtig beschäftigt haben Sie sich damit nicht, sonst [...]
Zitat von raven_wolfnur Tito Jugoslawien zusammengehalten hat .danach fühlten sich die Kroaten durch den Länderausgleich unterdrückt und da Serbien nicht das Land der Kompromisse ist, schien die Unabhängigkeit die beste Lösung zu sein. Serbien aber finanziell abhängig von Kroatien ist .
Wie kann man eigentlich die hohe Komplexität der Balkankriege auf 3 Sätze reduzieren und wieder dem alten plumpen Muster folgen: Es gibt nur einen Schuldigen? Ich glaube so richtig beschäftigt haben Sie sich damit nicht, sonst würden Sie die Probleme und Ursachen nicht versuchen so zu vereinfachen. Ich bilde mir nicht ein, die absolute Wahrheit zu kennen, aber ich war mehrfach da - auch im Einsatz. Mein letzter Einsatz 1999 ging ins Kosovo. Danke für diesen Einsatz! Das war das beste Lehrbeispiel dafür, zukünftig weder auf politische Kanzelpredigten, noch auf die angeblich objektive Berichterstattung deutscher Medien zu vertrauen. Mir hat man von allen Seiten eingebleut, dass die Serben die Bösen sind. Und wissen Sie was? In Prizren habe ich wesentlich mehr serbische Leichen sehen und zählen müssen, als Kosovo-Albaner. Das Vertreiben und Niederbrennen ehemals serbischer Besitztümer war großes Kino, finanziert und veranstaltet von der Mafia UCK/TMK, die hier als die Heilsbringer und Widerstandskämpfer galten. Das diese Typen in Menschen-/ und Drogenhandel involviert sind und waren, und teilweise in Mordkommandos loszogen und Zigeuner in ihren Vierteln "plattmachen" (O-Ton) wollten, war uns nach 3 Wochen bewusst. Ich habe wesentlich mehr Albaner verhaftet als Serben, aber hey, ist ja auch kein Wunder. Es lebten ja nur noch eine handvoll Serben in der Stadt, die dann schlussendlich auch nach Serbien gingen, obwohl sie seit Generationen im Kosovo leben. Ich empfehle Ihnen das Buch "Masken für ein Massaker" Paolo Rumiz. Ich empfehle Ihnen außerdem die Spielfilme "No Man's Land" und "Warriors - Einsatz in Bosnien" der BBC. Die Vorschläge könnten helfen, die völlig einseitige Schuldzuweisung noch einmal zu überdenken - und nicht nur bei Ihnen. Jeder Seite hat Dreck am Stecken und niemand nimmt sich etwas! Auch das, wenn Sie sich erinnern mögen, spiegelte sich in ständig ändernden Bündnissen wider: Bosnier und Kroaten gegen Serben. Serben und Kroaten gegen Bosnier. Dann mal wieder alle gegeneinander, und vor allem zu Beginn die JNA mit Bosniern, Serben und Kroaten gegen ihre jeweils eigene Ethnie. Ich masse mir nicht an, einer Seite die Schuld alleinig zu zuweisen. Nationalisten und religiöse Fanatiker gibt's auf allen Seiten. Die deutsche Seite aber, hat maßgeblich durch Anerkennungen dazu beitragen, dass Jugoslawien zerbricht, alte Rechnungen wieder auf den Tisch gepackt wurden und die schlimmsten Verbrechen der Nachkriegszeit auf europäischem Boden begangen worden sind. Einem langwierigen Krieg, in dem sich Nachbarn, die Jahrzehnte friedlich nebeneinander lebten, abends mit Äxten überfallartig die schlafenden Schädel einschlugen. Die Balkankriege sind nicht in 3 Sätzen zu bewerten. Eine objektive Analyse beschäftigt Menschen, die vermutlich mehr Grips im Kopf haben, als wir beide zusammen.
mow77 16.05.2012
Bin ja ganz bei Ihnen bei dem Gedanken - alles furchtbar kompliziert, jeder hat Dreck am Stecken usw. Schon verstanden, ist klar. Warriors habe ich gesehen, und auch einiges dazu gelesen. Nur scheint es mir eher so, dass die [...]
Bin ja ganz bei Ihnen bei dem Gedanken - alles furchtbar kompliziert, jeder hat Dreck am Stecken usw. Schon verstanden, ist klar. Warriors habe ich gesehen, und auch einiges dazu gelesen. Nur scheint es mir eher so, dass die alten Rechnungen schon lange vor der Anerkennung wieder ausgegraben wurden. DIe Anerkennung für Slowenien bedeutete, dass das Land imerhnin relativ ungeschoren aus dem Schlamassel rauskam. Im Hinblick auf Kroatien war der Krieg damit im Wesentlichen vorüber. Und es ist ja nicht so, als hätte man nicht lange versucht, diesen Staat zusammenzuhalten. Im Fall der Sowietunion hat man sich weniger Mühe gemacht, nicht auszudenken, wenn die Russische Regierung 1991/1992 reagiert hätte wie das Serbien Milosevics. Und wenn der einzige Grund für den Verbleib der Kroaten und Slowenen in Jugoslawien das Argument wäre, dass sonst der "Serbe" durchdreht, ja mei...möchten Sie in so einem Staat leben? Das Deutschland aber Jugoslawien "kaputt" gemacht hätte ist, Verzeihung, gehässiger Quatsch - in Europa ursprünglich von germanophoben französischen und britischen Diplomatenzirken, linken Jugoslawienfans und paranoiden serbischen Politkern gepflegt, aber trotzdem nicht richtiger.
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  • Mittwoch, 16.05.2012 – 14:04 Uhr
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