Olympia im Selbstversuch "Allein das Geräusch des gespannten Bogens!"

Sportlicher gehts nicht: Der Schriftsteller Ilija Trojanow probierte über vier Jahre hinweg alle 80 olympischen Disziplinen selbst aus. Und hat dabei gelernt, welche Sportart zu welchem Charakter passt. Ein Interview von Isabel Metzger


Ilija Trojanow beim Hammerwerfen: In der deutschsprachigen Kultur hätten sich die Intellektuellen vom Sport abgewendet, sagt er. Schwitzen gelte nicht als würdevoll
Thomas Dorn

Ilija Trojanow beim Hammerwerfen: In der deutschsprachigen Kultur hätten sich die Intellektuellen vom Sport abgewendet, sagt er. Schwitzen gelte nicht als würdevoll

Ilija Trojanow, 50, geboren in Sofia, floh mit seinen Eltern als Kind nach Deutschland. Danach wohnte er zunächst in Nairobi, später in Mumbai und Kapstadt. Für seinen Roman "Weltensammler" erhielt er den Preis der Leipziger Buchmesse 2006. Heute lebt Trojanow in Wien - meistens jedenfalls. Für das Interview erreichten wir ihn kurz nach einer Kajakfahrt im Salzkammergut der österreichischen Alpen.

SPIEGEL ONLINE: 80 Disziplinen, 80 Stationen: Für Ihr Buch "Meine Olympiade" sind Sie um die ganze Welt gereist. Ihre ersten Würfe in Judo haben Sie sogar in Tokio probiert. Warum dieser Aufwand?

Trojanow: Eine Sportart erlernt man am besten dort, wo sie tief in die Kultur der Gesellschaft hineinwirkt. Bei einer Disziplin wie dem Ringen muss man dort hingehen, wo sie Nationalsport ist, etwa in den Iran. Und bei Judo eben nach Japan. Dann bekommt man eine Art Doppelbelichtung: Man lernt den Sport kennen und die kulturelle Prägung.

SPIEGEL ONLINE: Spielt die denn heute noch eine Rolle? Gerade die olympischen Sportarten sind ja längst international und nichts Exotisches mehr.

Trojanow: Der Eindruck täuscht. Judo ist geschaffen als Ausdruck einer bestimmten Haltung. Da geht es um eine Vorstellung von Respekt, die fest in der japanischen Kulturgeschichte verankert ist. Die bekommen Sie in Deutschland so nicht mit. Dafür ist in der deutschen Kulturgeschichte dem Turnen eine eigene Bedeutung zugewiesen. Da erkennt man eine militaristische Tradition.

SPIEGEL ONLINE: Als Schriftsteller und auch als Privatmann waren Sie schon in Indien, Simbabwe, Südafrika unterwegs. Gab es für Sie noch Überraschungen?

Trojanow: Natürlich. Nehmen Sie Beachvolleyball, das habe ich mir so vorgestellt, wie man es als Fremder eben tut. Ich habe am Strand von Ipanema in Rio de Janeiro gespielt: hinter mir die grünen Hügel und der Zuckerhut. Doch die Brasilianer trainieren keineswegs alle frei und fröhlich im Sand. Die investieren viel lieber in Hallenvolleyball. Der Sport findet in gut organisierten Klubs statt. Als Tourist sieht man stets nur einen kleinen Ausschnitt einer viel größeren Welt.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Trojanow: Fitnessräume und Sporthallen sind von der Umgebung abgetrennt. Nehmen wir den legendären Gleeson's Gym in Brooklyn. Dort erleben Sie all das, was ich das subkulturelle Kapital des Boxens nenne: die Traditionen und Gesten, die rhetorischen Floskeln, die sozialen Implikationen. Ein sehr investigativer Ort, der zwar in New York ist, aber die dortigen Realitäten nicht unbedingt widerspiegelt.

SPIEGEL ONLINE: Was für eine Kultur haben Sie dann überhaupt beim Sport gesehen?

Trojanow: Jeweils eine spezifische Subkultur. Wie ihre Regeln und Rituale aussehen, hängt natürlich auch von der Herkunft der Teilnehmer ab. In Brooklyn habe ich gesehen: Beim Boxen muss jeder allein zusehen, wie er seinen Zugang findet. Der Trainer, der mir das Turmspringen beibrachte, kam dagegen aus der ehemaligen DDR. Der wirkte auf mich mehr wie ein Rädchen in einem durchstrukturierten System.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch schreiben Sie, der Sport sei eine "geistige Übung", bei der der Mensch Neues entdecken kann. Welche Erkenntnisse stecken in einem Marathonlauf?

Trojanow: Man lernt beim Sport viel über den Menschen, über den Zusammenhang zwischen Körper und Geist. Sehnsüchte werden sichtbar, zwischenmenschliche Beziehungen. Dazu hat jede Sportart ihre eigene Sprache. Das ist eine anthropologische Erhellung.

SPIEGEL ONLINE: Welche menschliche Spezies haben Sie dabei kennengelernt?

Trojanow: Beim Sport trifft man ganz unterschiedliche Typen. Schießen ist etwas für Menschen, die gerne tüfteln und justieren. Langstreckenschwimmen ist was für die Einsamen. Manche beharren auf dem Technischen, manche ergehen sich im Lustvollen. Da erfährt man das Selbstlose eines Trainingspartners ebenso wie die Euphorie des Siegers.

SPIEGEL ONLINE: Welche Träume und Ängste haben Sie selbst wiedergefunden?

Trojanow: Viele Sportarten haben mich emphatisch berührt. Das Turnen war für mich wie eine psychologische Reise. Wie viele andere Menschen habe ich schlechte Erinnerungen an den Turnunterricht in der Schule. Die wenig inspirierten Lehrer, die Überforderung am Reck, die Abkanzlung vor der Klasse: Das wirkte alles wie ein Trauma nach. Bei anderen Disziplinen war ich dagegen positiv überrascht darüber, welchen Reiz sie entfalten können.

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SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Trojanow: Bogenschießen war eine Offenbarung für mich. Das hat eine meditative Komponente, die mir zusagt. Die Sinnlichkeit beseelt mich. Allein das Geräusch des gespannten Bogens! Da kehrt man in eine innere Versenkung ein. Trap und Skeet fand ich dagegen schwierig. Als Zuschauer bekommen Sie das nicht mit: Die Tontauben schießen mit 80 Stundenkilometern an Ihnen vorbei. Es ist schwer, das Gewehr rechtzeitig hochreißen. Man muss beim Sport immer wieder die eigenen Grenzen überwinden.

SPIEGEL ONLINE: Leistungssportler tun das ständig. Genügt für so eine Erkenntnis nicht der einfache Blick in die "Sportschau"?

Trojanow: Unsere Gesellschaft ist heute durchökonomisiert. Wir leben in dem Wahn, dass Zahlen alles ausdrücken können. So auch beim Sport: Für die Zuschauer geht es meistens nur darum, wer der Erste ist. Ich halte das für ein großes Missverständnis. Seine schönste Bedeutung hat der Sport doch erst dann, wenn sich mit Zahlen nichts mehr ausdrücken lässt. In seinen poetischen Momenten, in all den Beglückungen, die das intensivere Leben mit sich bringt. Die vielen messbaren Ziele werden da zur Nebensächlichkeit.

SPIEGEL ONLINE: Gerade die deutschsprachige Literatur hat so ihre Probleme mit dem Sport. Ausflüge auf den Sportplatz gehören eher zur Seltenheit. Warum?

Trojanow: Auch das ist eine Frage der Kultur. In der amerikanischen Literatur gibt es viele kanonische Romane, die Gesellschaft anhand von Sport erzählen. In der deutschsprachigen Kultur haben sich die Intellektuellen aber oft abgewendet. Schwitzen gilt nicht als würdevoll. Anders gesagt: Wer im Elfenbeinturm lebt, der will sich die Hände nicht schmutzig machen. Ich finde, dass dieser vermeintliche Gegensatz zwischen Geist und Körper gar nicht existiert. Sehen Sie sich Muhammad Ali an: Der bewegte sich im Ring wie ein Balletttänzer und redete wie ein begnadeter Rapper.

SPIEGEL ONLINE: Nun steht Olympia an, und wieder geht es um Leistungssport und um Zahlen. Haben Sie jetzt noch Lust die Spiele im Fernsehen anzusehen?

Trojanow: Ich kann mir gut vorstellen, dass ich weniger schaue. Das Fernsehen verkleinert alles. Die Leistung wird nicht sichtbar. Wenn einer rudert, dann wirkt das auf Außenstehende sehr einfach. Dann hat man das Gefühl, der strengt sich gar nicht an. All die technischen Komplexitäten gehen unter. Die Eleganz der Bewegungen vermittelt sich nicht. Und über die kulturellen Hintergründe des Sports sprechen die Moderatoren erst gar nicht.

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