"Oniritti Höhlenbilder" von Botho Strauß  Auf der Suche nach der verlorenen Fantasie

Riesen, Monster und jede Menge Spott auf das virtuelle Zeitalter: Botho Strauß entführt den Leser in seinem bilderfreudigen Buch "Oniritti Höhlenbilder" in fantastische Traumlandschaften.


"Die geheimen Grotten wird nur jemand entdecken, der sich zuvor einen Pfad bahnt durch den beinah undurchdringlichen Dschungel leichtsinniger Kunst." Wo kommen wir dann an, nachdem wir uns durch die dunklen Höhlen und Schächte bewegt und all das Leichte und Seichte abgeschüttelt haben? Vielleicht in "Idle City", einem "Märchenreich der gebrechlichen Seelen", oder bei einer unterirdischen Geburtstagsparty des Königs der Welt?

Die Pfade in Botho Strauß' neuestem Buch "Oniritti Höhlenbilder" sind verschlungen und führen uns in ein Labyrinth jenseits der Sichtbarkeit. Wir treffen auf Menschen aufsaugende Mannequins, brüllende Monster, "Schattensouffleure", Philosophen, die das Zögern verehren und erblicken eine als "Verzeih-Haus" bekannte Holzhütte. Als wären wir ganz aus der Welt gefallen, durchwandern wir in zahlreichen Prosaminiaturen die Landschaften des Träumens.

Statt eine Linie am Ende des Horizonts zu bilden, liegen die Miniaturen aufeinandergeschichtet. Diese Folien zu durchdringen, erfordert das Geschick von Textarchäologen. Sie lassen sich nicht abschrecken von all dem Geröll, das die Oberfläche bedeckt: den unzähligen Displays, "3-D-Arkadenbögen", all den Simulakren und Trugbildern des Web 2.0. Indem sie, gemeint sind die Leser, unbekannte Schichten freilegen, gelangen sie zu neuen Erzählungen.

So liest sich diese virtuose Tiefenbohrung wie ein Gleichnis auf die Suche nach der verlorenen Fantasie. Denn der Kulturkritiker Strauß, neben seiner literarischen Prosa bekannt für seine gesellschaftsanklagenden Essays wie "Anschwellender Bocksgesang" (1993) oder "Das letzte Jahrhundert des Menschen. Was aber kommen wird, ist Netzwerk. Bemerkungen zu Sein und Zeit" (1999), spart nicht mit Hohn und Spott auf das virtuelle Zeitalter.

Die Botschaft seines Textes ist diesbezüglich eindeutig: Das digitale Zeitalter verwässert und lässt die Menschen stumpfsinnig werden, es drängt sie zu permanenter Beschleunigung und leidvoller Transparenz. Dem Dogma der Geschwindigkeit setzt er daher den Wert der Stille, dem der Durchleuchtung den des Geheimnisses entgegen. "Die Taucher, die Meeresgründe plündern, die Höhlenforscher, die die unterirdische Finsternis brechen, [...…] diese überall ausschwärmenden Emsen des Entdeckens stören jene Geister in der Verborgenheit, die über uns Wache halten."

Stilbewusste und ironisch geschmeidige Fabulierkunst

Hier der Fortschrittsdrang, dort die Lust am Verdeckten und Verhüllten. Obgleich diese Oppositionen zunächst recht platt und seniorennörglerisch klingen mögen, gehen sie über die Leier "Früher war alles besser" weit hinaus. Wenn Strauß die Axt an das Hier und Heute legt, dann immer mit Intelligenz. Es ist seiner fantastischen, stets stilbewussten und ironisch geschmeidigen Fabulierkunst zu verdanken, dass das scheinbar Banale Teil eines narrativen Kosmos wird, der durch und durch seinen Reiz bewahrt.

Er führt uns in von Surrealität gezeichnete Parallelwelten, die uns einerseits von der Realität entfernen, und andererseits auf komplexe Weise ein Spiegelbild von ihr entwerfen. Dadurch zeigt er Verschiebungen und Verzerrungen auf und lässt in einer Geschichte einen meckerigen Emeritus mit Provokationslust behaupten, dass zwar die Intelligenz der Menschen abnehme, die der "Strukturen" aber ansteige.

Die Hoffnung angesichts dieser unbehaglichen Gegenwartsdiagnose liegt allein im Erzählen, in der Rückbindung an den Mythos. Es geht um Anstrengung und Widerstand. Die vielen Inhaltssprünge von "Oniritti" und zahllosen Bezüge auf Vergangenheit, Götter und Sagen fordern den Leser in höchstem Maße heraus, sich keiner Gefälligkeit und Abschweifung hinzugeben. Vergesst den Konsum und all die billigen Verführungen, klingt es mal subtil, mal offensiv in den Episoden an.

Was Strauß will, ist Mut zur Enträtselung und Deutung. "Wozu wir träumen? Damit wir lernen: Leben heißt Metaphernprobleme lösen", heißt es an einer Stelle. Die Metapher lädt zur Entschlüsselung ein, verweist auf noch aufzuspürende Unter- und Hintergründe. Erst indem uns der 1944 geborene Autor in das Reich von Riesen und auch in Dantische Höllenkreise entrückt, erlangen wir einen klareren Blick auf unser Leben.

"Oniritti Höhlenbilder" des Grandseigneurs der deutschen Literatur ist ein mit junggebliebener Bilderfreude ersonnener Ritt durch die Wahrnehmungskanäle unserer Spätmoderne. Oder anders gesagt: eine Verzückung zum Lesen.

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Newspeak 12.10.2016
1. ....
Statt eine Linie am Ende des Horizonts zu bilden, liegen die Miniaturen aufeinandergeschichtet. Diese Folien zu durchdringen, erfordert das Geschick von Textarchäologen. Sie lassen sich nicht abschrecken von all dem Geröll, das die Oberfläche bedeckt: den unzähligen Displays, "3-D-Arkadenbögen", all den Simulakren und Trugbildern des Web 2.0. Indem sie, gemeint sind die Leser, unbekannte Schichten freilegen, gelangen sie zu neuen Erzählungen. "Textgeröll", das der Leser aufräumen muß, in dem der Leser die Struktur freilegen muß, das klingt doch eher nach dem Versagen des Schriftstellers, sich trotz aller gewünschen Ausschmückung klar auszudrücken? Oder sollte das schon wieder ein genialischer Kunstgriff sein, in Hinblick auf die geäußerte Technikkritik? Leider weiß man das in der Postmoderne so selten.
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