Oskar-Roehler-Buch Mit Kafka durch Fäkalien waten

Der deutsche Filmbetrieb ist eine einzige Kloake: Oskar Roehlers "Selbstverfickung" ist auf Krawall gebürstet. Doch die Provokation lenkt nicht davon ab, dass der Roman gähnend langweilig ist.

Oskar Roehler
Nadine Fraczkowski für INTERVIEW

Oskar Roehler

Von


"Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, stellte er fest, dass er nicht mehr linksliberal war. Und das war in dieser Gesellschaft schlimmer, als sich in ein ungeheures Ungeziefer verwandelt zu haben."

Mit diesen zwei Sätzen beginnt Oskar Roehlers Roman "Selbstverfickung". Und damit ist eigentlich schon alles gesagt. Er haut mit der Faust auf den Kanon-Aufmerksamkeits-Buzzer - der macht durchdringend "Möööp", fertig. Nicht nur, weil er Kafkas Metamorphosen-Parabel "Verwandlung" aufruft. Und mit "Das wird man wohl noch sagen dürfen"-Rhetorik das böse "linksliberal" untermengt. Nein, Roehler packt seine Version jener Sätze, die zu den bekanntesten der Weltliteratur gehören, zudem als kursiv gedruckten Auftakt vors erste Kapitel. Das dann in Zeile eins mit Aschenbach und Venedig beginnt. Na klar.

Es ist, als packte einer seine dicken Eier gleich mal vorne aufs Cover. In einem irgendwie postmodern eklektischen Move einen wie Samsa überzustülpen für die eigenen Zwecke: klar, warum nicht. Aber der einzige Zweck hier ist das laute "Möööp".

Sein Gregor Samsa, 60, Filmemacher, erschrickt vor dem dräuenden Ende, vor seinem Bedeutungsverlust als Künstler - und seinem Verfall im Allgemeinen. "Früher war mein Kopf voll und mein Bankkonto leer. Heute ist es umgekehrt", sagt er. Er säuft, wirft sich Barbiturate ein, gießt seine Verachtung über alle außer seiner 25-jährigen verwöhnten Barbie-Tochter aus und spuckt tilschweigeresk noch "?!!??!" hinterher.

Sein einziges Mittel gegen die Angst vorm Sterben ist sein Ständer. Und so tingelt er in Berlin von Sexschuppen zu Sexschuppen, dazwischen "ein paar Futterstationen", mit Piccolo, Austern, Champagner. Er ist beglückt, wenn er "eine Stunde lang" eine 50-Jährige "durchbohrt", denn "dieser Fick war sehr gut und sehr ausdauernd und fand ausschließlich in der gleichen Stellung statt". Nur um hernach in ständiger Paranoia zu landen, HIV-infiziert zu sein. Was Besseres als den Tod findet er nicht.

Auf Effekt gebürstet

Diesmal arbeitet sich Roehler zwar nicht wie in anderen Werken an seinen 68er-Eltern, den Autoren Klaus Roehler und Gisela Elsner, ab. Die bewusstseinsströmende Auskotzeritis gehörte auch sonst zu seinem Ton, dann immerhin als Mittel zur kathartischen Reinigung. Und dass er nun parallel mit "Subs" einen Roman von Thor Kunkel verfilmt hat, der sich mittlerweile ausgerechnet als AfD-Werber verdingt, passt zur auf Effekt gebürsteten "Selbstverfickung".

So wirkt auch der Roman wie ein weiterer Kanal für das schlaffe Totschlagargument "Politische Korrektheit": um zu signalisieren, dass es vermeintliche Denk- oder Meinungsschranken gibt in unserer Gesellschaft. Und dabei nur die eigene Haltungslosigkeit kaschieren soll.

Nein, dieses Buch überschreitet keine Grenzen und verstört nur mit seiner Langeweile. Nichts ist provokant daran, ficken, Fotze, Möse, Nutte großzügig auf Buchseiten zu verteilen, seinen Protagonisten von einem Puff in den nächsten zu schicken, ihn von "Lebensborn-Mädchen" faseln zu lassen, das "N-Wort" zu benutzen, sich über Flüchtlinge und Flüchtlingshelfer zu mokieren, überhaupt: sich an dem abzuarbeiten, was unter "political correctness" verstanden wird.

ANZEIGE
Oskar Roehler:
Selbstverfickung

Ullstein; 272 Seiten; gebunden; 20,00 Euro

Es ist kein empörter Kommentar auf eine politisch wankende Gesellschaft. Es liefert keinen erhellend miesepetrigen Blick aufs Nebensächliche. Es ist nur ein Roman über einen, der nichts zu sagen hat außer öden Binsen über die Filmbranche, Berlin-Mitte-Hipster in ihren Ladenlokalen, den Nutzen von Literatur, und das ohne jeden sprachlichen Esprit.

Am Ende hat der Held drei Nervenzusammenbrüche und kraucht auf allen Vieren. Das alles ist reine Krawallshow. Drüber als dünne Lasur die Verweise auf Kafka, Thomas Manns Tod-in-Venedig-Aschenbach, vor einer schlampig nachgebauten Bernhard-Houellebecq-Genazino-Kulisse. Es ist nur Name-Dropping. Es gibt kein Dahinter.

Furzwarme Luft

"Überall, wo er hinsah, wimmelte es von diesen Misanthropen, die voller Häme, Abscheu und Hass waren", so die Perspektive seines Gregor Samsa. Oder mit Blick auf deutsche Filme: "Oft wurde das Ganze mit deutschem Fäkalhumor angereichert, auf den ein programmiertes Publikum mit den entsprechenden Lachsalven antwortete." Abgesehen von der hölzernen Sprache: Ja, diese narzisstische Figur echauffiert sich über eben jene Welthaltung bei anderen, die er selbst lebt. So vorzuführen, dass der Protagonist nur aus heißer, na ja, furzwarmer, Luft besteht: als Erkenntnismoment eine magere Ausbeute.

Es gibt brillante Romane über Figuren ohne Entwicklung, die dafür aber einen Blick offenbaren auf ihr Soziotop, ihre Nachbarschaft, der bereichert; die uns Leser in herrlichste Langeweile katapultieren; die grantelnde Suaden sind, wie die von Wilhelm Genazino, Thomas Bernhard oder Siegfried Kracauer. Es gibt jene, die die Grenze zur Pornografie ausloten und uns unser Verhältnis zu Sex hinterfragen lassen, sei es Nicholson Baker oder Michel Houellebecq. Es gibt Kunst, die uns mit unserem Ekel und Selbstekel konfrontiert, egal ob Roches "Feuchtgebiete", Cindy Shermans Selbstporträts oder eben: Kafkas "Verwandlung".

Und dann gibt es triefende Werke von triefenden alten Männern über triefende alte Männer. Wie Roehlers Erzähler in einem grundlosen Moment der Selbstreferentialität festhält: "Dies ist kein Bildungsroman oder Romanessay, und schon gar keine Autobiographie. [...] Die Schieflage des Tampons in der Nachrichtensprecherin beim Verlesen der Nachrichten. Darum geht es. Das ist die Handlung des Romans."

Zu diesem Untergenre ist nun also noch eins dazugekommen: ein 260-Seiten-Porträt über einen 60-jährigen Typen mit Aufmerksamkeits-Tourette. Und mit einem "harten, alten Schwanz", "der so lange brauchte, bis er endlich abspritzen konnte, dass es für alle eine Qual war". Stimmt: Hier spritzt nix. Eine Qual.

Mehr zum Thema
Newsletter
Bücher: Bestseller und Lesetipps


insgesamt 9 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
licorne 08.09.2017
1.
Na das ist mal ein gewaltiger Verriss! Nach den gelieferten Kostproben scheint er angebracht.
spontifex 08.09.2017
2. Steht
Also lässt der Herr Samsa ihn besser öfter einfach einmal hängen (http://www.spiegel.de/forum/auto/massive-kontrollen-mannheim-bremst-autoposer-aus-thread-500697-16.html#postbit_47012855). Anders nur, wenn der Ständer, ach, doch ein Auto wäre. (http://www.spiegel.de/forum/kultur/streit-um-gedicht-hochschul-fassade-sind-maenner-nicht-auch-huebsch-thread-648348-13.html#postbit_58319465) Dann fänden bestimmt alle gut, wenn er ihn öfter 'mal stehen lässt.
klogschieter 08.09.2017
3. Klassefoto auch
Sinister. Abgehärmte Künstleraskese. Wider den Stachel löckend. Keine Zeit zum Haarewaschen. Eben wie einer, der "durchbohrt" schreibt, wenn er sich über Sex auslässt.
Irene56 09.09.2017
4. Na ja,
die Kritikerin steht dem Autor aber in nichts nach. Statt einer sachlichen Kritik auch hier bevorzugt die Fäkalsprache. Aber das scheint allgemein hip zu sein, nicht nur bei dem kritisierten Werk verdeckt es bei vielen künstlerischen Ergüssen die dahinter lauernde Inhaltslosigkeit. Ganz sicher aber hätten wir hier eine andere Kritik gelesen, hätte der Autor einen anderen Hintergrund gewählt.
sekundo 09.09.2017
5. Vor ein paar Tagen
gab es in der Sendung "Kulturzeit" einen Beitrag über Röhler und seine neues Buch. Man fragt sich, warum!! Da stolziert er in einem weissen Mafia-Anzug daher, sitzt in einer Stretch-Limousine und erzählt dem Publikum, dass es für ihn schon etwas Besonderes sei, Champagner zu trinken und Austern zu schlürfen. Wer will das eigentlich wissen?!? Roehler ist eine eitle Null, die vollkommen überschätzt wird. Wohl aus grossem Mangel an literarischen Alternativen. Schnell vergessen!!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.