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Ostprovinz-Reportage "Deutschboden": Wo Deutschlands wilde Kerle wohnen

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Hartz-IV-Elend und Tankstellenpartys, Bartresen-Schönheiten und rechtsradikale Rocker: Moritz von Uslars "Deutschboden" schildert den Versuch eines Berliner Reporters, das Leben in der ostdeutschen Provinz zu begreifen. Ein böse funkelndes, herzergreifendes Buch.

Reporter Uslar: "Ich freute mich auf den Proll" Zur Großansicht
Andreas Mühe

Reporter Uslar: "Ich freute mich auf den Proll"

Von einem der auszog, eins auf die Fresse zu kriegen, handelt dieses Buch, und genaugenommen hätte sich der Erzähler, der sich abwechselnd "ich" und "der Reporter" nennt, die Prügel echt verdient. Der Kerl sitzt zu Beginn mit seinen Berlin-Mitte-Kumpels in einem wichtigen Hauptstadtlokal bei Steaks und Champagner (gruselige Kombination) und sammelt Kraft für eine monatelange Expedition in die ostdeutsche Provinz. Er will "Hardrockhausen" dort finden, er will irgendeine tolle Geschichte aufspüren, in einem Ort, wo die Menschen echt übel drauf sind: "Ich freute mich auf den Proll. Der Proll, erklärte ich der Runde, der könne gar nicht böse, widerlich, asozial, beinhart und abstoßend genug sein."

Moritz von Uslar, bekannt geworden als Interviewer vor allem fürs "SZ-Magazin", dann eine Weile Kulturredakteur beim SPIEGEL und jetzt bei der "Zeit", hat vor vier Jahren einen Debütroman ("Waldstein") veröffentlicht. In "Deutschboden" erzählt er vom Scheitern eines großen Plans. Denn der Autor dieser "teilnehmenden Beobachtung", wie das Buch im Untertitel heißt, hat zwar eine Kleinstadt im deutschen Osten gefunden, ein idyllisch gelegenes Kaff voller grimmiger, manchmal stumpfer Hartz-IV-Empfänger, voller verstockt böser und nicht selten liebenswerter Menschen. Aber er fand weit und breit keine Geschichte.

Dafür erzählt der Reporter sehr genau von seiner Recherche. Er schont dabei nichts und niemanden. Es geht also um seine eigene Not, mit wildfremden Leuten ins Gespräch zu kommen, um seine leicht lachhafte Kostümierung (er trägt stets einen Hut auf dem Kopf), um eine kleine Stadt voller geduckter Häuser, aufgemotzter Autos und überraschender Anmut: "Unter der Zugbrücke floss die Havel, zur einen Seite ins Grüne, in eine parkähnliche Landschaft hinein, die Bäume und Sträucher hingen ins Wasser, zur anderen Seite in ein hafenartiges Becken mit Schiffsanlegestellen und Schleuse."

Viel Bier, fast nur Männer

Oberhavel heißt der Ort im Buch, in dem sich der Held einmietet in einem billigen Gasthof namens "Haus Heimat". Der Stadtname ist erfunden, aber offensichtlich hat der 1970 geborene Autor Uslar den in "Deutschboden" geschilderten Ausflug so ähnlich unternommen. Im Buch liest man, wie der Reporter in einer anderen Gastwirtschaft ein paar verwegene Männer kennenlernt, die ihm die Stadt und ihre Menschen erklären, wie er zur Bandprobe einer Punkrockband brettert (auf dem Weg dorthin begegnet ihm ein Ortsschild namens "Deutschboden"), wie er tagelang durch die immergleichen Gassen und Industrieruinen irrt. Und wie er zwischendurch nach Berlin flüchtet, von Verzweiflung übermannt: Klar, "alles immer aufregend", lautet sein Stoßseufzer über die Kleinstadt, dennoch "ein großes, alles umfassendes, allmächtiges, alles überstrahlendes Nichts".

Kein Sex, viel Bier, fast nur Männer, Musik und eine Menge komisches, oft rechtsradikales Geschwätz: Davon handelt dieser Bericht. Aber halt auch davon, wie der abenteuerlustige Held neue Freundschaften knüpft, wie er lernt, die wilden, fast durchweg arbeitslosen Kerle von Oberhavel ein bisschen liebzuhaben, wie er ihnen zuhört und ihnen ihre dummen Sprüche vorhält und sich selber merkwürdig vorkommt in seiner Großstadtklugheit. Der Autor Uslar mag seine Expedition in den deutschen Osten mit mehr oder weniger großen Vorbildern im Kopf angetreten haben, mit Ken Kesey oder Tom Wolfe oder Wolfgang Büscher, aber er findet einen eigenen, überraschend beiläufigen, warmherzigen Ton, eine Sprache, die sich nur selten aufplustert und stets um Ruhe bemüht, um eine sozusagen buddhistische Gelassenheit und Vorurteilsverbannung.

Deutschland, ganz unten, rechts

Der Held von "Deutschboden" guckt auf die ostdeutsche Kleinstadtwelt, als hätte man ihm zur Vermeidung unnötiger Schockwirkungen erst mal Jalousien vor die Augen gehängt. Nicht voller brennender Neugier, sondern mit einer Ratlosigkeit, die mitunter hart an Ekel grenzt. "Ich versuchte, noch weniger zu sehen und noch weniger zu denken", schreibt Uslar. "Mein Ideal, die Kür der modernen Reporters, war die, dass ich einfach nur da war, ganz ohne zu denken, ganz ohne einen Schluss zu ziehen. Was kam beim Denken schon groß heraus? Doch nur der immer selbe, uralte Mist, der alles immer nur aufs Neue vollkommen falsch verstand. Da besser: das Verstehenwollen von Anfang an bleiben lassen. Mit Dämmeraugen, den trüben, halb geschlossenen, wollte ich hinblicken, und nur das wiedergeben, was sich an kleinen Bewegungen vollzog. Das im Kleinen genau beschreiben, was im großen Ganzen keinen Sinn ergab: finale Übung, mein Reporterglück."

In dieser Denk- und Erklärverweigerung steckt natürlich eine Provokation. Ein Hohn auf das ehrbare Reporterhandwerk, wie es von vielen Kisch-Preisträgern, in der "Zeit", in der "Süddeutschen Zeitung" und im SPIEGEL von mutigen Frauen und Männern betrieben wird: Sie alle ziehen aus, um sich und der Welt die Schrecken der Welt ein wenig mehr begreiflich zu machen. Kann Uslar recht haben, wenn er behauptet, dass das Reporterwerkzeug dieser Frauen und Männer manchmal ein bisschen abgestumpft wirkt, dass ihre Sätze sich austauschbar anhören und ihre Erklärungen wie vorgestanzt?

Dem "Deutschboden"-Leser bleibt die Antwort selbst überlassen. Wie das Denken überhaupt: Natürlich kann man fragen, warum es im Deutschland des Jahres 2010 interessant sein soll, mit Kleinstadtprolls im abgehängten Osten herumzuhängen, ob es nicht lohnendere Ziele für so eine Reise in den Bauch der Republik gegeben hätte, bevölkert von klügeren, schöneren, kreativeren Menschen, von Hipstern oder Weltverbesserern, strahlenden Siegern oder glamourösen Verlierertypen. Das ist ein triftiger Einwand gegen Uslars Buch - und jeder, der ihn macht, sollte sich gleich auf die Reise an seinen favorisierten deutschen Abrock-Ort machen. Der Autor Moritz von Uslar hat sich nun halt mal auf den Weg zum Provinzproll gemacht, nach Deutschland, ganz unten, rechts.

Im Übrigen erscheinen diesen Herbst viele hochgelobte Bücher, deren Urheber offenbar allwissend sind. Sie benutzen ihre Figuren vor allem zur Beweisführung. Selbst in tollen Romanen wie Jonathan Frantzens "Freiheit" oder Ian McEwans "Solar", sogar in Doron Rabinovicis "Andernorts", begegnet man mehr oder weniger lächerlichen Helden, die von ihren Schöpfern souverän vorgeführt werden. So einen schlauen olympischen Erzähler wird man in Uslars "Deutschboden" nicht finden. In Uslars Buch blicken der Held und sein Erzähler immer gleich null oder gleich weit durch, hier ist nie einer der beiden komischer als der andere, hier sind stets beide geplagt von einer unstillbaren Sehnsucht nach Empathie, nach Grusel, nach Verblüffung. Nichts verdutzt den Helden am Ende mehr als der Befund, dass er in seiner monatelangen Wühlarbeit nie eins auf seine Nase bekommen hat.

Buchtipp

Moritz von Uslar:
Deutschboden.
Eine teilnehmende Beobachtung.

Kiepenheuer & Witsch; 378 Seiten; 19,95 Euro.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 11 Beiträge
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1. Unter Kollegen
hambürger 02.10.2010
Ich traue allgemein Kollegenlob genauso wenig wie Kollegenschelte, obwohl man seltsamerweise hier nicht so genau entscheiden kann, welches von beiden es eigentlich ist. Aber werter Kollege Höbel und werter Kollege Uslar: Es mag für einen mehr oder weniger journalistisch Tätigen ganz interessant sein, über Freud' und Leid der Recherche und des Scheiterns in einem unbekannten Land zu lesen. Doch mit Verlaub, irgendwie klingt das alles wahnsinnig fad. Ich glaube, ich widme mich doch lieber dem neuen Franzen (der sich meines Wissens immer noch ohne "t" schreibt - es gibt also auch ein Scheitern in der Nicht-Recherche). Alles in allem, lieber ein allwissender Erzähler als ein ratloser.
2. Zitat aus dem Artikel:
enigma2.0 02.10.2010
"Unter der Zugbrücke floss die Havel, zur einen Seite ins Grüne, in eine parkähnliche Landschaft hinein, die Bäume und Sträucher hingen ins Wasser, zur anderen Seite in ein hafenartiges Becken mit Schiffsanlegestellen und Schleuse." Ende Zitat. Geophysikalisches Phänomen. Wenn der Rest des Buches...na ja.
3. Toleranz gegenüber Inländern?
Olaf 02.10.2010
Zitat von sysopHartz-IV-Elend und Tankstellenpartys, Bartresen-Schönheiten und rechtsradikale Rocker: Moritz von Uslars "Deutschboden" schildert den Versuch eines Berliner Reporters, das Leben in der ostdeutschen Provinz zu begreifen. Ein böse funkelndes, herzergreifendes Buch. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,720410,00.html
Wenn ich den Autor jetzt richtig verstanden habe, beschreibt er einfach nur was er erlebt hat, ohne zu versuchen diese Erlebnisse gleich zu interpretieren oder zu filtern. Und er hat sogar so etwas wie Verständnis für Menschen mit anderer Meinung entwickelt. Das ist dann in der Tat ungewöhnlich für eine deutsche Reportage über das eigene Land.
4. Umlandhosen
strangequark 02.10.2010
Zitat von sysopHartz-IV-Elend und Tankstellenpartys, Bartresen-Schönheiten und rechtsradikale Rocker: Moritz von Uslars "Deutschboden" schildert den Versuch eines Berliner Reporters, das Leben in der ostdeutschen Provinz zu begreifen. Ein böse funkelndes, herzergreifendes Buch. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,720410,00.html
Die Lichtgeschwindigkeit ist konstant, im Winter ist es hier kälter als im Sommer, nachts ist es dunkler als am Tag und der Berliner verachtet aus ganzem Herzen die "Menschen" aus der Provinz. Das sind die universellsten Feststellungen, die man machen kann. Das war zu Kaiser-Wilhelm-Zeiten so. Zu Honnecker-Zeiten. Und auch heute. Und wohl auch morgen und übermorgen.
5. titelfrei
Kosmopolit08 02.10.2010
Zitat von OlafWenn ich den Autor jetzt richtig verstanden habe, beschreibt er einfach nur was er erlebt hat, ohne zu versuchen diese Erlebnisse gleich zu interpretieren oder zu filtern. Und er hat sogar so etwas wie Verständnis für Menschen mit anderer Meinung entwickelt. Das ist dann in der Tat ungewöhnlich für eine deutsche Reportage über das eigene Land.
'Toleranz gegenüber Inländern' - ist eine interessante Überschrift. Leider setzen Sie aber anscheinend die Begriffe 'Inländer - Andersdenkend und rechtsradikal als Synonyme. Das ist genauso falsch wie die Annahme, dass 'das Volk' die gleiche Meinung vertritt wie Thilo Sarrazin oder die NPD. Inländer sind nicht imer andersdenkend, und andersdenkende Gott sei Dank zum Großteil nicht rechtsradikal. Und 'das Volk' besteht wie schon häufig berichtet nur zu 20 % aus Sarrazinisten und Schlechtmenschen - und das ist gut so. Deutschland ist besser als der egoistische Reflex der Dissozialen. Und ein wahrer Patriot muss auch kein Xenophob sein. Es sind und waren immer die Nationalisten, die Deutschland den größten Schaden angetan haben. Patrioten lieben Deutschland, Nationalisten verachten es - aber das wissen Sie ja wahrscheinlich selbst...
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