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Jochen Distelmeyers "Otis": Niemand hat die Absicht, einen Roman zu schreiben

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Blumfeld-Star Jochen Distelmeyer: Eintragung ins Nichts Fotos
Frank Zauritz

"Old Nobody" auf Odyssee durch das Berliner Nachtleben: Jochen Distelmeyer, gefeierter Songschreiber der Band Blumfeld, veröffentlicht seinen Debütroman "Otis". Viel hat er mitzuteilen. Nur wenig zu sagen.

Ein Satz für die Ewigkeit: "Wir kommen ungefragt und gehen ungefragt." Für seine Songtexte, wie dem zu "Eintragung ins Nichts", in dem er die menschliche Existenz in einer Zeile zusammengefasst hat, wird Jochen Distelmeyer bewundert. Für den neuen Ton, den er mit Blumfeld in die deutschsprachige Popmusik gebracht hat, die Balance zwischen Nachdenklichkeit und spielerischer Ironie. Spätestens als Blumfeld sich 2007 auflösten, waren sie Klassiker des deutschen Pop. Die entscheidende Band ihrer Generation.

Es ist keine Überraschung, dass Distelmeyer nun einen Roman veröffentlicht. Schon zu Beginn seiner Karriere sang er davon, "Tinte für 20 Bücher im Bauch" zu haben. Blumfeld hat er nach einer Erzählung Franz Kafkas benannt.

Und doch dürften die Erwartungen an den Roman eines Stars der Hamburger Schule nicht allzu hoch gesteckt sein, seit dem Debüt Frank Spilkers, oder seit Rocko Schamoni seinem Bestseller "Dorfpunks" eine quälende Reihe mittelklassiger Bücher folgen ließ - "Otis" unterläuft sie allemal: Das Buch löst nichts von dem Versprechen ein, das Distelmeyer mit seinen Songtexten gegeben hat.

Verschleppte Erkältung

Es spielt innerhalb weniger Tage im Berlin des Jahres 2012. Der Leser erfährt vom Rücktritt des damaligen Bundespräsidenten. "Die Wahl seines Nachfolgers", so Distelmeyer, "war auf den ehemaligen Leiter der nach ihm benannten Stasi-Unterlagen-Behörde gefallen".

Davon abgesehen, dass dieser Satz grammatikalisch nicht ganz stimmt, er trägt zur Handlung oder zu einer über das Gelesene hinausgehenden Erkenntnis ebenso wenig bei wie die unwesentlich später folgende Information, Helmut Kohl "sollte am Ende seiner Laufbahn aufgrund der Beteiligung an diversen Bestechungsskandalen sein Ansehen durch die Weigerung verlieren, einen Spendernamen preiszugeben".

Distelmeyer hat vieles mitzuteilen, aber wenig zu erzählen. Er schafft keine Verbindungen, bewertet nicht, lässt die vielen, oft banalen Nebeninformationen unvermittelt im Text stehen, als wären es hineinkopierte Wikipedia-Blöcke.

Man liest in "Otis" einiges über das Berliner Holocaustdenkmal, den 11. September, die Piratenpartei, auch über die Geschichte des Tierparks in Ost-Berlin. Man erfährt sogar, dass im "Osten der Stadt die Vietnamesen den Einzelhandel dominierten" oder dass ein bestimmter Berliner Busfahrer "in den acht Jahren seiner Anstellung bei der BVG nur zweimal krank gewesen" war. Einmal übrigens "aufgrund einer verschleppten Erkältung".

"Otis" enthält viele Passagen, die auf ein großzügiges Lektorat schließen lassen - wäre das Buch ein klug gestaltetes Panorama seiner Zeit, ein Diskursroman, so, wie die Songs von Blumfeld Diskurspop genannt werden, wäre dies alles womöglich vernachlässigbar. Dann wäre "Otis" ein Buch, das sich frei macht vom linearen Erzählen; in der großen Tradition der Moderne, auf deren allerberühmtestes Werk, "Ulysses" von James Joyce, Distelmeyer schon im Titel anspielt.

Karikatur von Hans Barlach

Wie Joyces Jahrhundertroman nimmt auch "Otis" Bezug auf die Odyssee, in der Odysseus sich im Kampf mit dem Zyklopen Polyphem "Niemand" nennt, auf Griechisch: "Outis". Ein derartiger "Old Nobody", so der Titel der wichtigsten Platte von Blumfeld, ist auch die Hauptfigur Tristan Funke. Nur, dass dieser Niemand die Absicht hat, einen Roman zu schreiben.

Er, "Junggeselle. Mitte dreißig. Deutscher, nicht wohlhabend. Verträumt, etwas wehmütig", trifft sich deshalb mit einem Verleger. Distelmeyer nutzt das für einen Auftritt von Hans Barlach (der im Buch Zaller heißt). Eine treffende Beschreibung gelingt ihm nicht. Die Barlach-Karikatur in "Otis" wirkt ebenso platt wie die Darstellung der vielen anderen Nebenfiguren, zum Teil kaum verfremdete Größen des Berliner Kulturlebens, so die Schauspielerin Katharina Schüttler, die Schriftsteller Maxim Biller oder Rainald Goetz. Als sollte ein kühner Großstadtroman durch ein paar Gestalten aus der Requisite vorgetäuscht werden.

Tristan Funkes Odyssee durch das Nachtleben ist mitunter geradezu hilflos erzählt. Das gilt besonders für die Dialoge. In ihrer expliziten Banalität haben sie das Niveau einer Vorabendserie: "Ja, hallo?" - "Ich bin's!" Oder: "Also, dann, bis morgen!" - "Ja, bis morgen!"

Bestenfalls sind derartige Sätze ironisch gemeint. Konsequent wirken sie nur, weil sich das disparate, ästhetisch Bruchstückhafte des Buchs so bis in die wörtliche Rede fortsetzt. Zu einem Sampling-Roman, einer literarischen Collage lässt sich "Otis" deshalb noch lange nicht überhöhen; ein verunglücktes Debüt, mehr nicht.

Niemand mag in "Otis" die Absicht gehabt haben, einen Roman zu schreiben - mit "Otis" ist dies auch niemandem gelungen.


Anmerkung: Bei der Blumfeld-Zeile "Wir kommen ungefragt und gehen ungefragt" handelt es sich um ein abgewandeltes Zitat aus einem Gedicht von Mascha Kaléko (1907-1975), das 1977 posthum in dem Band "In meinen Träumen läutet es Sturm" publiziert wurde. In einem Brief hatte Kaléko 1971 davon berichtetet, "die folgenden Zeilen, neulich nachts, entgegen meiner Lässigkeit in diesen Dingen, jetzt, wirklich notiert" zu haben:

"Es fragt uns keiner, ob es uns gefällt,
ob wir das Leben lieben oder hassen.
Wir kommen ungefragt in diese Welt
und werden sie auch ungefragt verlassen."

Ein Leser hat uns darauf hingewiesen. Vielen Dank. sha

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insgesamt 6 Beiträge
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1. Buch
Bernd.Brincken 28.01.2015
Wer Buch will, soll Buch kriegen. Das scheint mir doch die Haltung von Distelmeyer zu sein. Gar nicht mal unsympatisch. Anders gesagt: Man kann auch darauf verzichten, ohne viel zu verpassen. Ist mir echt sympatisch, also Danke.
2. Ich muss das Buch nicht mal lesen,
e-biker 28.01.2015
um zu wissen, dass Jochen D. nicht viel zu sagen hat. Das hatte er auch schon als Leader von Blumfeld nicht . Immerhin hat er sein Publikum mit melodiöser und lyrischer Musik verzaubert. Mich auch. Aber die Ansprachen zwischen den Songs waren eine einzige, nicht enden wollende Farce. Es war so schlimm, dass nicht wenige die Konzerte verließen oder lieber erstmal ein Bier trinken gingen. "Old Nobody" hatte im Übrigen nicht mehr viel mit dem zit. "Diskurspop" zu tun. Dieses Album war im Vergleich zu "L'etat Et Moi" musikalisch betrachtet eher ein langweiliges Supermarktpopalbum.
3. Kein großer Unterschied zu Blumfeld
hermes69 28.01.2015
Diese Gruppe wurde auch nur von Teilen der Presse hochgeschrieben. Halbleere Konzerthallen, pseudo intellektuelle Philosophie Studenten und jede Menge Wehklagen. Das wars dann auch.
4. Komischer Artikel - Wohin mit dem Hass?
montana2015 29.01.2015
Irgendwie kommt mir das komisch vor. Diese Rezension strotz vor Häme und stellt den von mir als Musiker sehr geschätzen Herrn Distelmeyer als kompletten Idioten dar. Gibt's doch gar nicht! Muss sowas sein bei einem Debut-Roman? Sind wir doch erstmal froh, dass er was schreibt! Ich habe das Buch leider noch nicht gelesen, aber so mies kann es gar nicht sein. da würd ich jetzt meinen linken Zeigefinger drauf verwetten. Und wenn es tatsächlich so mies ist, dann kann es einen bestimmt als Trash noch irgendwie unterhalten. Warum so ernst? Blumfeld waren/sind auch nie so ernst, wie sie verstanden wurden. Total lustige Leute. Ich vermute entweder extrem falsche Erwartungen an das Buch und den Künstler oder einen Hass auf coole Musiker, die nun Bücher schreiben oder sowas. Irgendwas ist da faul. Der Tonfall der Kritik ist sehr unschön. Und einzelne kurze Dialogzeilen komplett aus dem Zusammenhang gerissen als Zeichen der Belanglosigkeit darzustellen, macht ja nun auch gar keinen Sinn. Ich hoffe, der Distelmeyer spukt darauf, was ich bei seinen Konzerten übrigens immer ekelig finde und nicht gutheiße, aber was hier wirklich angebracht ist.
5. Er liest es übrigens nicht vor. Er spricht frei.
pumpmeier 31.01.2015
http://tvthek.orf.at/program/ZIB-1300/71280/ZIB-13/9179370/Popmusiker-schrieb-Buch/9179386
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