Ein Jahr Schlaf im neuen Roman von Ottessa Moshfegh So müde

Sie lebt im Überfluss und hasst die Welt dafür. Was tun? Die Protagonistin von Ottessa Moshfeghs sprachgewaltigem Roman entscheidet: Pillen rein, Augen zu, Welt aus; ihr "Jahr der Ruhe und Entspannung" beginnt.

Schlafende Frau (Symbolbild)
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Schlafende Frau (Symbolbild)


Sich mit einem Cocktail aus potenten Psychopharmaka und waffenscheinpflichtigen Schlafmitteln aus der Realität beamen? Und zwar nicht zum Spaß oder Lustgewinn, sondern bloß, um nichts mehr vom sinnlosen Treiben der Außenwelt mitzubekommen? Ist feige, naiv, dumm, zynisch, richtig. Kurz: ziemlich erschreckend.

Nicht aber wegen des lebensmüden Nihilismus dahinter. Sondern weil man es so gut nachvollziehen kann. Denn: Ist die Aussicht, sich einfach aus allem zurückzuziehen, nicht eine der verlockendsten Fantasien? Pillen rein, Augen zu, Welt aus. Und nach der Pause würde man sicherlich als besserer, ausgeruhterer Mensch wieder aufwachen.

Die namenlose Erzählerin in Ottessa Moshfeghs drittem Roman ist gerade 26, als sie sich schlafen legt. Es ist Mitte Juni 2000, und sie besorgt sich bei der windigen Psychologin Dr. Tuttle eine Wagenladung Dämmerpillen und geht ins häusliche Exil. Das Ziel? "Die Wachzeiten so weit wie möglich reduzieren." Nebenwirkungen, Komplikationen, Spätfolgen? Erst einmal zweitrangig: "Ich setzte mein Leben gern aufs Spiel, wenn ich dafür den ganzen Tag schlafen und zu einem neuen Menschen werden konnte."

Autorin Moshfegh
Krystal Griffiths

Autorin Moshfegh

Was nach zukunftsduseligem Biohacking klingt, ist in der Praxis weniger glamourös: Die Bettlaken der Antiheldin vergilben, ihre Muskeln versagen zunehmend den Dienst, die Körperpflege hat sie längst eingestellt. Nein, um einen in die Länge gezogenen Suizid handele es sich nicht, insistiert sie. Das hier sei die einzige Möglichkeit zu überleben.

Sicher, als Plot eines ganzen Romans ist das dünn. Auf 304 Seiten lernt man genau fünf Charaktere kennen. Ein Buch zu lesen, in dem jemand über ein Jahr lang schläft, dürfte so spannend sein wie der Akt selbst - zumindest bei herkömmlichen Autoren.

Nicht aber bei Moshfegh. Im Gegenteil: "Mein Jahr der Ruhe und Entspannung" ist so etwas wie der ereignisärmste Page Turner der letzten Jahre. Alles und jeder darin ist unglaublich dröge und trostlos - und trotzdem maximal fesselnd. Das liegt an Moshfeghs fast maschinenhaft präziser Sprache, die der 37-Jährigen Amerikanerin mit kroatisch-iranischen Wurzeln 2015 für ihren zweiten Roman "Eileen" schon eine Nominierung für den Man Booker Preis eingebracht hat - und den Ruf als größte literarische Hoffnung ihrer Generation.

Warum lache ich? Bin ich ähnlich abgestumpft?

Mit "Eileen" teilt ihr neuester Roman die Negierung der alten Schreibwerkstatt-Weisheit, dass man Sympathien für seine Figuren provozieren müsse. Pustekuchen! Nach eigenen Angaben ist die Hauptfigur "groß, schlank, hübsch und jung", eine "verwöhnte Tochter aus gutem Haus". Eine privilegierte Frau also - mit einem emotionalen Haushalt, der wirkt, als trage sie ihr Herz in Formaldehyd spazieren. Oder einfacher: Sie lebt im Überfluss und hasst die Welt dafür.

Anhand dieser erbitterten Figur dekliniert Moshfegh die alltäglichen menschlichen Abgründe durch. Ihr Stil ist sachlich und unaufgeregt, gleichzeitig aber so makaber witzig, dass man als Leser aufs Glatteis gerät: Warum genau lache ich bitte darüber? Ertappe ich mich gerade selbst? Bin ich ähnlich abgestumpft?

Etwa als Reva, die einzige und maximal verachtete Freundin der Erzählerin, mal wieder in deren Wohnung auftaucht, um Monologe über ihr Leben zu führen. Diesmal eröffnet sie, dass ihre Mutter gestorben sei. Die Reaktion: Wie zum Teufel werde ich die schnell los, das halte ich nicht aus. Die Erzählerin wirft ein paar Pillen ein und döst weg, während Reva noch spricht.

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Ottessa Moshfegh:
Mein Jahr der Ruhe und Enstpannung

Aus dem Englischen von Anke Caroline Burger

Liebeskind, 320 Seiten, 22 Euro

Was genau das alles soll? Bleibt erfrischend unklar. "Mein Jahr der Ruhe und Entspannung" liefert keine leichten Antworten und psychologisiert nicht. Zwar wird deutlich, dass die Erzählerin ein Produkt ihrer Umgebung ist, ihre Eltern hielten sie sogar bei deren Tod auf Distanz. Auch ihre achtjährige Gelegenheitsbeziehung Trevor, ein sadistischer Banker, der halb erzwungene Blowjobs für guten Sex hält, hat sicher seine Spuren hinterlassen.

Dennoch ist dieser Roman kein bloßes Psychogramm einer gequälten Seele. Vielmehr zeichnet Moshfegh das Porträt einer Gesellschaft in den letzten Zügen einer gewohnten Weltordnung. Einsam kämpfen sich ihre Protagonisten durch den aufziehenden Nebel postkapitalistischer Traurigkeit, in einem schlafwandlerischen Kreislauf aus Oberflächlichkeiten, Geld und diffuser Angst.

Dass diese Blase irgendwann platzen muss, scheint ausgemacht. Tut sie auch, so viel sei verraten. Und spätestens da wird klar, dass Moshfegh gerade erst auszuloten scheint, was sie mit ihrer Sprachgewalt so alles anstellen kann. Angesichts der Wucht von "Mein Jahr der Ruhe und Entspannung" klingt das wie eine Drohung.

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insgesamt 1 Beitrag
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sunnysimon 28.09.2018
1. 1-jahres-schlaf
früher konnte man nach grossem seelischen trauma z. b. in der Schweiz eine monatelange schöafkur machen. wurde nur zum essen u etwas bewegung geweckt und dann wieder unter aufsicht in den schlaf des vergessens geschickt
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