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12. März 2014, 15:44 Uhr

Imperialismus-Kritiker Mishra

"Das westliche Abenteuer ist vorbei"

Ein Interview von Fabian Heppe und Marius Mühlhausen

Droht der Welt wirklich eine asiatische Hegemonie? Viele im Westen scheinen davon überzeugt. Doch der indischstämmige Historiker Pankaj Mishra hält das für Unsinn: Die westlichen Maßstäbe von Macht sind den asiatischen Kulturen fremd - und das westliche Wohlstandsversprechen hat sich überlebt.

SPIEGEL ONLINE: Auf dem jüngsten Treffen der 20 führenden Industrie- und Schwellenländern erklärte China, künftig nicht mehr die Triebkraft des Weltwirtschaftswachstums zu sein. Warum phantasiert Europa dann eigentlich immer noch von einer baldigen asiatischen Hegemonie?

Mishra: Ja, das ist völlig unverständlich. Einige asiatische Länder, allen voran China, haben lediglich das nötige Handwerkszeug erlernt, um am westlichen Spiel um Profit und Wachstum erfolgreich teilzunehmen. Das mag Konservative im Westen verunsichern. Doch eine wahre Hegemonialmacht ist nicht nur wirtschaftlich erfolgreich.

SPIEGEL ONLINE: Was fehlt den Wirtschaftsmächten Asiens dazu?

Mishra: Es gibt bisher keine überzeugende und eigenständige asiatische Antwort auf das Wachstumsparadigma des Westens, keinen ideologischen Auftrag, für den sich die asiatischen Länder einsetzen. Stattdessen haben viele asiatische Nationen einfach die westlichen Erfolgsformeln übernommen. Die Gründe hierfür finden sich in der Geschichte.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem preisgekrönten Buch "Aus den Ruinen des Empires" beschreiben Sie, welche Folgen der Wiener Kongress im Jahr 1815 für Asien hatte. Dort nahm also das Unglück seinen Lauf?

Mishra: Was folgte war ein entschiedener und gewaltiger Imperialismus. Der Frieden in Europa zu Beginn des 19. Jahrhunderts führte zum radikalen Wandel in vielen asiatischen Gebieten. Indem europäische Nationen nun eng miteinander zusammenarbeiteten, bauten sie ihren Einfluss in der Türkei oder in China aus. Andere Orte wie Indien wurden einfach besetzt. Klar ist: Was Europa Frieden, Wohlstand und Würde bescherte, brachte Niederlage, Demütigung und Elend über Hunderte Millionen Menschen in der östlichen Welt.

SPIEGEL ONLINE: Aber der Imperialismus war doch keine europäische Erfindung.

Mishra: Sicherlich waren die Osmanen zuvor selbst große Imperialisten und verfügten genauso wie die chinesische Qing-Dynastie über weitläufige Hoheitsgebiete. Doch sie besaßen nicht die nötige Macht, um die wirtschaftliche und die soziale Ordnung derart radikal zu verändern. Der moderne europäische Imperialismus hingegen hatte diese neue Qualität. Durch miteinander verwobene Innovationen im Bereich des Handels, des Militärs und der Technologie überwälzten sie die politischen und wirtschaftlichen Traditionen der Asiaten.

SPIEGEL ONLINE: Wie erlangten denn die Europäer - allen voran das britische Empire - eine derartige Vormachtstellung in Asien?

Mishra: Durch ihre überlegene Staatsorganisation. Infolge unzähliger Kriege untereinander hatten die europäischen Nationen neue politische und militärische Ideen wie den Nationalstaat oder die Wehrpflicht entwickelt. Sie griffen auf alle verfügbaren Ressourcen innerhalb ihrer Gesellschaft zurück. Organisierter Ehrgeiz und Tatkraft, gepaart mit den Technologien der Industrialisierung, schufen eine ungeahnte Schlagkraft. So konnten diese kleinen Länder mächtiger werden als die großen asiatischen Imperien.

SPIEGEL ONLINE: Dabei waren die Asiaten über Jahrhunderte den Europäern technologisch und intellektuell weit voraus. Wie kam es also zu diesem Ungleichgewicht?

Mishra: Die Asiaten gaben sich zu lange mit ihrer Agrarwirtschaft und ihrem Handwerk zufrieden. Als sie realisierten, dass die Europäer neue Wege wirtschaftlichen Wachstums gefunden hatten, war es zu spät. Indien wurde vom britischen Empire kulturell komplett entwurzelt. Sie zwangen der Bevölkerung eine neue Sprache, einen neuen Kleidungsstil und einen neuen Rechts- und Verwaltungsapparat auf. Der englische Politiker Lord Macaulay forderte seinerzeit eine "Klasse von Menschen", die "dem Blut und der Farbe nach indisch, in ihrem Geschmack, ihren Ansichten, ihren Moralvorstellungen und ihrem Denken englisch" sein sollte.

SPIEGEL ONLINE: Eine auch ideologisch bis dahin ungekannte Dimension von Imperialismus.

Mishra: Ja, und sie wird so kaum reflektiert. Adolf Hitler bewunderte das Britische Empire. Er nannte es "die kapitalistische Ausbeutung von 300 Millionen indischen Sklaven". Der indische Widerstandskämpfer und spätere Ministerpräsident Jawaharlal Nehru bezeichnete später "das Nazitum als den Zwillingsbruder des westlichen Imperialismus". Interpretationen dieser Art sind für viele britische Historiker natürlich ein rotes Tuch. Sie sind ständig bemüht, ihre nationale Identität mit ihrem angeblichen liberalen und demokratischen Empire zu schmücken.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern spielt dabei auch das vom Westen durch den Imperialismus etablierte Wirtschaftssystem heute eine Rolle?

Mishra: Es machte Länder wie Ägypten oder den Iran zu dauerhaften wirtschaftlichen Verlierern. Ägypten ist heute vollständig vom amerikanischen Militär und Geldfluss abhängig. Eine wirkliche Aussicht, aus dieser Armutsfalle und den andauernden sozialen Unruhen auszubrechen, besteht nicht. Genauso würden nur Ignoranten den zugefügten Schaden am Iran durch ständige Invasion und Besatzung während der Weltkriege leugnen. Nicht zu vergessen den von den Vereinigten Staaten unterstützten Putsch im Jahr 1953. Genauso stärken die derzeitigen wirtschaftlichen Sanktionen das iranische Regime auf Kosten der Bevölkerung.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben sich dennoch so viele asiatische und arabische Länder in das westliche Wirtschaftssystem eingefügt?

Mishra: Um zu überleben und Würde zurückzuerlangen in einer Welt, die vom Westen dominiert wird. Deshalb entschieden sie sich für die westliche Art des Wirtschaftswachstums durch Industrialisierung und Urbanisierung sowie des wirtschaftlichen Produktionsstils und des Konsums.

SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht allzu leicht, die Schuld für Missverhältnisse in diesen Ländern dem Westen zu geben?

Mishra: Klar, das wäre zu simpel. Doch nur weil sich Populisten und Sensationspolitiker in Ländern wie Ägypten oder Iran solcher einfacher Wahrheiten bedienen, entbindet das niemanden von der Verantwortung zu untersuchen, wie der Imperialismus diese Länder verkrüppelte.

SPIEGEL ONLINE: Aber das westliche Wirtschaftssystem sorgte doch nachweislich auch in Asien für einen ungekannten Wohlstand?

Mishra: Das ist nur teilweise richtig. Klar, es gibt inzwischen einige Milliardäre in Ländern, in denen es zuvor keine gab. Aber heutzutage gibt es quer durch Asien soziale, politische und ökologische Probleme. In Peking oder Delhi ist die Luft inzwischen buchstäblich zu giftig zum Atmen. Die soziale Ungleichheit zwischen den Schichten ist so extrem, dass sie nicht länger hinnehmbar ist. Für viele Probleme sind die alten westlichen Ideen nicht mehr zukunftsfähig.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind diese Herausforderungen zu bewältigen?

Mishra: Zunächst müssen wir Abstand von unserem derzeitigen wettbewerbsorientierten Wirtschaftssystem nehmen. Das große westliche Abenteuer, das ständige Streben nach einem materialistischen Leben voller individueller Erfüllung durch Wohlstand erreicht seine natürlichen Grenzen. Deshalb muss es unser aller Aufgabe sein, eine neue Moralvorstellung über ein gutes, erstrebenswertes Leben zu definieren. Dies umfasst die Entwicklung eines neuen Maßstabes für Glück und Zufriedenheit. Neue Wege müssen Menschen, denen ein materialistisches Leben verwehrt bleibt, dennoch zufriedenstellen. Dabei könnten alte asiatische kulturelle Traditionen hilfreich sein. Ein "weiter so", ist unmöglich.

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