Eta-Roman "Wir sind alle Opfer!"

Mit "Patria" hat der Baske Fernando Aramburu den großen Roman über den 50 Jahre währenden Schrecken der Eta geschrieben - und deren Opfern endlich eine Stimme gegeben. Nun erscheint er auf Deutsch.

Tatort nach Eta-Anschlag 2000
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Tatort nach Eta-Anschlag 2000


Als die "Euskadi Ta Askatasuna", kurz Eta genannt, im November 2011 ihren mehr als fünf Jahrzehnte währenden blutigen Unabhängigkeitskampf für beendet erklärte, waren 4000 Anschläge und 864 Todesopfer auf das Konto der Separatisten-Organisation gegangen. Seit 1959 hatte sie mit Waffengewalt für ein selbstbestimmtes, politisch souveränes "Euskal Herria" gekämpft, für ein autonomes Baskenland. Die spanische Zentralregierung verkündete flugs den Sieg der Demokratie über den Terror - und der Traum vieler "Euskaldunak" vom eigenen Staat wurde öffentlich zu Grabe getragen.

Über sechs Jahre sind seither vergangen. Doch die Nachwehen des baskischen Befreiungskampfes sind bis heute spürbar - nicht zuletzt in der spanischen Literatur. Hatten etwa der baskische Lyriker Bernardo Atxaga und das jahrelang inhaftierte Ex-Eta-Mitglied Joseba Sarrionandia in ihren Romanen 2006 und 2007 das Tabuthema des Verrats in der Eta und das Schicksal baskischer Flüchtlinge thematisiert, so gibt nun Fernando Aramburus Roman "Patria" - zu Deutsch: Heimat - endlich auch den Opfern dieses Terrors eine Stimme. Und man darf dabei getrost von einem großen Wurf sprechen.

Der 1959 in San Sebastian geborene, seit über 30 Jahren in Hannover lebende Baske entrollt darin in 100 Einzelkapiteln die raumgreifende Chronik zweier jahrzehntelang eng befreundeter baskischer Familien. Sie werden schlagartig zu erbitterten politischen Widersachern, nachdem Txato, der eine Fabrik unweit von San Sebastian betreibt, Opfer eines Eta-Anschlags wird. Denn Bittori, seine Witwe, glaubt, in Miren und ihrem Mann Joxian Sympathisanten der Separatisten auszumachen, seit deren Sohn Joxe Mari als Eta-Kämpfer im Untergrund lebt - und wenig später geschnappt und inhaftiert wird. Verbittert wendet sie sich von ihnen ab, die Familien meiden einander jahrelang.

Autor Aramburu
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Autor Aramburu

20 Jahre später hat Bittori - tödlich an Krebs erkrankt - nur noch den einen Wunsch: Sie will wissen, was damals geschah - und wer für den Tod ihres Mannes verantwortlich ist. Denn Bittori hält Joxe Mari, der am Tag des Anschlags in der Nähe gesehen wurde, für den Mörder ihres Mannes. Als es Mirens nach einem Schlaganfall gelähmter Tochter Arantxa gelingt, ihren Vater Joxian dazu zu bringen, hinter dem Rücken seiner streng nationalistisch denkenden Frau wieder Kontakt mit Bittori aufzunehmen, brechen die jahrelang bestehenden Fronten auf.

Denn genau darum geht es in Fernando Aramburus Roman: Um die Frage, ob und wie - über alle erlittenen Schrecken hinweg - eine Aussöhnung mit den einstigen Tätern möglich ist?

Freundschaft und Entzweiung

Bittori weiß natürlich, dass ihr Sohn Xabier recht hat, wenn er einmal stellvertretend erklärt "Wir sind alle Opfer!". Für sie ist mit dem wieder aufgenommenen Dialog ein erster Schritt gemacht: "Frage ihn das für mich!", bittet sie Joxian, "Frage deinen Sohn das nächste Mal, wenn du ihn besuchst, ob er es war, der geschossen hat? Ich muss es wissen, bald, ich habe nicht mehr lange zu leben. Ich werde ihn auch nicht verraten. Und sag ihm, wenn er mich um Verzeihung bittet, vergebe ich ihm."

In "Patria", in Spanien mit den renommierten Preisen "Premio Nacional de Narritiva" und "Premio de la Crítica" ausgezeichnet, spürt Fernando Aramburu den zerplatzten Träumen und Illusionen der vom Partisanenkrieg Versehrten nach, indem er auch die Frage stellt, was Heimat ist - und wie man eine solche für sich definiert. Doch sein Werk ist mehr als nur die erschütternde Chronik zahlreicher gemachter Verluste, nämlich auch ein Buch über Familienbanden, Freundschaft, Misstrauen und Entzweiung. Darin erinnert es an das vieladrige neapolitanische Romanwerk der Italienerin Elena Ferrante, in dessen Zentrum ebenfalls die Geschichte einer Frauenfreundschaft und ihr langsames Zerbrechen steht.

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Fernando Aramburu:
Patria

Aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen

Rowohlt Verlag; 768 Seiten; 25 Euro

"Ich war ja ein baskischer Junge wie so viele andere, die der Propaganda des Terrorismus und der auf ihr basierenden Doktrin ausgesetzt waren", liefert Aramburu uns zuletzt durch die Maske eines im Buch auftretenden Schriftstellers hindurch die Motivation für die Entstehung seines Romans. So habe er zu schreiben begonnen, "gegen Verbrechen, die eine politische Rechtfertigung suchen im Namen eines Vaterlands, in dem eine Handvoll Bewaffnete mit der schändlichen Hilfe eines Teils der Gesellschaft entscheidet, wer zu diesem Vaterland gehört und wer es zu verlassen hat ... Ich wollte Antworten auf konkrete Fragen finden."

Von der oft verwirrenden Suche nach diesen Antworten, und den steinigen Wegen, die seine Figuren dabei zurücklegen müssen, um sie zu bekommen, erzählt sein packender Roman.

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insgesamt 1 Beitrag
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Seite 1
mweigelt66 16.01.2018
1. Patria = Vaterland
Vielleicht wäre es für eine positive Bewertung des Buches schöner, wenn der Autor von Heimat spräche. Aber da er von Patria spricht, spricht er vom Vaterland.
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