Brasilien in der Krise "Du hast keine Stimme, außer du nimmst eine Waffe in die Hand"

Wirtschaftlich, politisch, moralisch: Brasilien steckt tief in der Krise, meint Patrícia Melo. Doch die berühmte Schriftstellerin sieht eine Chance auf grundlegenden Wandel - allerdings erst nach Olympia.

Favela Complexo do Alemao in Rio
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Ein Interview von


Zur Person
  • Julia Morales
    Patrícia Melo, Jahrgang 1962, gehört zu den bekanntesten Schriftstellerinnen Brasiliens. 2014 wurde sie für "Leichendieb" zum zweiten Mal mit dem Deutschen Krimi Preis ausgezeichnet. Ihre Romane sind nicht nur Unterhaltung, sondern scharfsinnige Gesellschaftsanalysen. In ihrem neuen Buch "Trügerisches Licht" beschreibt Melo die Auswüchse der Celebrity-Kultur. Es ist ihr erstes Täterrätsel und erzählt von einer Polizistin, die, um den Mord an einem TV-Star aufzuklären, in die ihr fremde Welt von Telenovelas und Reality-Shows eintauchen muss.

SPIEGEL ONLINE: Eine deutsche Zeitung nannte Sie die "Königin des lateinamerikanischen Krimis". Schmeichelt Ihnen dieser Titel?

Melo: Nein, ich habe bislang zwar viel über Verbrechen, aber keine Kriminalromane geschrieben. Ich möchte nicht in eine Schublade gesteckt werden, zumal es so viele verschiedene Schubladen gibt, vom französischen roman noir bis zur amerikanischen Hardboiled-Schule - und ich passe in keine davon. Ich habe zehn Bücher geschrieben und alle in meinem ganz eigenen Stil.

SPIEGEL ONLINE: Ihr neuer Roman "Trügerisches Licht" ist allerdings ein fast klassischer Whodunnit, oder?

Melo: Na ja, nachdem man mich schon früh als Krimiautorin bezeichnet hat, obwohl es bei mir nie Rätsel gab und keine genialen Detektive, die diese Rätsel lösten, dachte ich: Okay, dann schreibe ich eben tatsächlich einen Kriminalroman.

SPIEGEL ONLINE: In welcher Tradition steht Ihr Roman?

Melo: Ich habe mich an der Sorte amerikanischer Kriminalromane orientiert, bei denen es weniger um das Rätsel und seine Aufklärung geht, sondern mehr darum, die Gesellschaft zu beschreiben. Was mich interessiert hat, sind Fragen wie: In welche Richtung entwickelt sich Brasilien, was machen die aktuellen Ereignisse mit den Menschen im Land. Und es geht speziell um meine Heimatstadt São Paulo, eine faszinierende Stadt voller Gegensätze und Widersprüche. Es gibt extremen Reichtum und unfassbare Armut, wir haben eine tolle Kulturszene und Viertel voller Trostlosigkeit. Es ist manchmal schwer, das auszuhalten, es tut weh, wie eine schlimme Krankheit. Für mich sind Kriminalromane die moderne Variante der klassischen Tragödie. Wie der US-Schriftsteller Elmore Leonard einmal gesagt hat: Wir sind die Bewahrer des Tragischen.

SPIEGEL ONLINE: In "Trügerisches Licht" beleuchten Sie die Szene der Telenovelas und des Reality-Trash-TVs, in der es keine wirkliche Tragik geben kann, weil man sich im permanenten Zustand der emotionalen Übersteigerung befindet.

Melo: Absolut, und das gilt generell für vieles im Fernsehen. Als ich die Berichterstattung auf CNN nach dem Anschlag von Nizza verfolgte, dachte ich, dass der Sender dieselben Strukturen benutzt wie Serien und Shows. Alles ist zu Entertainment geworden, zu einem Spektakel. Und auch deshalb habe ich dieses Buch geschrieben: um zu zeigen, wie in Brasilien, aber eigentlich überall auf der Welt Fake-Celebritys dieselbe Aufmerksamkeit bekommen wie wahrhaft tragische Ereignisse. Auch Mörder sind heutzutage Celebritys. Der junge Mann zum Beispiel, der in München vor einigen Tagen neun Menschen getötet hat, wird nun wie ein Celebrity behandelt. Über alles wird berichtet: seine Familie, sein Liebesleben, seine Hobbys, wie bei einem Star. Und vielleicht wird die Aufmerksamkeit, die er bekommt, andere dazu anstiften, ähnliche Taten zu begehen. Das Problem ist, dass Menschen Vergnügen daran finden, diese Grausamkeiten zu konsumieren - Morde, Amokläufe, Attentate, Krieg. Es ist wie ein Virus, der im Fernsehen, im Internet und in den sozialen Medien verbreitet wird.

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SPIEGEL ONLINE: Was fasziniert die Menschen so sehr an Reality-TV-Shows?

Melo: Sie sehen, dass Menschen zu einer Art Star werden können, obwohl sie keinerlei Talent haben. Und sie träumen davon, selbst zum nächsten Instant-Star zu werden. Es ist krankhaft, wie Menschen heutzutage versuchen, um jeden Preis Aufmerksamkeit zu erregen, im Fernsehen, bei Facebook oder Instagram.

SPIEGEL ONLINE: Was läuft schief in Brasilien, immerhin galt das Land noch vor einigen Jahren als potenzielle Supermacht?

Melo: Es ist eine ökonomische Krise, aber auch eine politische und moralische. Fast jeden Tag werden Politiker als korrupt enttarnt, sodass niemand in Brasilien mehr an die Autorität der Regierenden glaubt. Es ist ein trauriger Moment in unserer Geschichte, das Ende des Traums, der mit der Präsidentschaft von Lula begonnen hatte. Aber es gibt auch Hoffnung: Zum einen wäre es noch vor zehn Jahren undenkbar gewesen, dass diese korrupten Politiker belangt werden und tatsächlich ins Gefängnis kommen. Das zeigt den Menschen, dass es Alternativen gibt, dass die Korruption nicht allumfassend ist und bekämpft wird. Zum anderen merken wir, dass wir trotz allem in einer gefestigten Demokratie leben. Bei uns wäre es undenkbar, dass ein Mann wie Chávez an die Macht käme oder ein Donald Trump. Starke Männer, die mit leeren Versprechungen die Sehnsucht des Menschen nach Ordnung ansprechen. Brasilien hat eine historische Chance, sich zum Besseren zu ändern. Das wird nicht heute oder morgen passieren, es wird ein schmerzhafter Prozess, der viele Jahre dauern wird, aber aktuell findet ein Paradigmenwechsel statt.

Edelhotel in São Paulo
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SPIEGEL ONLINE: Nicht jeder in Brasilien scheint Ihren Optimismus zu teilen. Vor wenigen Wochen demonstrierten Polizisten und Feuerwehrleute am Flughafen und hielten ein Transparent in die Kamera, auf dem stand: "Willkommen in der Hölle".

Melo: Ich würde mich nicht als Optimistin bezeichnen, aber ich habe Hoffnung. Brasilien geht durch eine harte Zeit. Alles, was ich sage, ist, dass wir eine Chance haben, dass es eines Tages besser wird.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem gibt es in Brasilien eine Art Parallelgesellschaft, die Sie in Ihrem Roman "Inferno" und der britische Journalist Misha Glenny in seiner Großreportage "Der König der Favelas" beschrieben hat: die Armenviertel in den großen Städten, wo die Regeln des Staates außer Kraft gesetzt sind.

Melo: Was Glenny und ich beschreiben, ist, wie die Kriminellen zu den neuen Machthabern werden, wenn sich der Staat zurückzieht. Interessant ist, wie diese Kriminellen viel Gutes tun für die Menschen in ihrem Viertel, auch weil die Zuneigung der Menschen für sie der beste Schutz ist. In Rio ist das offensichtlicher als zum Beispiel in São Paulo, weil dort die Favelas mitten in der Innenstadt liegen.

SPIEGEL ONLINE: Die Drogenbosse sind letztlich ebenfalls Celebritys.

Melo: Genau, allerdings ist das oft auch der Anfang vom Ende für diese Kriminellen. Sobald ihr Ruf über die Favelas hinausgeht, schreitet der Staat ein. Denn auch wenn sie glorifiziert werden wie Filmstars und tatsächlich mehr für die Favelas tun als die Politik, sind sie doch Verbrecher, gewalttätige Menschen, die sich mit einer eigenen Armee umgeben und oftmals besser bewaffnet sind als die Polizei. Die Stabilität, die sie in den Favelas etablieren, ist nicht nur zerbrechlich, sie ist ein Fake. Was wirklich passieren muss, ist, dass man den Menschen zeigen muss, dass es Alternativen gibt. Sie brauchen Bildung, eine ökonomische Perspektive, Politiker, an die sie glauben können. Und sie müssen verstehen, dass die Kriminellen sie nur benutzen und ihnen nicht wirklich nachhaltig helfen. Sobald du ihre Hilfe annimmst, gehörst du ihnen.

SPIEGEL ONLINE: Die Mordrate in Brasilien ist erschreckend hoch, 2014 wurden 60.000 Menschen Opfer einer Gewalttat. Da kann die Polizei doch nur noch verwalten und nicht aufklären, oder?

Melo: Das ist ein echtes Problem, und tatsächlich werden, glaube ich, nur etwa fünf Prozent aller Morde aufgeklärt. Ich habe für "Trügerisches Licht" viele Polizisten interviewt, und fast alle waren sehr engagiert, versuchten, aus der Situation das Beste zu machen.

SPIEGEL ONLINE: So wie Ihre Heldin Azucena?

Melo: Ja, und sie hat nur die Chance, ihren Job so gut zu machen, weil das Opfer berühmt war. Nur wenn ein Verbrechen das Interesse der Öffentlichkeit erregt, bekommen Polizisten die Zeit und die Mittel, den Fall aufzuklären. Wenn du schwarz bist und arm, bist du unsichtbar in unserer Gesellschaft, interessiert sich niemand für dein Schicksal. Du hast keine Stimme, außer du nimmst eine Waffe in die Hand. Gewalt ist oft der einzige Weg für die Armen, so etwas wie Macht zu bekommen. Es gibt keine soziale Gerechtigkeit in Brasilien. Das gilt für das Schulsystem ebenso wie für das Gesundheitssystem.

SPIEGEL ONLINE: Sind die Olympischen Spiele, die in wenigen Tagen beginnen, nicht eine Chance für die Brasilianer, sich bemerkbar zu machen - ob mit Demonstrationen oder mit Gewalt?

Melo: Ja, aber ich glaube, das wird nicht passieren, so wie es vor zwei Jahren während der WM auch nicht passiert ist. Es gab viele Proteste im Vorfeld, aber sobald die WM gestartet war, endeten sie. Außerdem glaube ich, dass die Brasilianer jetzt erst einmal abwarten, was politisch passiert in den kommenden Monaten. Sollte sich zeigen, dass sich doch nichts entscheidend ändert, könnte es zu heftigen Auseinandersetzungen kommen. Es ist wirklich paradox, dass wir ausgerechnet auf dem Höhepunkt einer extremen Krise im Fokus der Welt stehen. Und es ist schade, weil die Olympischen Spiele eine Chance gewesen wären, der Welt zu zeigen, was Brasilien leisten kann.

SPIEGEL ONLINE: Es gab in den vergangenen Monaten immer wieder Gewalt gegen Sportler und Touristen. Müssen sich die Menschen, die jetzt nach Rio kommen, Sorgen um ihr Leben machen?

Melo: Natürlich ist Rio eine gewalttätige Stadt, aber die Armee wird für Sicherheit sorgen. Das Problem sind nicht die kommenden zwei Wochen. Das Problem ist die Zeit danach.



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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
kalim.karemi 03.08.2016
1.
Brasilien ist eine Demokratie, basierend auf freien Wahlen. Das ungute Gefühl, dass der Autor der Waffenaussage irgendwie zustimmt, stimmt mich in sofern bedenklich, daß man dem in Deutschland demnächst auch zustimmend gegenübersteht. Islamisten: hast keine Stimme außer Du zündest eine Bombe... ; Rechte: hast keine Stimme außer schmeißt zündest was an; Linke: hast keine Stimme außer prügelst einen Polizisten krankenhausreif...; ganz großes Journalistenkino!
brasilpe 03.08.2016
2. Brasilien gleich Korruption
Korruption ist das allgegenwärtige Hauptproblem Brasiliens, das ich seit vielen Jahren kenne. Aber es gibt immer mehr Leute, die sich dagegen wehren und die - und das ist das Neue - zunehmend Gehör finden. Es besteht also Hoffnung, aber es wird lange dauern. Der Widerstand ist riesig.
micromiller 03.08.2016
3. Nachrichten sind Show und Business
und Olympia ist ebenfalls Show & Business und insgesamt bereichert das unser Leben, wenn wir nicht zu den Ärmsten gehören. Brasiliens zu viele Millionen arme Menschen haben sicherlich rein gar nichts von Olympia & Co, sie sind bestenfalls Zaungäste oder Ornamente auf der grossen Bühne der Unterhaltung. Olympia etwas kleiner und menschlicher könnte eine Alternative sein, passt aber nicht in unsere Welt der Gigantonomie und des bedingungslosen Konsums.
CommonSense2006 04.08.2016
4.
Zitat von kalim.karemiBrasilien ist eine Demokratie, basierend auf freien Wahlen. Das ungute Gefühl, dass der Autor der Waffenaussage irgendwie zustimmt, stimmt mich in sofern bedenklich, daß man dem in Deutschland demnächst auch zustimmend gegenübersteht. Islamisten: hast keine Stimme außer Du zündest eine Bombe... ; Rechte: hast keine Stimme außer schmeißt zündest was an; Linke: hast keine Stimme außer prügelst einen Polizisten krankenhausreif...; ganz großes Journalistenkino!
Das sollte Sie auch bedenklich stimmen, aber Sie können einem Autor oder Jpurnalisten nicht vorwerfen, dass er das offensichtliche auch ausspricht: In Brasilien kann ein Armer, besonders wenn er schwarz ist und in einer Favela wohnt, nicht darauf rechnen, dassi ihm irgend jemand von seiten des Staates hilft, also kann er sich nur selbst helfen und je stärker er bewaffnet ist, desto eher kann er sich verteidigen. In Deutschland sehe ich as überhaupt nicht so.
Ge-spiegelt 04.08.2016
5. Habe mich am Wochenende in Rio sicher gefühlt
Viel Polizei, Militär, sogar Kriegsschiffe, Security. Bin alleine rumgelaufen, auch in der Dunkelheit und im Zentrum, allerdings nicht in einer Favela, aber einige Favelas werden als sicher beschrieben. Klar hat Brasilien eine Krise, im Flieger ist oft der Sitz neben einem frei, aber die Städte sind riesig, Infrastruktur, Wohlstand, Arbeit und die Menschen hier sind nett und oft gut ausgebildet und sprechen zum geringen Teil brauchbares Englisch. Brasilien schafft das.
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