Paris-Roman von Nobelpreisträger Modiano Montmartre, mein Gefängnis

Gefangen in den Straßen von Paris: In seinem Roman "Damit du dich im Viertel nicht verirrst" ringt Nobelpreisträger Patrick Modiano der Stadt grausame Erinnerungen ab. Der Kern der Welt, im Mikrokosmos freigelegt.

AFP

Von Christian Buss


Heimat, Gefängnis, ein Stadtteil kann beides sein. Der selbstgewählte Ort, an dem du geworden bist, was du immer gern sein wolltest. Die Straßennamen sind wie Versprechungen. Es kann aber auch das Loch sein, in das dich das Leben irgendwie abgeworfen hat und das dich dann zu der Person gemacht hat, von der du niemals zu glauben vermocht hättest, dass du sie sein könntest. Die Straßennamen sind dann wie Gitterstäbe.

Für Jean Daragane, die Hauptfigur aus dem neuen Roman des Pariser Schriftstellers Patrick Modiano, ist Montmartre ein Gefängnis. Irgendwann in den Fünfzigerjahren wurde er hier als mutterloses Kind angespült, im Schlepptau einer mysteriösen Frau, deren Profession im Buch einmal "Akrobatische Tänzerin" genannt wird. Daragane ist dann in dem einstigen Künstler- und heutigen Touristenviertel hängengeblieben.

Als Schriftsteller hat dieser Daragane Romane mit Titeln wie "Das Schwarz des Sommers" geschrieben; auch der Sommer, in dem er nach Montmartre gekommen ist, ist für ihn eine fast schwarze Fläche geblieben. Als er von einem Fan seiner Bücher auf biographische Ungereimtheiten in seinem Werk gestoßen wird, beginnt Daragane in der eigenen Geschichte zu forschen. Und die Straßennamen des Viertels führen ihn tief in das eigene, verschüttete Kindheitstrauma. Die grausame Erkenntnis: "Dieses Kind, von vielen Jahrzehnten in so graue Ferne gerückt, dass ein Fremder aus ihm wurde, nun musste er sich's eingestehen, das war er."

Aufschreiben hilft nur bedingt gegen die Amnesie

Der fiktive Schriftsteller Daragane ist ein typischer Romanheld des realen Schriftstellers Modiano. Schwer zu sagen, wie Modiano selbst eigentlich sein Paris empfindet, ob als Heimat oder Gefängnis. Fest steht, dass er nie wirklich aus Paris rausgekommen ist und es wohl auch nie wollte. Mindestens einmal im Jahr veröffentlicht er einen Band, selten unter 150 Seiten, selten über 160 Seiten, in dem sich der jeweilige Protagonist durch die Straßen eines Pariser Viertels schlägt, um zu dem Kern eines Ereignisses vorzudringen, das 30, 40 oder 50 Jahre zurückliegt. Zuletzt in "Gräser der Nacht", das verstärkt autobiografische Elemente aufwies.

Letztes Jahr wurde Modiano für sein schier unerschöpfliches Erinnerungskonvolut mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Das war so wunderbar unerwartet wie der Literaturnobelpreis im Jahr zuvor für die Kurzgeschichtenmeisterin Alice Munro, die so kleinformatig wie Modiano sein Paris ihre kanadische Provinz beschrieb: der Kern der Welt, im Mikrokosmos freigelegt. Ontario forever. Paris pour toujours.

Es ist tatsächlich ein Paris für die Ewigkeit, das Modiano in seinen Romanen beschreibt. Nicht weil er immer wieder mythisch aufgeladene Straßennamen ins Spiel bringt, sondern weil er das Erinnern als potenziell unendlichen Prozess beschreibt. Gern würde man sagen, dass Modiano mit all den klingenden Namen der Pariser Boulevards eine Art Kartografie für das Gedächtnis entwickelt hat. Aber das klingt nur gut, seine Entsprechung in der Literatur hat es nicht. Sein Erinnern, das wahre Erinnern ist komplizierter.

Die Amnesie, der sich der Mensch gern hingibt

Der noch immer blitzwache, überhaupt nicht geschichtssatte Schriftsteller, der diesen Monat 70 Jahre alt wird, misstraut eben gerade den großen Namen und den Gefühlen, die sie heraufbeschwören. Aufschreiben hilft lediglich bedingt gegen die Amnesie, der sich der Mensch nur zu gern hingibt, weil sie ihn vor bitteren Erkenntnissen über sich selbst schützt.

Das ist der politische Aspekt im Schreiben von Modiano, der sich im kleinen Format auch immer wieder den großen Traumata der Zeitgeschichte näherte: Erinnern kann immer der Gegenwart abgerungen werden, in musealer Form ist es nichts wert.

Auch Jean Daragane, der Schriftsteller in Modianos neuem Roman, muss erkennen, dass Aufschreiben nicht immer gleich Aufarbeiten meint. Schon in seinem ersten Buch hatte er versucht, die traumatischen Erlebnisse der Kindheit einzufangen. Doch nun, im hohen Alter, muss er feststellen, dass nichts eingefangen, festgehalten, gelöst ist. Oder wie es der Schriftsteller in dem ihm ganz eigenen ruhigen, aber niemals ruhenden Sound ausdrückt: "Gegenwart und Vergangenheit verschwimmen ineinander, und das scheint ganz normal, denn getrennt waren sie bloß durch eine Cellophanwand. Ein Insektenstich genügte, um das Cellophan zu sprengen."

Und so irrt der alte Mann mit dem Zettel, der ihm damals von der mütterlichen Freundin geschrieben wurde, durch die Straßen, in denen er jeden Stein zu kennen glaubt, während er sich selbst nicht mehr erkennt: "Damit du dich im Viertel nicht verirrst".

Hilft alles nichts: Der kleine Junge, der alte Schriftsteller, sie werden, wie Patrick Modiano selbst, nie aus Paris herausfinden.

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Saima Altunkaya
Christian Buß ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE mit dem Schwerpunkt Medien und Gesellschaft.

E-Mail: Christian_Buss@spiegel.de

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Seite 1
steffen.ganzmann 26.07.2015
1.
Wer sich erst einmal über Paris belesen möchte - ohne den Baedecker": Klaus Manns: "Treffpunkt im Unendlichen" sowie "Der Vulkan" und Léo Malets "Nestor Burma" Krimireihe.. Dabei klappert der Privatdedektiv alle Arrondisments in jedem Krimi nacheinander ab. Im deutschen Nachwort wird dem Leser erklärt, wie das besprochene Arrondisment so ist und wo man auf Burmas Wegen wandelt. Hat man diese Bücher gelesen, fühlt man sich in Paris beinahe schon wie Zuhause ...
Newspeak 26.07.2015
2. ...
Zitat von steffen.ganzmannWer sich erst einmal über Paris belesen möchte - ohne den Baedecker": Klaus Manns: "Treffpunkt im Unendlichen" sowie "Der Vulkan" und Léo Malets "Nestor Burma" Krimireihe.. Dabei klappert der Privatdedektiv alle Arrondisments in jedem Krimi nacheinander ab. Im deutschen Nachwort wird dem Leser erklärt, wie das besprochene Arrondisment so ist und wo man auf Burmas Wegen wandelt. Hat man diese Bücher gelesen, fühlt man sich in Paris beinahe schon wie Zuhause ...
Ist das die Aufgabe von Schriftstellern? Reiseliteratur? Wäre es nicht besser, man führe selber nach Paris und machte sich seinen eigenen Eindruck? Was kann denn die fremde Geschichte eines fremden Viertels schon für einen bedeuten, im Vergleich zur eigenen Geschichte darin (so kurz sie sein mag)? Es steht natürlich jedem Schriftsteller frei, sein Umfeld durch Miniaturen zu erschließen, von mir aus auch seine Traumata und Zwangsvorstellungen abzuarbeiten, aber ob das nobelpreiswürdig ist, nur weil man es immer und immer wieder tut? Geschmacksache. Jedenfalls erschließt sich mir nicht, warum ich diesen Roman vielleicht lesen sollte? Kann aber an mir liegen.
steffen.ganzmann 26.07.2015
3. Jain
Zitat von NewspeakIst das die Aufgabe von Schriftstellern? Reiseliteratur? Wäre es nicht besser, man führe selber nach Paris und machte sich seinen eigenen Eindruck? Was kann denn die fremde Geschichte eines fremden Viertels schon für einen bedeuten, im Vergleich zur eigenen Geschichte darin (so kurz sie sein mag)? Es steht natürlich jedem Schriftsteller frei, sein Umfeld durch Miniaturen zu erschließen, von mir aus auch seine Traumata und Zwangsvorstellungen abzuarbeiten, aber ob das nobelpreiswürdig ist, nur weil man es immer und immer wieder tut? Geschmacksache. Jedenfalls erschließt sich mir nicht, warum ich diesen Roman vielleicht lesen sollte? Kann aber an mir liegen.
Manns Romane tragen eindrücklich autobiographische Zügen. Geschrieben in den 1930ern findet man dennoch die meisten Lokalitäten. Malets Romane spielen immer in einem der 20 Pariser Arrondissements. "Reiseliteratur" sind diese Krimis erst durch das deutsche Nachwort, das einer wichtige Ort der Bücher liefert. Aber natürlich ist das meilenweit entfernt nur von einem eigenen Parisbesuch ...
Newspeak 27.07.2015
4. ...
Zitat von steffen.ganzmannManns Romane tragen eindrücklich autobiographische Zügen. Geschrieben in den 1930ern findet man dennoch die meisten Lokalitäten. Malets Romane spielen immer in einem der 20 Pariser Arrondissements. "Reiseliteratur" sind diese Krimis erst durch das deutsche Nachwort, das einer wichtige Ort der Bücher liefert. Aber natürlich ist das meilenweit entfernt nur von einem eigenen Parisbesuch ...
Ich gebe zu (wahrscheinlich, weil ich eine Nacht darüber geschlafen habe), daß solche Romane Lust auf diese Städte erwecken können, daß es vielleicht interessant sein kann, mitzuerleben, welche Stimmungen ein Anderer an bestimmten Orten erlebt, oder daß die Stadt an sich die Hauptfigur sein kann, jenseits von den Menschen, deren Leben darin geschildert wird. Das wäre allerdings mehr als "Reiseliteratur".
ambulans 27.07.2015
5. >steffen.ganzmann (oben),
wenn man jemand "Reise-literatur" erklären mus, als ob das keine" literatur" (oder nicht "hochwertig" genug) wäre, isr bei dem betreffenden hopfen und malz verloren. wer z.b. in che guevaras "carrera panamericana" per motorrad oder in lawrence durrells "griechische insel"-romanen nichts zu entdecken vermag, ist selbst dran schuld, finde ich ... mfg, dr. ambulans
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