"Peanuts"-Schöpfer Schulz Trauriger großer Kürbis

Comic-Strips als Therapie: Eine in den USA erschienene Biografie outet den verstorbenen "Peanuts"-Schöpfer Charles M. Schulz als von Depressionen und Selbstzweifel gepeinigten Melancholiker, der seine Qualen in den Comics verarbeitet habe. Schulz' Familie protestiert.

Von , New York


Ihr Name war Donna Mae Johnson und sie arbeitete in der Buchhaltung. Sie hatte blaue Augen, rotes Haar und ein strahlendes Lächeln. Ihr jüngerer Arbeitskollege betete sie an: "Ich fand sie einfach wundervoll." Aus der Freundschaft wurde eine Beziehung. Doch dann, nach Monaten des Flirts, heiratete Donna Mae einen anderen. Der Verschmähte war am Boden zerstört. "Deine erste Liebe verschmerzt du nie", würde er noch als 75-Jähriger sagen.

Die unglückliche Romanze ereignete sich 1950. Der junge Mann hieß Charles M. Schulz. Er lebte in Minneapolis und zeichnete Comic-Strips für Sonntagszeitungen. Seinen Schmerz verarbeitete er in einer neuen Serie, und deren trauriger Held Charlie Brown war ein Spiegelbild seiner selbst. Aus Donna Mae machte Schulz später das "kleine rothaarige Mädchen", Charlies unerreichbaren Schwarm.

Und so begann der erfolgreichste Comic-Strip aller Zeiten: die "Peanuts". Schulz zeichnete ihn fast ein halbes Jahrhundert lang, bevor er Ende 1999 den Stift niederlegte. Wenige Wochen später starb er im Alter von 77 Jahren. Seine Todesnachricht erschien am selben Tag wie seine letzte "Peanuts"-Folge.

Jeder kennt die "Peanuts". Schulz' Privatleben hingegen war lange von Diskretion umhüllt. Bis jetzt: Eine neue, in ihren minutiösen Details schier überwältigende Biografie outet den Comic-Künstler als von Depressionen und Komplexen geplagten Charakter. "Schulz and Peanuts" von David Michaelis offenbart die oft zwerchfellerschütternden "Peanuts"-Storys als Fenster in die wunde Seele ihres Autors.

Raumschiff "Charlie", Mondfähre "Snoopy"

Eine Enthüllung mit Folgen: Den Hinterbliebenen von Schulz behagt die Sichtweise Michaelis' ganz und gar nicht. Die Erben beteiligten sich zwar an dem Buch, legten jetzt jedoch nachträglich Protest ein. "Die ganze Sache ist völlig falsch", sagte Schulz' Schwester Amy Schulz Johnson der "New York Times". Man habe seine Familie "ausgenutzt".

Dabei hat Schulz seine psychischen Probleme oft selbst angedeutet. Er sprach von einer lebenslangen "Melancholie" und sagte in einem TV-Interview einmal: "Ich habe dieses furchtbare Gefühl von drohendem Verhängnis. Ich erwache in begräbnisartiger Atmosphäre."

Es war diese morbide Atmosphäre, die auch die nur vordergründig fröhlichen "Peanuts" oft umwaberte. Mit ihren lakonischen Philosophierereien und ihrem staubtrockenen Galgenhumor waren sie stets mehr als ein Comic für Kinder. In den kurzen Strips reflektierten sich die Nöte und Ängste von Generationen - und ein pessimistisches Weltbild: die existenziellen Enttäuschungen des Lebens, verkorkste Liebeleien, sportliche Erniedrigungen, die falschen Triumphe, der "große Kürbis", auf den man vergebens wartet.

Charlie, Snoopy, Lucy, Linus, Woodstock, Schroeder - in den "Peanuts" erkannten sich Leser aller Couleur wieder: Teenager, Studenten, Baby Boomer, Midlife-Krisengeschüttelte. Auf ihrem Zenit erreichten die "Peanuts" rund 300 Millionen Menschen in 75 Ländern via 2600 Zeitungen in 21 Sprachen. Hinzu kamen Bücher, TV-Filme, ein Broadway-Musical. Ronald Reagan war ein Fan. Die Astronauten der "Apollo 10" nannten ihr Raumschiff "Charlie" und ihre Mondfähre "Snoopy".

"Das Leben ist hart"

Doch mehr noch waren Charlie, Snoopy, Lucy & Co. - wie Michaelis auf 672 Seiten und unter Zuhilfenahme von Dutzenden reproduzierter "Peanuts"-Strips aufzeigt - Spiegelungen der privaten Leidenswelt von Schulz. Es war eine zutiefst bürgerliche Welt voller Zwänge und nie heilender Narben, aus der er, obwohl er darüber zum Milliardär wurde, nie ausbrechen konnte. Stattdessen suchte er Zuflucht in der Phantasiewelt seiner gemalten Kreaturen.

Als Kind nannte man ihn "Sparky", nach einem Comic-Pferd. Aufgewachsen in der Provinz des US-Bundesstaats Minnesota, wo Kirche und Familie herrschten und jede besondere Begabung als verdächtig galt, war Schulz ein einsamer, gepeinigter Junge, zerrissen von Selbstzweifeln und Größenwahn zugleich. "Man hat mich nicht wirklich gehasst", zitiert ihn Michaelis. "So sehr kümmerte sich niemand."

Sein Vater Carl Schulz, ein gebürtiger Deutscher aus Stendhal in Sachsen-Anhalt, war nie Zuhause, sondern immer nur in seinem Friseursalon (auch Charlie Browns Vater war Friseur). Seine Mutter, norwegischer Abstammung, war unnahbar und kühl. "Das Leben ist hart, so hieß das Credo des Clans", schreibt Michaelis.

So verklemmt Schulz auch war, so fest glaubte er an seine Berufung, eines Tages Comics zu zeichnen. Diesen Traum bewahrte er sich auch nach dem Krebstod der Mutter und seinem Eintritt in die Armee 1943, mit der er im zweiten Weltkrieg über Frankreich bis in Hitlers Drittes Reich vorstieß - düstere Erlebnisse, die er später auch in den "Peanuts" verewigen würde.

Gezeichnete Therapie-Sitzungen

Die entstanden, nach vielen Fehlstarts und Absagen, 1950 - zur gleichen Zeit, da er Donna Mae Johnson hinterher trauerte. Erstmals abgedruckt in der Zeitung "St. Paul Pioneer Press", hießen sie anfangs "Li'l Folks" - kleine Leute. Als Schulz begann, die Serie auch anderen Blättern anzubieten, zwangen ihm seine Redakteure einen anderen Namen auf, den er hasste: "Peanuts."

Die "Peanuts" waren stets Porträts Ihres Schöpfers. Charlie Brown war erfolglos, fade, ohne Freunde, heimlich ambitioniert, stoisch, missverstanden: "Eine aufrechte Person in einer feindlichen, wenn nicht gleichgültigen Welt", schreibt Michaelis. Schroeder war talentiert und unglücklich verliebt. Snoopy entkam seiner Hundehütte mit Tagträumen von Heldentaten und phantastischen Abenteuern - und wurde der komplexeste Charakter der "Peanuts": Er konnte Skilaufen, Surfen und Tennis spielen, er jagte den roten Baron und begann sogar einen Roman ("Es war eine dunkle, stürmische Nacht…").

Fast noch interessanter aber sind die Frauen in Schulz' Leben. Sprich: die Mädchen der "Peanuts". So ist Lucy - sarkastisch, und gemein - laut Michaelis' Recherchen eine Symbiose aus Schulz' Mutter und seiner ersten Ehefrau Joyce Halverson, die er betrog und von der er 1972 nach 21-jähriger Ehe geschieden wurde. Anfangs noch putzig, wurde auch Lucy im Lauf der Jahre immer unvernünftiger, zynischer, düsterer, bedrohlicher und dominanter.

Schulz lebte seine inneren Konflikte in den Sprechblasen aus, die, anders als andere Comics jener Zeit, meist im weißen Raum schwebten, ohne Kontext oder "Action". Die "Peanuts" waren gezeichnete Therapie-Sitzungen - nicht nur, wenn Lucy an ihrem kleinen Stand die Psychotherapeutin spielte.

"Dear friends…"

Um zu diesem Schluss zu kommen, sichtete Michaelis alle 17.897 "Peanuts"-Folgen und interviewte Hunderte Zeitzeugen, darunter den Großteil der Angehörigen Schulz'. Trotzdem widerspricht ihm die Familie jetzt öffentlich. "Das ist nicht wahr", weist Schulz' Sohn Monte Schulz in der "New York Times" den Eindruck zurück, sein Vater sei schwermütig gewesen. Schulz' zweite Frau Jean Schulz bestätigt zwar "melancholische" Episoden, sagt aber, diese seien nur ein Teil seines Wesens gewesen. "Die meiste Zeit lachte er gerne."

Schulz erkrankte an Magenkrebs und erlitt im November 1999 einen Schlaganfall. Kurz darauf zog er sich mit einem Brief an seine Leser widerwillig in den Ruhestand zurück: "Ich will mich auf meine Gesundheit und meine Familie konzentrieren." Er zeichnete eine letzte "Peanuts"-Folge, in der alle Hauptfiguren noch einmal auftauchten. Snoopy saß an seiner Schreibmaschine, darin eingespannt Schulz' Abschiedsschreiben: "Dear friends…"

Die Goodbye-Folge erschien am 13. Februar 2000. Charles M. Schulz war in der Nacht zuvor gestorben.


David Michaelis: "Schulz and Peanuts - A Biography", HarperCollins, New York, 2007



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