Peanuts-Werkausgabe: Wie Charlie Brown die Welt erträgt

Von Stefan Pannor

17.000 Comic-Strips um Snoopy, Charlie Brown & Co hat Charles M. Schulz gezeichnet. Die lakonisch-melancholischen "Peanuts" sind Legende - jetzt gibt es eine opulente Werkausgabe. SPIEGEL ONLINE zeigt Zeichnung Nr. 1.

Als Charles M. Schulz 1950 ein Konzept für einen Comicstrip bei United Media, einem der großen New Yorker Syndikate einreichte, hätte er wohl als letzter daran gedacht, dass diese Idee noch über ein halbes Jahrhundert später und über seinen Tod hinaus Wirkung haben könnte. Schulz' Idee waren die "Peanuts".

Peanuts, im englischen Sprachgebrauch nicht nur Erdnüsse, sondern ein Synonym für Kleinigkeiten, dieser Name war von Anfang an Programm: Passend zum kleinen Format der Strips zeichnete Schulz Kinder und ihre Erlebnisse in einem ausgesprochen simplen Stil, der weitgehend auf Details verzichtete, nie die Augenhöhe der Kinder verließ und tatsächlich keinerlei Erwachsene zuließ. Statt um Spektakel und Action ging es um Alltagseinsichten und amüsante Lebensweisheiten. Das war ungewöhnlich zu einer Zeit, als Comicstrips sich noch um größtmöglichen Realismus bemühten, abenteuerliche Comics in den Zeitungen dominierten und selbst Micky Maus monatelange actionpralle Epen erlebte.

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Peanuts - Die Werkausgabe, Band 1, Seite 1 (4 Bilder)

Schulz selbst hat den Namen "Peanuts" nie gemocht. Und vielleicht war das die Ursache, dass sein Strip lange brauchte, eher er seinen eigentlichen Tonfall fand. Künstler und Comic mussten sich vielleicht erst aneinander gewöhnen. Gerade die frühen "Peanuts"-Strips sind noch weit weg von jenen Mini-Sophistereien, die Schulz ab den sechziger Jahren, ausgehend von den Universitäten der USA, zügig ein Millionenpublikum bescherten. Die weitgehend biederen Pointen der frühen fünfziger Jahre um eine größtenteils namenlose Bande von Kindern lassen noch kaum erahnen, zu welchen Höhen der Strip sich aufschwingen würde. Auch grafisch ist Schulz in jenen frühen Jahren noch extrem unsicher. Fast wöchentlich ändern sich die Proportionen seiner Figuren. Deutlich ist in ihnen die Suche nach einem Stil zu erkennen.

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Tooncafé: Peanuts - Die Werkausgabe, Band 1, Seite 171 (4 Bilder)

Wohin ihn diese Suche führen würde, hat wohl auch Schulz selbst kaum geahnt. Comics bezeichnete er einmal als "untergeordnete Kunstform", was wohl weniger eine Schelte des Mediums war als mehr eine spezielle, verquere Form von Bescheidenheit des Künstlers, der sich selbst als eher wenig begabt betrachtete. Doch allein "Peanuts" sind der beste Beweis für die Kunstfähigkeit der Comics. In seinen Hochzeiten ab 1960 präsentierten sich Charlie Brown, Snoopy, Lucy, Linus und all die anderen, jetzt mit Namen und Charakter versehen, als gewitzte und gewandte Boten aus einem charmanten Paralleluniversum, in dem der Geist über die Realität triumphiert. Die Peanuts funktionieren, weil sie nicht Erwachsene sind und weil nichts Erwachsenes sie aufhält. Wenige, dicke, elegant geschwungene Striche genügten, um diese Welt zu beleben.

Das manifestiert sich am schönsten in Lucys Psychologie-Stand, in dem sie über Jahrzehnte hinweg krisenfest konstant für 10 Cent psychologische Beratung anbot. Oder in Snoopy, dem neurotischen Beagle, der auf dem Dach seiner Hundehütte Vollversionen von "Krieg und Frieden" inszenierte - vier Stunden lang, ausschließlich mit Handpuppen. Überhaupt, Snoopy... der als roter Fliegerbaron, als einsamer Soldat in den napoleonischen Kriegen und natürlich als verkannter Schriftsteller wirkte. Legendär die den britischen Romancier Edward Bulwer-Lytton zitierende Eröffnungszeile all seiner zahlreichen abgelehnten Bücher, "Es war eine dunkle und stürmische Nacht ..."

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Peanuts - Die Werkausgabe, Band 2, Seite 175 (4 Bilder)

Mit Logik oder Vernunft ist dem nicht beizukommen. Die Peanuts sind so intelligent, weil sie sich nicht darum kümmern, wie die Großen die Welt wahrnehmen. Schulz' Kinderwelt ist nur scheinbar heil. Charlie Brown verliert jedes Baseballspiel, er darf nie das kleine rothaarige Mädchen ansprechen und wird definitiv immer von Lucy aufs Kreuz gelegt. Verlust und Melancholie lauern in dieser Welt immer gleich hinter der nächsten Hundehütte. Das ist keine Realitätsflucht, sondern eine Maßnahme zur Realitätszurechtrückung. So kann man die Welt sehen, man muss nur wollen. So kann man die Welt ertragen. Auch - und vor allem - in dunklen und stürmischen Nächten.

Für den menschenscheuen Schulz erwies sich der Comic als Glücksgriff. In den siebziger und achtziger Jahren galt der 1922 in Minnesota geborene Zeichner als einer der bestverdienenden Entertainer der USA. Es gab nicht nur Zeitungsstrips und Bücher mit den "Peanuts", sondern auch Filme, TV-Specials - und praktisch alles, worauf sich der Name der Figuren drucken ließ. Schulz verdiente daran kräftig mit, spendete allerdings auch weite Teile dieser Einnahmen für wohltätige Zwecke. Vom Erfolg des Geschäftsmanns Schulz ließ sich der Künstler Schulz allerdings nie beeindrucken. Die "Peanuts" waren bis zum Ende sein ureigenes Werk, geschaffen im Alleingang ohne Assistenten-Hilfe. Am Ende starb Charles M. Schulz auch gemeinsam mit seinem Strip. Durch lange Krankheit am Arbeiten gehindert, stellte er die "Peanuts" ein - und starb am 12. Februar 2000, einen Tag, bevor sein letzter Comic erschien. Fast 50 Jahre lang hatte Schulz jeden Tag einen neuen Strip gezeichnet.

Die umfassende popkulturelle Bedeutung der "Peanuts" bemerkte zuletzt vor allem der US-Verlag Fantagraphics. Dieser, eigentlich zuständig für Independent-Comics etwa von Daniel Clowes ("Ghost World"), hatte sich nach Schulz' Tod die Rechte an einer Gesamtausgabe gesichert. Fast zögerlich erschienen im Mai 2004 in den USA die ersten edel aufgemachten Hardcover-Bände zum stolzen Preis von 25 Dollar - sie wurden den Händlern aus den Händen gerissen. 25.000 Stück verkaufte der Verlag allein vom ersten Band innerhalb weniger Monate. Sicher auch, weil insbesondere die frühen Bände viele ausgesprochen rare Strips enthalten, für deren Beschaffung umfangreiche Recherchen in öffentlichen und Privatarchiven nötig waren.

Es ist diese Werkausgabe, die der Hamburger Carlsen Verlag nun glücklicherweise eins zu eins übernimmt. Parallel zum Rhythmus der englischsprachigen Vorlage erscheint halbjährlich ein weiterer Band auf Deutsch. 12 Jahre lang, wenn alles gut geht, dann liegt der große Traum des großen Charles M. Schulz von seinen kleinen Peanuts komplett vor.


Die Peanuts-Werkausgabe: Band 1 erschienen bei Carlsen Comics, 360 Seiten, 29,90 Euro

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