Familiengeschichte eines SS-Manns Der nationalsozialistische Butterkuchen

Psychogramm eines Nazis, das ohne Nazi-Klischees auskommt: In "Flut und Boden" erzählt Per Leo die Geschichte seines Großvaters, eines überzeugten SS-Führers - ihm gelingt, woran kaum einer noch geglaubt hätte: Eine Wiederbelebung des Familienromans.

Corbis

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Würde man die Geschichte der Welt allein anhand von Romanen rekonstruieren, dürfte schnell klar sein, dass es Kulturkreise gibt, in denen man Drogen nimmt, seine Neurosen oder Phantasien pflegt, ja sogar Kulturkreise mit einem Sexualleben - und dann wären da noch die deutschsprachigen Länder. Dort hat man eine Familie. Wenn es so etwas gibt wie eine klassische Form des deutschsprachigen Romans, ist es der Familienroman; eine Form, die derart prägend ist in der deutschsprachigen Literatur, dass, wer im Jahr 2014 noch einen Familienroman veröffentlicht, eigentlich nur besonders einfallslos sein kann - oder größenwahnsinnig.

Per Leo hat es gewagt. Sein Buch "Flut und Boden" trägt den Untertitel "Roman einer Familie", es ist der überraschende Beweis, dass ein Familienroman auch heute noch interessant sein kann, wenn er sich seines Blickwinkels genau bewusst ist und abgegriffene Formen vermeidet.

Deren Muster hatte Thomas Mann mit den "Buddenbrooks" bereits 1901 vorgegeben. 2008 war mit Uwe Tellkamps "Der Turm" der vorläufige Gipfel ihrer Renaissance erreicht. Die Tellkamps Roman folgenden Titel ähnlichen Zuschnitts, so Eugen Ruges "In Zeiten abnehmenden Lichts", gerieten literarisch zunehmend blass, und so war schon 2011 ein Ende dieses literarischen Neokonservativismus abzusehen - eine Erkenntnis, die mittlerweile sogar ins "Zeit"-Feuilleton vorgedrungen ist, wo derzeit eine leicht verspätete Debatte zum Thema den Charme aufgewärmter Erkenntnis verströmt.

Wenn der Familienroman nicht schon tot gewesen wäre, spätestens jetzt dürfte er erledigt sein, hätte man glauben können - doch da hatte die historische Entwicklung die sich mit deren Deutung plagenden Feuilletonjournalisten schon wieder abgehängt: Per Leos "Flut und Boden" ist bereits für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert und damit eines der Bücher des Frühjahrs 2014.

Erzählerischer Kunstgriff

Wie alle klassischen deutschsprachigen Familienromane erstreckt sich "Flut und Boden" über drei Generationen, wie bei allen klassischen Familienromanen steht auch in seinem Zentrum ein Paar gegensätzlicher Brüder, sogar ein Weihnachtskapitel gibt es - seit den "Buddenbrooks" unerlässliches Gütesiegel bürgerlich-deutscher Erzähltradition. Und doch ist "Flut und Boden" nicht der nächste Familienroman alter Schule.

Ich-Erzähler, aber nicht Mittelpunkt des Buches ist Per Leo, ein junger Historiker, namensgleich mit dem Autor des Buches, der hier offenbar die Geschichte seiner eigenen, realen Familie erzählt. In deren Zentrum steht Friedrich Leo, Jahrgang 1908. Per ist der Enkel von Friedrich, erst nach dessen Tod erhält er Zugriff auf - klassischer Kniff - sorgsam gehütete Unterlagen seines Großvaters: Es entsteht das Bild eines überzeugten Nationalsozialisten, eines SS-Führers, der in einer NS-Behörde an leitender Stelle zuständig war für die "rassische Auslese" der Bevölkerung in den von den Deutschen eroberten Gebieten.

Leos erzählerischer Kunstgriff ist dabei der, dass er mit den Augen des Enkelsohns auf seinen Großvater schaut: So verschmelzen persönliche Erinnerungen des Enkels mit der Analyse der Rassevorstellungen des einstigen SS-Mannes: Das Quadrat Butterkuchen, das Friedrich Leo seinen jugendlichen Nachfahren versprach, wenn sie das Gardemaß von 1,80 Metern erreichten, wird zur Chiffre für die alltägliche, hier gutmütig wirkende Umsetzung des nationalsozialistischen Ideals vom arischen Herrenmenschen.

Nazis und ihre Vorläufer

Die Kriegszeit seines Großvaters spart Per Leo fast vollständig aus. Anders als die Fernsehserie "Unsere Mütter, unsere Väter" kann er auf das Zerrbild der monströsen Nazis, die wie Aliens über die Menschheit kamen, verzichten, und findet stattdessen zur behutsamen Charakterzeichnung eines Mannes, der, geprägt von einem deutschnationalen Elternhaus der späten Kaiserzeit, von pseudowissenschaftlichen Theorien über Rasse, Charakter, ja sogar Handschrift, sich langsam zum Inbegriff eines NS-Täters entwickelt. Im Rückgriff auf die Ideengeschichte des Nationalsozialismus und seiner Vorläuferideologien gelingt Per Leo das Psychogramm eines typischen Nazis, das ohne Klischees vom typischen Nazi auskommt, und gerade deshalb viel erhellender ist.

Gegenfigur zum Großvater Friedrich ist dessen Bruder Martin, ein sanfter Mensch, der nach dem Zweiten Weltkrieg in der DDR lebt und sich mit Sonnenbeobachtung befasst. Er spielt im Buch eine untergeordnete Rolle, wie auch die Generation der Kinder Friedrich Leos - darunter der Vater des Erzählers - nur skizziert wird.

Hier zeigt sich der Vorteil der Konstruktion von "Flut und Boden": Weil Per Leo die Kapitel des Buchs eher thematisch gegliedert hat, ist er auf Erzählstränge, die lediglich dazu dienen, die Dramaturgie des Familienromans zusammenzuhalten, nicht angewiesen und kann es sich erlauben, Nebenhandlungen knapp darzustellen. Leo referiert seine Geschichte eher, als dass er sie konventionell erzählt, das aber mit sprachlicher Souveränität, gelegentlich auch trockenem Humor.

So ist diese Rekonstruktion einer Familiengeschichte zugleich eine Dekonstruktion ihrer klassischen Form - und damit das, womit im Jahr 2014 kaum jemand gerechnet hätte: ein Meta-Roman zum Thema Familie.

Gerhard Henschels "Bildungsroman", Emmanuèle Bernheims "Alles ist gutgegangen", Martin Mosebachs "Das Blutbuchenfest", Roberto Savianos "Zero Zero Zero", Ryad Assani-Razakis "Iman", Horst Bredekamps "Der schwimmende Souverän", Alexander Schimmelbuschs "Die Murnau Identität", Don Winslows "Vergeltung", Zadie Smiths "London NW" und Haruki Murakamis "Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki"

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