Peter Handke Versuch über die Dummheit

In der heute erscheinenden Ausgabe des Rezensionsmagazins "Literaturen" zeigt der Schriftsteller Peter Handke abermals sein Herz für den serbischen Großinquisitor Milosevic. Handkes elend langer Text besteht hauptsächlich aus Ressentiments, sein Essay ist welkes Spätwerk eines hauptberuflichen Langweilers.

Von Claus Christian Malzahn


Milosevic-Apologet Handke: Schlampig, peinlich, langweilig
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Milosevic-Apologet Handke: Schlampig, peinlich, langweilig

Berlin - Das Interessanteste, was man in den vergangenen 20 Jahren über den Schriftsteller Peter Handke berichten konnte, war seine Affäre mit der schönen Schauspielerin Katja Flint. Zwar machte die von der Münchner Literaturzeitschrift "Bunte" enthüllte Liaison aus Handke keinen Arthur Miller und aus Flint keine Marilyn Monroe. Trotzdem fragte man sich: Holla, wie hat der alte Zausel denn die Bella erobert? Doch wohl nicht mit seinen "andersfarbigen" Belgrader Bonbons, über die er sich in seinen proserbischen Elogen in den neunziger Jahren ständig ausgelassen hatte?

Selbst Handkes größte Feinde senkten verblüfft den Degen, als der österreichische Märchenonkel mit seiner feenhaften Geliebten durch die bunten Blätter schwebte. Aber vielleicht ist das alles auch nur ein Fiebertraum gewesen, denn Handke phantasiert sehr viel, leider meist vom Balkan: von der Schlacht auf dem Amselfeld, vom Massaker in Srebrenica, das ziemlich genau vor zehn Jahren stattfand, vom Krieg im Kosovo, vom Bombardement der Donau-Brücken.

PR-Pingpong statt Kreativität

Handke beharrt seit der Veröffentlichung seines Pamphlets "Gerechtigkeit für Serbien" Mitte der neunziger Jahre in der "Süddeutschen Zeitung" darauf, dass die Welt allgemein und die "Medienmaschine" im Besonderen vor zehn Jahren über ein wehrloses Serbien hergefallen sei und es vorverurteilt habe. Journalisten, auch wenn sie jahrelang in den Balkan-Kriegen unterwegs waren, traut der Großdichter eine Wahrheitsfindung grundsätzlich nicht zu. Journalisten sind für Handke nur Rädchen in einem bösen Getriebe, das alle Wahrhaftigkeit unter sich begräbt. Nach Handkes Attacken fiel dann meist das deutsche Feuilleton - durchaus beleidigt - über Handke her und attestierte ihm angesichts Zehntausender Todesopfer der jugoslawischen Armee, ein übler Verschleierungsprosaiker zu sein, ein Propagandist Belgrads, ein Zyniker vor dem Herrn.

Kriegsverbrecher Milosevic vor dem Uno-Tribunal (2005): Märchen vom falsch verstandenen Schlächter
DPA

Kriegsverbrecher Milosevic vor dem Uno-Tribunal (2005): Märchen vom falsch verstandenen Schlächter

Nun geht der Pingpong zwischen dem Dichter und dem von ihm herzlich verachteten Kritikern in die Verlängerung. In der neuen Ausgabe des Rezensionsmagazins "Literaturen" hat Handke unter der Überschrift "Noch einmal Jugoslawien" wieder zugeschlagen. Fand sich in seinem Essay "Gerechtigkeit für Serbien. Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina" trotz aller wirren Thesen noch etwas Poesie und sprachliche Finesse, so handelt es sich nun um welkes Spätwerk. Ein Trauerspiel, das Ganze: Vor 30 Jahren stellte Handke die deutsche Literatur auf den Kopf, heute wirkt der einstige Popstar wie jemand, der verzweifelt versucht, wieder einen Hit zu landen - und dem die Stimme auf der Bühne versagt.

Mit mehr als 15.000 in quälender Langeweile gesetzten Wörtern behelligt uns Handke diesmal - jedes Zitat aus diesem Text wäre Valium für die Balkan-Diskussion. Achtung, Kaffee bereithalten: "Wenn ich mir das Funktionieren, Agieren, Reagieren und insbesondere Sich-Präsentieren dieses speziellen Tribunals vergegenwärtige, kommen mir zum Vergleich eigene Verhaltensweisen in den Sinn, die sich mit den Jahren, nicht eben zu meiner Freude, mechanisiert und geradezu institutionalisiert haben. Diese innere Maschinerie kommt immer wieder in Gang, sooft ich, in einer Äußerung oder Handlung gegenüber dem und jenem andern, eine Grenze überschritten, gar übersprungen habe. Ich spüre danach, vielleicht ja nicht ganz unrecht gehandelt zu haben, oder sogar 'halbwegs' recht, aber stärker noch, als sei es nicht ganz rechtens gewesen, es so zu tun, so zu äußern."

Dichter-Sermon, Diktatoren-Gelaber

Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" hat Handke bei seinen Grenzüberschreitungen bei einer Reihe Halb- und Unwahrheiten erwischt. Ortsnamen sind falsch geschrieben, Titel unkorrekt, selbst Milosevics Werdegang hat sein Fürsprecher falsch in petto: lauter Peinlichkeiten, für die doch nach Handke Journalisten zuständig sind, die die Welt durchrasen, viel sehen, nichts begreifen.

Polizisten bei einer Anti-Milosevic-Demo, 1999 in Belgrad: Wehrloses, vorverurteiltes Serbien?
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Polizisten bei einer Anti-Milosevic-Demo, 1999 in Belgrad: Wehrloses, vorverurteiltes Serbien?

Den serbischen Despoten hat Handke in seiner Gefängniszelle im niederländischen Scheveningen besucht und ihm drei Stunden bei einem Monolog zugehört. Zu solchen Rhetorikangriffen ist sonst nur Fidel Castro fähig, aber Handke hat die Verbalattacke des serbischen Angeklagten auf seine Lebenszeit offenbar regelrecht genossen. Der Dichter hält den Despoten zwar nicht für gänzlich unschuldig, aber viele Äußerungen, etwa Milosevics einpeitschenden Nationalismus Ende der achtziger Jahre, hat die Welt offenbar ganz falsch verstanden. Nur Handke hat da friedliche Zwischentöne gehört, als Milosevic etwa im Sommer 1989 eine Million Serben auf dem Amselfeld bei Pristina versammelte und über "kommende Kriege" schwadronierte.

Milosevic gehöre nicht vor ein internationales Tribunal, sondern höchstens vor ein einheimisches Gericht, sagt Handke, und genau hier zeigt sich, dass er die Katastrophe auf dem Balkan bis heute nicht begreifen will. Die beisitzenden Richter, ein "weißbärtiger schwarzer Jamaikaner" und ein "südkoreanischer Pfandrechtsexperte", sind natürlich das "falsche Gericht". Das Gegenteil ist richtig: Weder in Kroatien, noch in Serbien, im Kosovo oder in Bosnien sind die Gesellschaften und die Justiz bisher in der Lage, ihre Verstrickungen in Mord und Vertreibung wirklich zu klären; überall werden Opfermythen weiter geschrieben. Zur Klärung der blutdurchtränkten jüngeren Geschichte tragen deshalb gerade die weißbärtigen schwarzen Jamaikaner und die südkoreanischen Pfandrechtsexperten in Den Haag bei, vor denen sich Handke, dieser manierierte Dummkopf, in Demut verneigen sollte.

Jugoslawien als Hartz IV-Ersatz

Handkes Text ist banal und weinerlich, und die Ankündigung der Redaktion der "Literaturen", hier stehe ein Dichter, der mit seinem "dritten Blickwinkel" etwas gegen die "Medienindustrie mit ihrer geballten journalistischen Meinungsmacht" setzen wolle, ist nichts weiter als freche Public Relations aus der Schreibstube der Pseudophilosophie. Die Veröffentlichung seines Textes ist ein kalkulierter Skandal und kulturpolitisch so bedeutend wie der "Weiße Hai", Teil VII.

Massengrab bei Srebrenica, 1996: Handke hat schlecht geträumt
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Massengrab bei Srebrenica, 1996: Handke hat schlecht geträumt

Handke hat schlecht geträumt, er träumt schon seit Jahren nicht gut - oder ist er vielleicht sogar hellwach? Es hat doch alles wieder funktioniert, wie gehabt. Er hat seine Provokation abgesondert, und alle haben ihm wieder brav und wie bestellt widersprochen. Warum eigentlich? Kann man den Mann nicht einfach brabbeln lassen wie einen wirren Greis? Muss man zum hundertsten Mal beweisen, dass die jugoslawische Armee in Srebrenica ein furchtbares Massaker unter Zivilisten angerichtet hat? Würden wir genauso reagieren, wenn sich die "Literaturen" mit einem Essay ins Gespräch bringen wollte, in dem ein Autor X die deutsche Alleinschuld im Zweiten Weltkrieg bestreitet?

So aber geht alles wieder seinen Gang, Vortrag und Kritik tragen mittlerweile rituelle Züge. Die "FAZ" fällt abermals ihr vernichtendes Urteil, so auch die "Zeit", die "Frankfurter Rundschau" und der "Tagesspiegel". Andere werden folgen, manche - wie die "Berliner Zeitung" - schlagen sich keck auf Handkes Seite. Da geht es auch um Positionierungen im Debattenkuckucksheim. Balkan? Interessiert der uns wirklich noch? Möglicherweise ist das ehemalige Jugoslawien für den Dichter, was Hartz IV für Lafontaine ist: ein Thema, an dem man sich aus der Versenkung wieder an die Oberfläche ziehen kann. Mal ehrlich: Wer von uns hat ein Handke-Buch - sagen wir, der letzten 20 Jahre - von vorn bis hinten durchgelesen und nicht nur weithin sichtbar im Regal drapiert? Die deutsche Politik und die deutsche Literatur haben die Clowns, die sie verdienen. Ansonsten gilt: Viel Feind, viel Ehr, aber: Ehre, wem Ehre gebührt. Deshalb schweigen wir ab heute über Handke.



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