Peter Høegs neues Buch Kontaktaufnahme über die Trockenhaube

Mit "Fräulein Smillas Gespür für Schnee" gelang ihm ein internationaler Bestseller. Seitdem schreibt Peter Høeg immer wieder skurrile Romane, die Genregrenzen sprengen - wie nun auch "Durch deine Augen".

Virtueller Kontakt (Symbolbild)
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Virtueller Kontakt (Symbolbild)

Von Britta Schmeis


Peter Høegs Romane sind niemals eindeutig, nicht ihre Geschichten, nicht das Genre, nicht die Figuren. Alles scheint Täuschung, die Wirklichkeit ist ein Konstrukt. Bestseller lassen sich so trotzdem schreiben - wie es dem Dänen schon mit seinem ersten großen Roman "Fräulein Smillas Gespür für Schnee" gelang, jenem Kriminalroman aus dem Jahr 1992, der zugleich eine Mischung aus persönlichen Erinnerungen, esoterischen Weisheiten und sorgsamer Recherche wissenschaftlicher Phänomene war.

Zuletzt hatte Høeg seine Protagonistin in "Der Susan-Effekt" (2015) mit der besonderen Fähigkeit ausgestattet, dass Menschen ihr stets die Wahrheit sagen. Er thematisierte in dem Thriller die Bürde eines besonderen Talents, die Gefahren der Macht, die Möglichkeiten der Wissenschaft. Motive, die immer in seinen Werken zu finden sind. So auch in seinem neuen Roman "Durch deine Augen".

Simon, Lisa und Peter sind Freunde aus Kindertagen. Als "Club der schlaflosen Kinder" konnten sie schon damals in die Träume anderer gelangen und so die Zukunft und die Vergangenheit beeinflussen. 30 Jahre später treffen sie wieder aufeinander. Simon hat einen Selbstmordversuch hinter sich, und Peter bringt ihn in ein "Institut für neurologische Bildgebung". Dessen Leiterin hat eine Methode entwickelt, das Bewusstsein eines Menschen in Hologrammen sichtbar zu machen. So können die Patienten in Beziehung zu sich selbst und zu anderen treten. Lisa ist diese Wissenschaftlerin. Sie selbst hat seit dem Unfalltod ihrer Eltern keine Erinnerungen mehr an die gemeinsame Kindheit mit Simon und Peter.

Peter Hoeg
Robin Skjoldborg

Peter Hoeg

Statt Simon wird fortan Peter zum ständigen Gast in dem Institut. Er nimmt als Gehilfe oder Medium an den Therapiestunden anderer Patienten teil. Patienten mit traumatischen Erfahrungen des schweren Kindermissbrauchs, des Inzests, von Soldaten nach Antiterroreinsätzen, nach Unfällen oder Kriegserfahrungen im "Dritten Reich". Dem zu folgen hat fast etwas Voyeuristisches.

Vor allem aber schafft Høeg mit diesem Episodenhaften ein kaum überschaubares Themenspektrum des Horrors - und eine enorme Spannung. Dann nämlich, wenn der Leser den jeweiligen Personen von Therapiestunde zu Therapiestunde näher, dem Geheimnis eines jeden auf die Spur kommt. Der selbstmordgefährdete Simon gerät da ein wenig in Vergessenheit - wie so manch anderer Erzählstrang.

Autor Peters geschickter Zug mit Erzähler Peter

Høeg arbeitet viel mit Rückblenden. Um Lisas Erinnerungen zurückzuholen, berichtet der Icherzähler Peter aus der Vergangenheit. Für diese trancehaften Sitzungen hüllen sich die beiden ebenso wie die Patienten in weiße Kittel und setzen sich Helme auf, die an altmodische Friseur-Trockenhauben erinnern. Das hat eine gewisse Komik - vor allem in Verbindung mit den nüchternen Erläuterungen zu den komplizierten Bildgebungsverfahren, die nach Science-Fiction klingen.

Im krassen Gegensatz zu den wissenschaftlichen Ausführungen stehen die philosophischen Betrachtungen von Lisa und Peter in ihren endlosen Gesprächen. Auch die Sprache ist von diesen Gegensätzen geprägt: mal sachliche Erläuterungen technischer Vorgänge, mal romantische fast poetische Betrachtungen, mal sehr viel Nähe, mal große Distanz. Bald ist der Leser so verloren wie die Romanfiguren, fühlt sich - wie Peter von Lisa - vom Leser bedrohlich manipuliert.

Dass der Icherzähler Peter heißt, wird übrigens erst nach mehreren Dutzend Seiten offenbart. Die Geschichte ist da schon so weit von manch denkbarer Realität entfernt, dass dieses Detail kaum auffällt. Auch dass der fiktive Peter wie der Autor Peter im Kopenhagener Stadtteil Christianshavn aufgewachsen ist, dürfte nicht jedem präsent sein. Irgendwann kommt ein deutlicherer Hinweis.

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Peter Hoeg:
Durch deine Augen

Peter Urban-Halle

Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG; 336 Seiten; 24,00 Euro.

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Nun ist es ein fataler Fehler, einen Icherzähler mit dem Autor zu verwechseln. Doch Høeg führt den Leser ganz subtil und sachte genau auf diese Spur, thematisiert den Akt des Erzählens, lässt seinen Icherzähler glauben, nicht die richtigen Worte zu finden, keine Sprache zu haben für die Dinge, die um ihn geschehen und geschehen sind. Zu verführerisch ist bei all den autobiografischen Anleihen, Autor und Erzähler als eine Person zu sehen. Ein geschickter Zug, mit dem Høeg alles im Ungewissen lässt.

Am Ende steht die Erkenntnis, dass nichts sicher ist, es für nichts klare Definitionen gibt, die wir uns nicht selbst geschaffen haben, jede Grenze die Kreativität und individuelle Freiheit hemmt. Nur Erzähltes existiert und wird so zu Geschichte und zur eigenen und auch zur kollektiven Wahrheit. Das ist nicht neu und die Grundidee des metafiktionalen Erzählens. Høeg spielt dabei aber grandios jedes Genre, jedes Schubladendenken und jedes Klischee immer wieder gegeneinander aus. Den Leser lässt das etwas ratlos - und doch fasziniert zurück.



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