Peter Schneider zum 70. Geburtstag Schriftsteller, Phänomen, feiner Kerl

Ein Renegat, ohne abzuschwören, ein Kritiker, ohne Verräter zu sein: So reflektiert wie kaum ein 68er sonst hat sich Peter Schneider mit seiner Rolle in den Studentenprotesten auseinandergesetzt - und gleichzeitig wunderbare Bücher geschrieben. Reinhard Mohr gratuliert zum 70. Geburtstag.

Autor Peter Schneider: Chronist der Revolte - und seiner Beteiligung daran
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Autor Peter Schneider: Chronist der Revolte - und seiner Beteiligung daran


Dass Peter Schneider am Mittwoch siebzig Jahre alt wird, mag man kaum glauben. Nicht nur, weil es sich für einen waschechten, geradezu idealtypischen 68er, die Inkarnation des jugendlich-studentischen Protests, einfach nicht gehört, siebzig Jahre alt zu werden. Nein, er sieht auch nicht aus wie ein Siebzigjähriger. Als er am vergangenen Freitagabend bei einer kleinen Vorfeier seines Verlags Kiepenheuer & Witsch in der Berliner Wohnung der Literaturagentin Karin Graf im Türrahmen stand und der Reihe nach alte Freunde und Weggenossen vorstellte, wäre er durchaus als flotter Endfünfziger durchgegangen.

Und wie zum Beweis, dass Protest und lebenslanges politisches Engagement jung halten, erschien später auch noch Otto Schily, dessen 77 Jahre ihm ebenso wenig anzumerken waren. Auch Michael Naumann, Ex-"Zeit"-Herausgeber und neuer "Cicero"-Chef, war gekommen, der Dutschke-Biograph Jürgen Miermeister, der Schauspieler Otto Sander und Fred Riedel, Berliner Stadthistoriker und lokales Faktotum der 68er.

Gewiss, Peter Schneider ist Schriftsteller. Aber er ist auch ein Phänomen.

Als Aktivist, Wortführer und Kampfgefährte von Rudi Dutschke hat er alle Phasen der Protestbewegung von 1966 bis in die siebziger Jahre hinein intensiv durchlebt - vom antiautoritären radikaldemokratischen Protest bis zur maoistisch geprägten proletarisch-revolutionären Projektgruppe Elektroindustrie bei Bosch.

Zugleich aber war er immer schon Chronist der Revolte und seiner eigenen Beteiligung an ihr - nicht nur, weil er fleißig Tagebuch schrieb. Schon sein erster Roman "Lenz", für viele bis heute sein bestes Buch, war ein poetisch-melancholischer Abgesang auf die revolutionäre Utopie von der ganz anderen, endgültig befreiten Gesellschaft.

In seinen zahlreichen anderen Werken, darunter "Messer im Kopf" (1979), "Paarungen" (1992), "Eduards Heimkehr" (1999) und zuletzt "Rebellion und Wahn" (2008) hat er diese Spannung zwischen Hoffnung und Enttäuschung, Aufbruch und Desillusionierung auf vielfältige Weise variiert.

Weltrevolution? Oder doch lieber Frauen?

Dabei war für Peter Schneider das Politische immer auch privat - und umgekehrt. Nein, er war nie Mitglied der "Kommune 1" von Rainer Langhans und Fritz Teufel, aber seine Liebe zur Weltrevolution lieferte sich gleichwohl einen andauernden harten Wettkampf mit seiner Liebe zu den Frauen. Die Spuren sind in seinem literarischen Werk überall zu finden, und wer weiß, vielleicht hat ihn dieser hedonistische Drang zum Weibe davor bewahrt, in die letzte Radikalisierungsstufe der Revolte abzugleiten: den Terrorismus. Als er im Sommer 1968 nach Italien ging, besuchte ihn auch Ulrike Meinhof in Rom, und sie wollte nicht nur einen Cappuccino mit ihm trinken.

Doch Schneider ging, nach einem Aufenthalt im prächtigen Domizil des Komponisten Hans Werner Henze, wo sich Rudi Dutschke von den Folgen des Attentats erholte, lieber nach Trento. Dort wurde er von den italienischen Genossen (und Genossinnen!) wie ein Heilsbringer der Revolution gefeiert: 1968/1969 war Berlin, man mag es heute nicht mehr glauben, das europäische Zentrum des Aufstands, und der Glanz dieser eigentümlichen Führungsrolle strahlte auf ihn ab.

Wie von selbst lernte er dabei die späteren Anführer der "Brigate Rosse", der terroristischen "Roten Brigaden" kennen, und wieder war er mittendrin im Geschehen.

Umso erstaunlicher, wie sich Schneider immer wieder seiner eigenen Vergangenheit und der seiner Generation gestellt hat - nicht zuletzt in zahllosen Essays, vom linken "Kursbuch" bis zum SPIEGEL und dem Feuilleton der "FAZ". Selbst in Springers "Welt" hat er geschrieben - ausgerechnet er, der 1968 maßgeblich am sogenannten "Springer-Tribunal" mitgewirkt hat.

Eine ausgesprochene Seltenheit in Deutschland: Er ist ein Renegat, ohne abzuschwören, ein Kritiker, ohne Verräter zu sein. Einer, der seine politischen Irrtümer bekennt und dennoch nicht die eigene Biografie desavouieren oder gar ungeschehen machen will. Er ist und bleibt ein 68er, aber eben nicht einer von jenen, die stolz darauf sind, immer noch genau dieselben Auffassungen zu vertreten wie in ihrer seligen Jugendzeit. Nur wer sich ändert, bleibt sich treu.

Der alte Elan des Gesellschaftskritikers

In "Rebellion und Wahn. Mein 68", einer zeithistorischen Reflexion, die zugleich eine literarische, atmosphärisch eindringliche Selbstbesichtigung nach 40 Jahren ist, zieht er ein für ihn charakteristisches Resümee: "Die wichtigste Errungenschaft der 68er-Bewegung in Deutschland bleibt, dass sie massenhaft - und vielleicht für immer - mit der Kultur des Gehorsams gebrochen hat. Ihre größte Sünde war, dass ihre Anführer nach einem basisdemokratischen und freiheitlichen Aufbruch am Ende einer im Kern antidemokratischen Doktrin erlagen und vor den Verbrechen ihrer revolutionären Vorbilder - in Kuba, in Vietnam, in Kambodscha und in China - die Augen schlossen."

Im Klartext und ohne Angst vor Beifall von der angeblich "falschen" Seite: "Man kann der Gesellschaft und uns nur dazu gratulieren, dass wir nie eine reale Chance hatten, die Macht zu ergreifen." Schließlich aber, so Schneider schon fast hegelianisch, ist "aus dem Zusammenstoß einer importierten, personell mit dem Nazireich tief verstrickten und nur formal existierenden Demokratie mit einer radikalen, am Ende ins Totalitäre überschwappenden Protestbewegung" die "bei weitem lebendigste zivile Gesellschaft in der Geschichte Deutschlands entstanden".

Bei diesem durchaus dialektischen Lob der Gegenwart will er aber nicht stehenbleiben. Gerade hat er ein Theaterstück über die Finanz- und Bankenkrise geschrieben, und wenn er über die "Bankster" spricht, spürt man wieder den alten Elan des Gesellschaftskritikers, der sich mit den Zuständen immer noch nicht abfinden will.

Als Gastdozent, Fellow und Writer in Residence an den amerikanischen Universitäten Stanford, Princeton und Harvard und anderswo hat er viele Einsichten gewinnen können, die das Urteilsvermögen schärfen, ohne in irgendeinen neuen, ideologisch geprägten Radikalismus zu verfallen.

Am Ende aber das Wichtigste: Er ist ein feiner Kerl.

Happy Birthday, good old chump!



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Nothing is irreversible 21.04.2010
1. Lieber Peter
Viele Grüße aus Deiner Geburtsstadt!
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