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Geschichte eines Neubeginns: Die Balance beim Akt

Von

Peter Stamm: Variation über ein bitteres Thema Fotos
Gaby Gerster

International geschätzt werden nur sehr wenige deutschsprachige Schriftsteller, der Schweizer Peter Stamm gehört dazu. In seinem neuen Roman "Nacht ist der Tag" trifft ein extremes Schicksal auf sprachliche Eleganz - und ein Aktmaler auf eine Fernsehschönheit.

Unter den allseits anerkannten Weltliteraten von Alice Munro bis Philip Roth, jenen Schriftstellern, die gemeinhin wenn schon nicht mit dem Literaturnobelpreis so doch wenigstens mit dessen kleinerem Pendant, dem Man Booker International Prize, ausgezeichnet werden, hätte man Peter Stamm nicht vermutet. Im Januar 2013 brachte er es bis auf die Kandidatenliste - als erster deutschsprachiger Autor seit Günter Grass.

Der Schweizer, Jahrgang 1963, hat anders als der Großteil der deutschsprachigen Schriftsteller auch im angelsächsischen Kulturraum ein Publikum. Den Umschlag seines neuen Romans "Nacht ist der Tag" schmücken zwei lobende Zitate englischer Autoren: Zadie Smith und Tim Parks. Es mag Schriftsteller geben, deren Empfehlung eher abschreckt. Ein aufmerksamer Satz von Smith oder Parks aber, das ist schon fast so gut wie der Man Booker International Prize selbst - den Stamm dann doch nicht bekam.

Im Mittelpunkt von "Nacht ist der Tag" steht Gillian. Unter den vielsagenden Namen, die Schriftsteller sich ausdenken, um ihre Figuren zu charakterisieren, ist Gillian eine Art Schmuckstück: weltläufig und doch von alteuropäischer Eleganz. So könnte eine Habitat-Lampe heißen oder ein Parfum. Dementsprechend ist auch Gillian ein Vorzeigeobjekt. Moderatorin einer Kultursendung im Schweizer Fernsehen, hat sie das klischeehaft stilvolle Leben einer gutsituierten jungen Großstädterin geführt, bis ihr zu Beginn der Romanhandlung ein fürchterliches Unglück widerfährt.

Konfrontation der Extreme

Dabei verliert Gillian ihren Mann - und ihre Nase. Die schöne Fassade ist entstellt, die Karriere als Fernsehmoderatorin beendet. Auf Gillian warten zahlreiche kosmetische Operationen, der Horror einer Einsamkeit, in der selbst ihre Mutter sich ihr nicht mehr zu nähern wagt.

Wie es sich für einen klassischen Leidensweg gehört, hat Peter Stamm die Geschichte Gillians als Triptychon angelegt. Nach der Geschichte des Unfalls, der von Gillians Liebesleben und der ihrer Sehnsüchte im ersten Abschnitt, macht Stamm einen Zeitsprung. Nun steht Hubert im Mittelpunkt.

Auch wenn Hubert von seinem Schöpfer, dem Schriftsteller, mit einem weniger eleganten, regelrecht waidmännisch klingenden Namen in die Welt gesetzt wurde: Er ist ein dünnhäutiger Künstler. Als Maler von Aktbildern war er eine zeitlang derart erfolgreich, dass sich sogar das Kulturfernsehen für ihn interessiert hat - und er dabei Gillian kennenlernte. In einer Schaffenskrise verschlägt es ihn in ein Hotel im Engadin. Dort arbeitet mittlerweile auch Gillian.

Der krisenbedingte Rückzug in die Einsamkeit ist ein klassisches Sujet - dass er, wie in diesem Buch, von einer Ex-Fernsehmoderatorin und einem Aktmaler mit Aktmalhemmung angetreten wird, liegt äußerst nah an der Grenze zur Parodie. Doch würde die Literatur das Leben wirklich abbilden können, wenn sie nicht ebenso ein Balanceakt wäre wie das Leben selbst?

Der Reiz von "Nacht ist der Tag" liegt in der Konfrontation der Extreme. Während im Buch die Makellosigkeit Gillians in deren brutaler Zerstörung mündet, bedient sich der Autor bei der Schilderung dieser Zerstörung und ihrer Folgen sprachlich einer mit Gillians ursprünglicher Schönheit wohl durchaus vergleichbaren Makellosigkeit. Der tiefen Verzweiflung seiner Protagonisten setzt er Understatement entgegen. Andere Erzähler hätten den Schmerz lauthals herausgeschrien. In diesem Buch sind die Sätze sind leise und klar, Stamms Stil wirkt luftig, lichtdurchdrungen. Das Innenleben von Gillian und Hubert lässt er nur anklingen - und erzielt gerade dadurch Wirkung.

So wird "Nacht ist der Tag" zu einer grazilen Variation über ein bitteres Thema - die sprachliche Klarheit erweist sich in dieser Heilungsgeschichte als Mittel zum Zweck: Wie Balsam hilft sie den Figuren ins Leben zurück.

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